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rodach1Musik kann ein ganzes Leben beschreiben, sagt Michael Rodach. Wenn man zulässt, dass auch die schwierigen Passagen hörbar werden. Er ist souverän unsouverän.



J02 orangeVon Tobias Richtsteigrodach2Michael Rodach

Eine Sekundreibung pulsiert im sphärischen Gitarrenklang, lakonisch kommentiert von einem Metallstab, der Quarten auf einer Saite anschlägt. Eine Zither? Vielleicht. Unwichtig. Jetzt beginnt eine E-Gitarre zu klagen. Western-Atmosphäre, die Geisterstadt in sengender Sonne. Intervalle spannen sich, steigern die Aufmerksamkeit. Irgendwas wird gleich um die Ecke biegen. Etwas Überraschendes.

Die Zeit ist rund – so lautet der Titel des Albums, das mit diesem Charakterstück beginnt. So könnte auch der dazugehörige Western-Klassiker betitelt sein: gedreht von Quentin Tarantino, produziert von Detlev Buck. Wenn nicht gleich der zweite Titel mit dreckiger Chicago-Blues-Gitarre und stampfendem Drumbeat eine ganz andere Richtung einschlüge. Und der dritte, getragen von Vinyl-Scratchen und Mülltonnen-Schlagzeug wieder eine andere. Später wird ein nervöser Electronica-Bass Druck machen. Was ist das hier? Diese Sammlung von Miniaturen, diese akustischen Szenen, die scheinbar zufällig aufeinander folgen und doch zusammengehören. „Das ist ein Ausschnitt davon, was in den vergangenen sechs, sieben Jahren passiert ist“, erklärt der Gitarrist, Komponist und Multi-Instrumentalist Michael Rodach. „Musik, die ich für Projekte, Hörspiele, Filme gemacht habe. Aber jetzt mal so, dass man sie davon unabhängig hören kann.“ Denn eigentlich ist seine Musik nie bloß für den Gebrauch bestimmt, auch wenn sie oft in Filmen, Theaterstücken, Hörspielen oder eben auch modernen Tanz-Projekten zu hören ist. So verdient er seinen Lebensunterhalt.

Aber Musik ist eben mehr als nur Beruf. Am wohlsten fühlt er sich in seinem Studio oben im Haus, wo er täglich arbeitet, übt, spielt. „Wo ich aufnehme, sehe ich den Himmel, die Vögel.“ Es ist sein Elfenbeinturm, sagt er. Und das ist nur ein klein wenig ironisch gemeint. Dabei war er einst mit der Jazzrock-Truppe Die Elefanten von West-Berlin aus in ganz Europa unterwegs. Bis ihm die Ego-Nummer am Bühnenrand irgendwie leer vorkam. Heute, Jahrzehnte später, sind seine Fragen feiner geworden: „Das ist doch das Rätsel in der Kunst: Wann ist es wirklich Musik? Bei dem einen sind es einfach schöne Klänge – und bei dem anderen ist es so, dass es dein Leben rettet, weil du es gehört hast und sagst ,Das hält mich hier!‘ Ich glaube, so etwas gelingt, wenn du dich als Musiker ganz in die Waagschale wirfst. Leute wie Glenn Gould oder auch Miles Davis, die haben diese Tür offen.“

Michael Rodach ist zu bescheiden, um sich mit den beiden zu vergleichen. Und doch darf hier festgestellt werden: Die Zeit ist rund ist auch so ein Album, das mehr bietet als nur eine Reihe schöner Stücke. Sicher kann man sie so nebenbei hören. Aber man kann sich auch von ihnen berühren lassen, dem Bluesfeel im Titeltrack nachgeben oder sich aufraffen, der brachialen Rockgitarre in „Talk About Silence“ zu widersprechen. Denn auch wenn Michael Rodach mit seiner Musik gerne Geschichten erzählt – er spielt sich nicht als der allwissende Erzähler auf. „Heute müssen alle immer souverän sein“, klagt er, und plädiert für mehr Unmittelbarkeit. „Mir ist lieber, einer kämpft um den richtigen Ausdruck, aber hat ein Anliegen, als wenn er mit tausend Fallschirmen auf Sicherheit spielt. Es gibt so zauberhafte Fehler. Und gerade im Fehler erlebst du mich ja in der echtesten Situation, die nur denkbar ist.“

Deshalb ist er auch froh, die Digitalisierung der Aufnahme-Technik mitzuerleben. Denn aufgenommen hat er seine Musik schon immer, vor Jahrzehnten eben noch mit zwei Cassetten-Recordern, wenn einmal zwei oder mehr Spuren notwendig waren. „Aber mein Wunsch war immer, ein so kleines Equipment zu haben, dass ich auch auf Hiddensee oder sonst wo schöne Aufnahmen machen kann. Und jetzt ist die Zeit da!“ Die nötige Aufnahme- und Tontechnik lässt sich leicht in einem Laptop installieren, ein Paar guter Mikrofone für Stereo-Aufnahmen gehört dazu, aber das reicht im Prinzip. Irritierend war anfangs nur das fehlende Grundrauschen der digitalen Aufnahmen. „Ich habe tatsächlich kämpfen müssen um die Poesie, die vorher bei den Cassetten da war. Das Rauschen, das hat auch geschmeichelt. Ich mag solche Unschärfen ganz gern. Weil sie auch inspirieren, Assoziationen aufrufen.“
Das Rauschen ist verschwunden aus seiner Musik – die Poesie ist geblieben. Auch davon erzählt Die Zeit ist rund: dass in der Uneindeutigkeit das ganze Leben enthalten sein kann. Mit allen Umwegen und Fehlern. Und so echt wie nur denkbar.

Aktuelle CD:
Rodach: Die Zeit ist rund (Traumton / Indigo)