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Von Stefan Hentzgratkowski2

Der typische Frank Gratkowski steht nach dem Konzert in Rufweite der Bar, umringt von Musikern, Kollegen und Freunden, Saxofonisten und Bewunderern. Wer fehlt, sind die Groupies, weiblich, männlich, diejenigen, denen es vor allem darum geht, sich in der Nähe des Mannes, dem der Abend gehört, zu sonnen. Sie fehlen, denn jenseits der Bühne ist Gratkowski weit entfernt davon, Hollywood-Fantasien von Glanz und Glamour zu bedienen. Der Saxofonist mit den asketischen Zügen ist ein eher zurückgenommener Mann, einer, dem nicht die Anekdoten am Herzen liegen, nicht die ausschweifende Erzählung, die Legendenbildung. Der typische Frank Gratkowski erzählt eher leise, er spricht präzise – manchmal auch zu präzise, dann vermittelt die Präzision den Anschein von Unnahbarkeit.

An der Bar, unter dem direkten Eindruck des gerade gehörten Konzertes, wollen viele etwas von ihm wissen. Oft beziehen sich ihre Fragen auf das, was sie gerade vorher gehört und empfunden haben, auf die sehr speziellen Spieltechniken und die eigenartigen Klangeffekte, die der Saxofonist in seinem Spiel benutzt, um eine sehr spezielle Spannung aufzubauen und sein Publikum an seinem Forscherspaß teilhaben zu lassen. Gratkowski antwortet, gern.

In dem guten Vierteljahrhundert, seit er mit Artikulationen, einem spektakulären Soloalbum nur mit Alt- und Sopransaxofon, in die Öffentlichkeit trat, genießt er in der Szene einen Ruf als einer der ganz großen Virtuosen seiner Zunft, der wie kaum ein anderer den Klang seines Instruments zu modulieren vermag, vom messerscharfen Pfeifen in den Höhen über das Fauchen und Hauchen des Atems bis zum druckvollen Brummeln ganz unten im Tonspektrum. Dazu hat er die technischen bzw. theoretischen Hintergründe seines Spiels durchdrungen und kann nun ganz selbstverständlich über natürliche Obertonreihen und die spielerischen Probleme, die die daraus abgeleitete reine Mikrotonalität aufwirft, referieren. Wobei sein Metier eher dort liegt, wo auf der großen Landkarte von Jazz und improvisierter Musik die weißen Flecken sind, die Regionen, wo mit Unerwartetem und Unabgesichertem zu rechnen ist, mit Abenteuer.

Gewissermaßen ist Frank Gratkowski einer der Hidden Champions im deutschen Jazz. Geboren 1963 in Hamburg, beginnt er erst spät (mit 16) mit dem Saxofonspiel und beginnt auch in Hamburg mit dem Studium. 1985 wechselt er nach Köln an die größere Musikhochschule und lernt u.a. bei Charlie Mariano, Sal Nistico und Steve Lacy – allesamt Verfechter einer Ästhetik der leidenschaftlichen Coolness, in der erst perfekte Klangkontrolle die Freiheit öffnet –, neue Soundwelten und Klangräume zu betreten. Im Jahr seines Studienabschlusses, 1990, gibt er seine ersten Solokonzerte und gewinnt mit dem Programm, das ein Jahr später auf Artikulationen veröffentlicht wird, einen Preis beim genreübergreifenden Wettbewerb „Musik kreativ“. Es folgen zahlreiche Projekte mit überwiegend kleinen Ensembles: Duos, Trios, Quartette mit Musikern vom Jazzzweig der internationalen Improviserszene wie Georg Graewe (p), Dieter Manderscheid (b), Gerry Hemingway (dr) oder auch dem Italiener Sebi Tramontana (trb), mit dem er kürzlich das Album Live at Spaski Borci vorlegte.

Ein typischer Frank Gratkowski ist nun auch auf Z-Country Paradise zu hören, der Debüt-CD des gleichnamigen Quintetts, mit der das neue Label Z-Paradise Records des NRW-Vertriebs nach zweijähriger Verzögerung seinen Einstand gibt. Typisch ist diese Aufnahme allerdings nur im Sinne von: ganz anders. Anders jedenfalls als das, was man sonst von Frank Gratkowski kennt. Bei Z-Country Paradise handelt es sich, gemäß der Beschreibung des Comte de Lautréamont für den Surrealismus, um die „zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf dem Seziertisch“. Im Quintett kontrastiert die aus Serbien stammende Vokalistin Jelena Kuljic mit manisch teilnahmslos in den Raum gestellten Texten von Poeten wie Arthur Rimbaud, Charles Simic und Gabriele Guenther die geballte Energie und Leidenschaft, mit der Gratkowski, der finnische Gitarrist Kalle Kalima aus Berlin, der E-Bassist Oliver Potratz und Christian Marien am Schlagzeug ihre elektrisch kratzbürstigen Texturen realisieren und die physisch fordernden Grooves, auf deren Schwingen sie in die Höhe schweben. Der Pegel ist hoch, der Spaß an der Musik, die den offenen Raum mutwillig immer wieder zu sehr konkreten Beats und Sounds umformt, ist förmlich mit Händen zu greifen. Eine Band wie im Alarmzustand, impulsiv, expressiv und exzessiv. Eine Abfolge zufälliger Begegnungen, bei denen die fünf Musiker mit der Kraft ihrer musikalischen Mittel ständig umschalten: vom Groove in die Hinterfragung, von der Melodie in den Klang, von der Harmonie in die Dissonanz in eine andere, weitere Harmonie. Nichts bleibt vom Seziermesser verschont, doch die fünf Musiker genießen es, die sezierten Aggregate ihrer Musik so fachmännisch wieder zu verknüpfen, dass am Ende eine neue Einheit entsteht, fremd und bizarr und gleichzeitig anheimelnd und mitreißend. Typischer Gratkowski eben.

Aktuelle CD:
Frank Gratkowski: Z-Country Paradise (Z-Paradise Records / NRW-Vertrieb)