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helge schneider und pete yorkWo Helge Schneider draufsteht, da ist auch Helge Schneider drin, und zwar samt aller Facetten und Marotten. Der Hang zu Dada und Gaga, der vorgeschobene Dilettantismus und die Liebe zur Dekonstruktion gehören einfach zum Selbstverständnis der „singenden Herrentorte“ dazu. Selbst wenn diese ein reines Jazz-Album aufnimmt und sich damit ausgiebig jener Musik widmet, der Schneider mehr Ernsthaftigkeit entgegenbringt als jedem anderen Aspekt seiner Kunst – ganz zurückhalten kann sich der Meister der Kauzigkeit nicht. Auf Heart Attack No. 1 nimmt er sich nun einiger beliebter Klassiker an, die er auf die ihm eigene Weise interpretiert. Was den Stücken nicht immer gerecht wird.


Von Thomas Kölschhelge schneider und pete york2Helge Schneider und Pete York

Für Schneider geht mit dem neuen Album ein Traum in Erfüllung. Schon mit 19 Jahren, so sagt er, habe er den Wunsch nach einer Jazz-Platte nur mit Hammond-Orgel und Schlagzeug gehegt; jetzt hat er ihn zusammen mit seinem langjährigen Freund Pete York endlich realisieren können, 30 Jahre nach seinen ersten musikalischen Gehversuchen mit The Last Jazz. Und natürlich stürzt sich der 61-Jährige mit jeder Menge Leidenschaft auf die Standards, nur um sie mitunter augenzwinkernd zu karikieren. Vor allem mit Gesangspassagen voll haarsträubendem Ruhrgebietsenglisch. Schneider liebt diesen starken Akzent, diese bewusst gesetzte sprachliche Stümperhaftigkeit, mit der er jegliche Ernsthaftigkeit ad absurdum führen kann. Bei „As Time Goes By“ ist dies erwiesenermaßen sein Ziel: „Im Grunde ist der Song mittlerweile so abgedroschen, dass man ihn überhaupt nur noch in dieser rausgeschleuderten Fassung ertragen kann“, wird er im Pressetext zum Album zitiert. Eine fragwürdige Position – die aber immerhin erklärt, warum Schneider und York während der Aufnahme vor Lachen beinahe aus den Latschen kippen. Ersterer quäkt und nölt dabei mehr, als er singt, schert sich nicht um Intonation oder Klangentfaltung und überlässt es seinen Improvisationen an den Tasten, „Äss Teim Goss Bei“ noch im Bereich des Hörbaren zu halten. Ähnlich geht er bei dem Frank-Sinatra-Evergreen „One For My Baby (And One More for the Road)“ vor: „In meiner Version ist der Typ am Tresen sehr von sich überzeugt und durchaus positiv gestimmt“, behauptet Schneider, der damit einen Kontrast zu dem traurigen Text schaffen wollte, die entsprechenden Zwischentöne aber nur bedingt zu vermitteln versteht.

Aber gut, eigentlich ist Helge Schneider ja ohnehin mit anderen Talenten gesegnet. Dass sich hinter seiner kauzigen Art ein brillanter Multiinstrumentalist mit einem beeindruckenden Gespür für die Feinheiten des Jazz versteckt, ist längst kein Geheimnis mehr. Auf Heart Attack No. 1 kann der Jazz-Hopper sich dementsprechend austoben – und vor allem dann überzeugen, wenn er mal die Klappe hält, Orgel, Gitarre und Vibrafon für sich sprechen lässt und dennoch ein wenig vom gewohnten Weg abweicht. Großartig etwa, wie er sich bei dem leider anfangs viel zu leisen „Mood Indigo“ pfeifend vor Toots Thielemans verbeugt, Pete York die scheppernde und stimmliche Führung bei „I Feel Good“ überlässt oder bei „All of Me“ das Potenzial der Hammond-Orgel voll ausschöpft und sich sogar dem Scatgesang zuwendet. Auch die drei Eigenkompositionen können sich hören lassen, allen voran der herrlich groovende Titeltrack, der Lust auf mehr macht.

Doch längst nicht alle Stücke erreichen dieses Niveau. Nein, schlecht ist es nicht, was Schneider und York etwa bei „Body And Soul“ oder „Sweet Georgia Brown“ fabrizieren, allerdings auch nicht sonderlich originell. Hier rächt sich der eingeschränkte Klangraum, wären ein klares Klavier oder ein starkes Saxofon (das erstaunlicherweise fehlt, obwohl es doch zu den Parade-Instrumenten von Helge Schneider gehört) vielleicht keine schlechte Idee gewesen. Auch Pete York lässt ein wenig die Bandbreite vermissen, die „Mister Superdrumming“ in der Regel auszeichnet, spielt zwar souverän, aber vorhersehbar. Die beiden Aufnahmesessions, die das Duo für das Album aufgewendet hat, hätten sicherlich von einer Erweiterung profitiert. Andererseits ist es Helge Schneider wahrscheinlich ziemlich egal, ob Heart Attack No. 1 alle Erwartungen erfüllt oder nicht. Zum einen werden die Songs live ohnehin völlig anders klingen (und nur auf der Bühne wird Helge Schneiders wahres Genie offenbar), zum anderen gesteht der Maestro selbst ein, dass seine Art und Weise etwas ganz Besonderes ist. „Ichhelge schneider by thomas ki lsch3© Thomas Kölsch mache immer, was ich will“, sagt er. „Diese Platte passt einfach zu meiner momentanen Stimmung. Sie vermittelt Spaß und Freude am Leben, ohne klamaukig zu sein. Lebensfreude ist für mich das Wichtigste. Egal, wie man meine Ausdrucksform nennt. Comedy oder Klamauk, Unsinn oder Quatsch.“ Oder eben Jazz. Jazz, der mal schmerzt und dann wieder zu begeistern versteht. Typischer Schneider-Jazz eben.

Aktuelle CD:
Helge Schneider & Pete York: Heart Attack No. 1 (Polydor / Universal)