Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

bleckmann1Der Vokalist Theo Bleckmann thematisiert den Tod. Vielleicht ist er aktuell der erfolgreichste deutsche Jazzmusiker in den USA. Theo Bleckmann kam 1989 in die Vereinigten Staaten (seit 2005 ist er amerikanischer Staatsbürger) und hat sich seither den Ruf erworben, einer der herausragenden Vokalisten des zeitgenössischen Jazz zu sein. Gerade ist ein neues Album erschienen, das den Sänger erstmals als Komponisten zeigt. Nach etlichen Veröffentlichungen bei Winter & Winter ist Elegy sein Debütalbum für ECM.

J02 orangeVon Christoph Wagnerbleckmann2© Ann Hamilton

Christoph Wagner: Das neue Album ist ein Zyklus von Lied- und Instrumentalkompositionen. Wie nahm es Gestalt an?
Theo Bleckmann: Das ist meine erste Platte als Komponist. Ich habe alle Stücke selbst geschrieben außer einer Komposition von Stephen Sondheim, die ich arrangiert habe. Das Material hat sich in den letzten fünf Jahren angesammelt. Ich hatte vor dieser Platte ein thematisch ausgerichtetes Projekt, das sich mit dem Tod auseinandersetzte, und daraus stammen einige der Stücke. Auch dieses Album befasst sich thematisch mit dem Tod.
Christoph Wagner: Gab es dazu einen konkreten Anlass?
Theo Bleckmann: Ja, meine Mutter ist zwei Monate vor der Aufnahme gestorben. Sie war schwer krank, und ihr Tod kam nicht als Überraschung. Ich habe mich deshalb seit Längerem mit dem Tod befasst und wollte ihn zum Thema des Albums machen, allerdings auf eine eher heitere Art und Weise. Ich habe dabei an die Kantaten von Johann Sebastian Bach gedacht, die ja freudig, fast jubilierend sind. Etwas ähnlich Positives wollte ich in meinen Texten und in meiner Musik ausdrücken.
Christoph Wagner: Wie ist die Musik entstanden?
Theo Bleckmann: Viele Stücke haben sich in enger Zusammenarbeit mit den Musikern entwickelt. Der Gitarrist Ben Monder hat einiges beigetragen. Ich schreibe viel am Klavier, arbeite eher wie ein klassischer Komponist, der alles genau ausnotiert. Ich entwickle eine sehr konkrete Vorstellung von einem Stück. Mit den ausgearbeiteten Kompositionen komme ich dann zu den Proben, wobei die Stücke erst in der Zusammenarbeit mit den Musikern ihre endgültige Form gewinnen und sich dabei manchmal noch ziemlich verändern können.
Christoph Wagner: Welche Bedeutung kommt den Texten zu?
Theo Bleckmann: Ich bin ja eher ein Freund von wenigen Worten. Deshalb sind meine Texte wie kurze Gedichte oder „Zen Poems“. Manchmal ist die Musik zuerst da, für die ich dann einen Text schreibe, manchmal ist es umgekehrt.
Christoph Wagner: Deutsch ist deine Muttersprache. Du schreibst deine Texte aber in Englisch. Wie groß ist die Herausforderung?
Theo Bleckmann: Die ersten zehn Jahre in Amerika habe ich Texte gemieden. Als mich dann aber Musiker gebeten haben, Texte für ihre Stücke zu schreiben, habe ich langsam damit begonnen und bin dann immer tiefer in die Textschreiberei eingetaucht. Ich fühle mich sehr wohl in der englischen Sprache, inzwischen manchmal wohler als im Deutschen.
Christoph Wagner: Was ist dein literarischer Horizont? Liest du Gedichte?
Theo Bleckmann: Ich bin ein großer Fan von Emily Dickinson. Sie ist eine meiner größten Inspirationen, Margaret Atwood auch, sowie William Shakespeare. Bei Emily Dickinson bleckmann3habe ich immer das Gefühl, dass ich Teile ihrer Gedichte verstehe, aber einiges rätselhaft bleibt, was mich dann länger beschäftigt. Sie kommt mir halb entgegen, aber ich muss auch eine Strecke zu ihr zurücklegen. So würde ich mir auch meine Liedtexte wünschen.
Christoph Wagner: Unter den Musikern der Platte befinden sich einige alte Bekannte.
Theo Bleckmann: Stimmt. Mit Ben Monder arbeite ich schon seit 1993 zusammen, ähnlich lange mit dem Schlagzeuger John Hollenbeck in allen möglichen Projekten. Den Pianisten Shai Maestro habe ich vor zwei Jahren kennengelernt. Er hat mich kontaktiert. Wir haben uns dann für eine Session verabredet und ein Duo-Konzert absolviert, das fantastisch lief. Danach war klar, dass wir weiter zusammenarbeiten würden. Den Bassisten Chris Tordini habe ich in Hollenbecks Claudia Quintet getroffen, als ich dort einmal als Gast mitwirkte.
Christoph Wagner: Ohne Blasinstrument ähnelt die Besetzung eher der einer Rockband.
Theo Bleckmann: Ich arbeite gerne im Stil einer Rockband. Das Solospiel ist eingeschränkt. Es gibt noch Momente für Solos, in denen das Individuum hervortritt, aber die jazzübliche solistische Profilierung ist abgeschafft. Weit wichtiger für mich sind Stimmungen und Form. Es geht um Form mit einer atmosphärischen Farbe. Meine Musiker verstehen intuitiv, um was es geht, und steuern die richtigen Sounds bei. Da muss ich nicht viel erklären. Es ist wie bei einer Familie. Man kennt sich und die Vorlieben der anderen, wobei mich vor allem Ben Monder und John Hollenbeck immer wieder mit Ideen überraschen, die mir nie in den Sinn gekommen wären. Wunderbar!
Christoph Wagner: Du bist Vokalist. Die Stimme ist dein Instrument. Was ist dein Stimmideal?
Theo Bleckmann: Die beste Technik ist die, die man nicht hört. Ich will keine Emotionen auf meine Stimme drauflegen, wie es diverse Singer-Songwriter mit verrauchtem Organ tun, wo ein Gefühl evoziert wird, das gar nicht da ist. Deshalb hätte ich gesagt, meine Stimme soll neutral klingen, wenn sich das nicht so kalt und unemotional anhören würde. Diesem Stimmideal bin ich von Anfang an gefolgt. Ich hoffe, es ist mir gelungen, ihm mit der Zeit immer näher zu kommen.

Aktuelle CD:
Theo Bleckmann: Elegy (ECM / Universal)