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joachim kuehn1So kennt man ihn: ein Jazzpianist mit ewig jungem Sturm und Drang. Und so eher nicht: ein Maler. Der auch in seinen Bildern Musik auslebt. Nun zeigt die Fabrik der Künste in Hamburg seine Werke. Titel: Schönheit und Wahrheit. Joachim Kühn.


Von Roland Spiegeljoachim kuehn jens goethel2Joachim Kühn © Jens Goethel

Gerade eine Minute mit ihm gesprochen, und schon ist klar: Dieser Musiker steckt voller Schaffensenergie. Er nehme ganz viel auf zurzeit, sagt er, auf seinem neuen Flügel auf Ibiza, wo er wohnt. 23 Stunden Klaviermusik habe er seit August 2016 eingespielt, eine neue Trio-CD sei auch in Vorbereitung, und er habe die große Form wiederentdeckt: lange Stücke. Improvisationen, die auch mal die halbe Stunde sprengen. Nutze den Tag. Und die Kraft der Jugend. Denn die hat dieser 1944 in Leipzig geborene Pianist. 73: Das ist bloß eine Zahl. Alte Männer sehen anders aus. Anders als dieser nur scheinbar ergraute Lockenkopf mit den strahlend hellen Augen und der unverändert dynamischen körperlichen Präsenz. Ungebremste musikalische Aktivität: Kaum zu glauben, dass da noch was anderes ist. Bilder. Joachim Kühn malt. Ziemlich viel, und das seit mehr als zwanzig Jahren. Er schränkt aber gleich ein: „Im Moment hab ich überhaupt keine Zeit zum Malen“, denn er spielt ja so viel. Aber dafür kann das Publikum jetzt rund 100 seiner Bilder in einer Ausstellung sehen. Als wir miteinander sprechen, ist die noch nicht fertig. Kurz vor der Eröffnung, sagt er, werden er und der Galerist Jens Goethel „drei Tage lang komponieren, bis wir wissen, wie die Bilder hängen werden“. Er sagt wirklich „komponieren“. Und da ist was dran: Das Zusammenstellen von Bildern in Räumen ist ein Kompositionsprozess. Außerdem haben Kühns Bilder viel mit Musik zu tun.

Man kennt andere Jazzmusiker, die malen. Miles Davis schuf poetische Strichmännchen und farbig geschwungene Linien, die wie fragile Körper zu tanzen schienen. Der Schlagzeuger Daniel Humair ist bekannt als hoch ernsthafter Urheber von Ölgemälden: Farbflächen und Formen, die lodern und leuchten, als würden sie sich im nächsten Moment in Bewegung setzen. Humair ist übrigens schuld daran, dass Joachim Kühn auch malt. „Die Idee entstand schon, als ich noch in Paris wohnte. Da sagte mein Freund Daniel Humair: ,Du und deine Musik! Ich zeig dir jetzt mal was ganz anderes.‘ Und er zeigte mir Bilder. Ich hab dann auch angefangen, Bilder zu kaufen. Als ich nach Ibiza kam, mit dem Licht dort, hab ich begonnen zu malen.“ Anfang der 90er Jahre zog Kühn auf die Balearen-Insel. Und etwa seit 1995, sagt er, greift er zu Pinseln, Stiften, Farben.
kuehn der musikbaum 80x60 acryl leinwandJoachim Kühn: Der Musikbaum, 80x60cm, Acryl, Leinwand
Wie sehen sie aus, Kühns Kunstwerke? Große und kleine Formate. Leinwand. Papier. Auffällig starke Farbpräsenz. Eines davon: eine Explosion in Gelb, mit schwungvollen Linien in Weiß, Blau und Braun, die an archaische Schriftzeichen erinnern, vielleicht aber auch an Violin- und Bass-Schlüssel; drum herum, in vielen Ecken und Nischen wirbelnd: Noten. Schnelle offenbar, viele Sechzehntel, die in Gruppen rauf- und runterfließen, mit schwarzer Farbe und feinem Strich neben und über den Linien wie kleine spielerische Auswüchse, aber auch darunter, ein Gewimmel wie verschlungenes Wurzelwerk. Ein Baum aus Tönen und Farben?

„Ich male nichts Konkretes“, sagt Joachim Kühn, „das kann ich ja gar nicht.“ Nichts Gegenständliches. Einfach Farben. Und Noten. Warum Noten? „Ich mag Noten gern anschauen. Ich konnte Noten lesen, bevor ich Worte lesen konnte. Ich kann Noten lesen wie ein Buch. Ich hab irgendwann herausgefunden, dass ich Noten malen muss. Noten sind ja mein Leben.“ Und dann der Satz, der jede weitere Frage überflüssig macht: „Ich finde, Noten sehen super aus!“

Sie sind auf vielen Bildern. Vielleicht auf allen. Mal als große rote Punkte auf einem Bild mit viel Weiß und Blau rund um eine leicht übermalte Zeitungsseite mit arabischen Schriftzeichen. Mal als Kette zusammengeklumpter dicker Punkte und Striche an zwei vor einem gelb und rot flammenden Hintergrund vorüberschwingenden Linien. Mal als ruhende Ovale in Braun oder Hellblau auf dicken Linien über sattem blauen Grund. Die Noten beziehen sich nicht auf konkrete Stücke, „kein Viervierteltakt“, „abstrakte Noten“, wie Kühn sagt. Und doch kann ein Binde- oder Haltebogen in Rot unter zwei Noten mal an einen lachenden Mund erinnern.

Vielleicht ist es der des Malers selbst. Oder doch einfach nur eine Linie aus Farbe. „Es gibt keine Rules.“ Das ist für ihn der Reiz beim Malen. „Das ist wie eine freie Improvisation. Manchmal gelingt sie, manchmal nicht.“ Zu Hause auf Ibiza, auf der Terrasse in der Sonne, entstanden viele Bilder. Zwischen dem Üben. „Da geh ich raus, male, und wenn die Farbe trocknen muss, geh ich wieder rein ans Klavier. So kann man auch seine Tage verbringen.“ Vom 10. bis zum 21. Mai sind die Bilder auf zwei Etagen in der Hamburger Fabrik der Künste zu sehen. Am 11. Mai gibt Joachim Kühn ein Solokonzert. Und für den Rest der Ausstellung begleiten die Besucher 18 Musikstücke, die er Ende März in Hamburg für ein hochtechnisiertes Selbstspielklavier aufgenommen hat. Als Geist am Instrument wird der Künstler also stets anwesend sein – auch wenn er da längst wieder irgendwo ganz anders Stücke in die Tasten schickt, der Lockenkopf mit der langen Power.

Ausstellung:
Schönheit und Wahrheit. Joachim Kühn, 10.-21.5.2017, Fabrik der Künste, Hamburg