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corea1Wenn Armando Anthony „Chick“ Corea einen runden Geburtstag feiert, hält er sich nicht zurück. 2001, als er 60 wurde, spielte der Pianist eine dreiwöchige Retrospektive seiner Karriere im New Yorker Blue Note. Zum 70. legte er an gleicher Stelle einen knapp zweimonatigen Konzertmarathon hin und stand während 48 ausverkauften Konzerten mit insgesamt 30 Musikern auf der Bühne, darunter seine Electric Band, eine Return-To-Forever-Unplugged-Besetzung, und die Duopartner Herbie Hancock und Bobby McFerrin.



Von Olaf Maikopfcorea2Chick Corea © John Rogers / Deutsche Grammophon

Als verspätetes Geschenk zu Chick Coreas 75. Geburtstag im vergangenen Jahr bekommen der Pianist und seine Fangemeinde nun von Coreas Plattenfirma Concord die 3er-CD-Box The Musician mit zehn Mitschnitten der Konzertreihe von vor sechs Jahren überreicht. Vor der Aufnahme standen für Chick Corea einige Fragen: „Ich bin mir immer unsicher darüber, welche Formation mir am besten gefällt: Trios oder eine komplett besetzte Band? Mit welchem Musiker mag ich am liebsten arbeiten? Spiele ich lieber Klavier oder Fender Rhodes?“ Als Antwort organisierte er für die Konzerte ein Multi-Line-up, um alle seine Interessen zu befriedigen. Er lud u.a. ein: Stanley Clarke, Lenny White, Frank Gambale, Gary Peacock, Brian Blade, John McLaughlin, Kenny Garrett, John Patitucci, Gary Burton, Wallace Roney, Gary Bartz, Eddie Gomez, Jack DeJohnette, Herbie Hancock und Marcus Roberts – wahrlich eine beeindruckende Gästeliste. „Als diese Idee zu meinem 70. Geburtstag entstand, wurde ich nervös und dachte: Wie geht das alles zusammen? Aber dann merkte ich, dass alle, mit denen ich spielen wollte, seit so langer Zeit meine lieben Freunde und musikalischen Partner sind. Wenn ich also diese vielen Konzerte als Party begreife und nicht so fürchterlich ernst nehme, dann kann ich mich auch entspannen.“

Das vorliegende Resultat zeigt sich zwar manchmal als so etwas wie ein nostalgischer Rummel durch Chicks Historie und die Jazzgeschichte, aber er und seine hochkarätigen Mitspieler sind dann doch zu erfahren, um sich einer einlullenden Romantik zu ergeben. Also interpretieren sie Coreas Klassiker wie „Captain Marvel“, „Spain“ oder die Fremdkompositionen „Nefertiti“ und „Cantaloupe Island“ in frischen Arrangements und mit engagierter lebhafter Spielfreude. Einige der Sets beinhalten auch neue Kooperationen, beispielsweise ein Klavierduo mit Marcus Roberts oder den erfrischenden Take mit der spanisch-nordafrikanischen Flamencosängerin Concha Buika.

Im Laufe seiner Karriere packte Chick Corea viele Musikstile an, spielte als 21-Jähriger bei Mongo Santamaria, dann in den Bands von Blue Mitchell, Herbie Mann und Stan Getz, um kurz darauf (auf Empfehlung von Tony Williams) Herbie Hancock bei Miles Davis abzulösen, an Bitches Brew mitzuwirken und ganz entschieden zum internationalen Star der Jazzszene zu werden. Hatte sich Corea schon zuvor als brillanter akustischer Pianist und bemerkenswerter Komponist, durch seine lateinamerikanischen Idiome und seinen eklektischen Stil hervorgetan, setzte er sich nun häufiger auch hinter das elektrische Klavier und drehte an Synthesizern. Mit seiner erfolgreichen Electric-Jazz-Formation Return To Forever lieferte er grandiose Beispiele davon. Gleichzeitig leitete er mit Dave Holland (b) und Barry Altschul (dr) das frei arbeitende Quartett Circle, um sich mit europäischer Abstraktion jenseits von rhythmischen Grooves zu befassen. Mit beiden Bands schuf Corea Meilensteine in der Entwicklung vom Free Jazz zur Fusion Music. Gespielt oder komponiert, akustisch oder elektrisch, als Solist oder im Interplay – Chick Coreas Musik zeichnet sich stets durch drei Konstanten aus: einen kreativen und virtuosen Umgang mit Polytonalität, eine fein gestaltetet Harmonik und eine polyrhythmische Latin-Einfärbung. „Wenn ich mich für einen Weg zur Musik oder einer neuen Technik oder Richtung interessiere, folge ich diesem durch alle Höhen und Tiefen. Dabei fühle ich mich aber immer zu einer gewissen ästhetischen Form hingezogen, die ich in jeder Art von Musik finden kann“, erklärte Chick Corea einmal seinen Ansatz.

Wenn man wählen sollte, welche der in der Box versammelten zehn Besetzungen verzichtbar wäre, müsste die Antwort wohl lauten: keine. Denn auf den drei Scheiben (plus einer Blue Ray in der Deluxe-Ausgabe) gibt es mehr als nur die Auswahl großer Leistungen aus jeder Kooperation. Vielmehr demonstrieren alle Gruppen feinste Momente ihres Zusammenspiels und besitzen einen erstaunlich harmonischen, gemeinsamen Fluss. Natürlich ist Coreas Spiel dabei so perkussiv und gewandt, wie man es von ihm seit über 50 Jahren gewohnt ist.

Seit den späten 60ern zählt Chick Corea neben Herbie Hancock und Keith Jarrett zu den führenden Tastenvirtuosen, Bandleadern und Komponisten. All diese Begabungen versammelt und präsentiert dieses Boxset auf eindrucksvolle Weise. Dazu der Protagonist: „Ich wollte die Disziplin der Musiker und Schönheit der Stücke, das Feinsinnige von Harmonik, Melodie, die rhythmischen Qualitäten des Jazz aufzeigen.“ Abgerundet wird die Zusammenstellung von einem umfangreichen Booklet, in dem der Thelonious-Monk-Biograf Robin D.G. Kelley Coreas Karriere kurzweilig Revue passieren lässt und das eine Reihe schöner Farbaufnahmen der Blue-Note-Konzerte zeigt.

Aktuelle CD:
Chick Corea: The Musician (Concord / Universal)