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Am 8. Januar 2013 spielte das Quartett um die Schlagzeugerin Eva Klesse sein erstes gemeinsames Konzert – und das sollte den Stein ins Rollen bringen. Zahlreiche Gigs und Konzertreisen folgten, im Jahr darauf erschien das vielbeachtete Debut Xenon, und als Sahnehäubchen obendrauf räumte die Band 2015 den ECHO Jazz als Newcomer des Jahres ab. Nun legt sie mit Obenland ihr zweites Album vor.

Von Andreas Colletklesse2 schindelbeckEva Klesse © Frank Schindelbeck

Gegenüber dem Debüt klingt Obenland gereifter und atmosphärischer, aber den Attributen des Erstlings sind Klesse und ihre drei Herren – Evgeny Ring (sax), Philip Frischkorn (p) und Robert Lucaciu (b) – treu geblieben. Nach wie vor spielen sie rein akustisch eigene Kompositionen. Es ist faszinierend, wie es dem Quartett gelingt, mit melodischen Wendungen und der komplexen Dramaturgie der Stücke neue Räume zu öffnen. Das ist eine Musik die zwischen feinst ziseliert und eruptiv gekonnt hin- und heroszilliert.

Auf der Platte finden sich Stücke mit seltsamen Titeln wie „Eulogie“, „Erdweben“ oder „Obenland“. Gedanken an eine Fantasy-Saga kommen auf, doch weit gefehlt! Für „Erdweben“ hat Klesse lange nach einem Titel gesucht, bis sie dann im vergangenen Jahr mit dem Quartett für das Goethe-Institut auf einer Konzert-Reise in Chile unterwegs war. Ihr südamerikanischer Betreuer sprach immer von Erdweben, wenn er Erbeben meinte, da sich im Spanischen die Aussprache der Laute b und w sehr ähnelt. „Das gefiel mir so gut, dass ich es übernommen habe, und ich dachte, dass es auch sehr gut zum Charakter des Stücks passt“, erläutert Klesse und fügt an: „Obenland ist ein Fantasie-Ort aus meiner Kindheit: der Dachboden bei meinen Eltern zu Hause, auf den ich manchmal gezogen bin.“ Mittlerweile ist dieses Obenland aber auch ein Ort, den die Band beim Spielen manchmal besucht. Er verkörpert quasi den Idealzustand. Ein Platz, an dem man nicht mehr so viel nachdenkt, sondern sich fallen und die Dinge einfach fließen lässt. „Manchmal gibt es besondere Konzerte. Solche, in denen man merkt, alle sind dabei und gehen gemeinsam auf die Suche. Man agiert und kommuniziert in einem ganz besonderen Fluss“, sagt Klesse.

Beim vielschichtigen „Klabautermann“ musste sie selbst lachen, denn das Stück weckte in ihr Assoziationen an ein Seemannslied. Da an einer Stelle der musikalische Fluss bricht, musste sie an die alten Geschichten denken, in denen Schiffe von Geistern vereinnahmt werden und schlussendlich untergehen. „Das schien mir sehr treffend für das Stück, wenn er dann auftaucht, der Klabautermann“, erklärt die Schlagzeugerin.

Die Hälfte der Stücke stammen aus der Feder Klesses, die üblicherweise am Klavier komponiert. „Ich setze mich einfach hin und fange an zu spielen. Wenn es gut genug war, erinnere ich mich am nächsten Tag noch daran, und dann mache ich mich nochmals dran. Bei mir dauert das meistens ziemlich lange“, erläutert sie ihre Herangehensweise. Manchmal hat sie sehr persönliche, konkrete Ideen, wie eine Komposition umgesetzt werden soll, aber oftmals entwickelt sich das innerhalb der Band dann doch in eine vollkommen andere Richtung, als sie es ursprünglich gedacht hat. „Spätestens wenn wir das Stück im zehnten Konzert gespielt haben, passiert oftmals etwas ganz anderes. Aber das ist ja auch gut so. Es soll ja nur ein Anstoß zum gemeinsamen Spielen sein. Da gibt es Regieanweisungen, aber der Rest ergibt sich“, erklärt Klesse.

Schon als kleines Kind liebte sie es, auf den unterschiedlichsten Dingen zu trommeln, doch klingt Klesses Musik so gar nicht nach der einer Schlagzeugerin, und dies ist auch gewollt. Natürlich hat sie ihre Helden, wie etwa Brian Blade, der eine große Musikalität in den unterschiedlichsten Genres vereint. Sie möchte in ihrer Musik nicht ausschließlich als Perkussionistin wahrgenommen werden, sondern auch als Dirigentin, die mal mit zarten Pinselstrichen, mal mit knackigen Ansagen die Energie kanalisiert und lenkt. „Ich will einfach Musik machen und nicht nur für Schlagzeug-Cracks. Meine Vorbilder sind eher Pianisten oder Vokalisten“, sagt Klesse.

An ihrer Band mag sie das tiefe Verständnis für die gemeinsame Musik, das weit über Worte hinausreicht. Es scheint einfach diese spezielle Kombination zu sein, die es ausmacht. „Da inspirieren und motivieren wir uns gegenseitig ganz gut. Diese Spontaneität, dieses Eingespieltsein, dieses Experimentierfreudige und Aufeinanderhören, dieses oftmals Intuitive ist es, was ich an ihnen schätze.“ So richtig viel Zeit im Studio hat die Band für Obenland nicht gebraucht, denn durch die zahlreichen Konzerte im Vorfeld waren die Stücke schon sehr gut ausgearbeitet, und diese Geschlossenheit hört man durchgehend.

Nach einem New-York-Aufenthalt und ihrem Master-Studium geht es für Eva Klesse jetzt erst mal auf groß angelegte Tournee. „Dann beende ich mein Studium in Leipzig, werde viel spielen und hoffentlich ebenso viel herumreisen. Das sind vorerst so meine Pläne.“

Aktuelle CD:
Eva Klesse Quartett: Obenland (Enja / Soulfood)