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 Von Hans-Jürgen Linkegulda2 by hasenfratzFriedrich Gulda © Hasenfratz

Das Clavichord klingt wie eine überakustische Konzertgitarre, und genau so soll es auch klingen. Wenn Friedrich Gulda Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge (BWV 903) auf dem Clavichord spielt, hat das wenig mit dem Streben nach einer historisch korrekten Klanggestalt zu tun. Zwar ist das Clavichord ein Instrument des Barock, aber es war kein Konzertinstrument. Es stand beispielsweise in Bachs Komponierstübchen und klang so leise und diskret, dass er daran arbeiten konnte, ohne jemanden zu stören. Auch für Hausmusik, für die Chorproben-Arbeit und Ähnliches war es verwendbar, aber eben nicht für jeglichen größeren Rahmen.

Wenn Friedrich Gulda also Bach auf dem Clavichord spielt, dann will er das Private, das Intime, das Innenweltliche dieser Musik nach außen kehren. Dazu eignet sich das Clavichord ausgezeichnet, weil es klanglich ein Saiteninstrument ist, obwohl es über eine Klaviatur gespielt wird. Es kann die subjektiven Gestaltungsräume des Zupfens, des Anreißens und Saitendrückens in die suggestive Objektivität der Tastatur hinüberretten. Damit das klappt, berichtet Friedrich Gulda, wurde eine diskrete und effektive elektronische Verstärkung für das Clavichord mühsam entwickelt, die den Klangcharakter nicht verfremdet, sondern nur konzertsaalfähig macht. So wird auch Bachs Musik zu einem Stück aus dem Mikrokosmos Friedrich Guldas, und der raumgreifende Improvisations-Stil der sogenannten Chromatischen Fuge bekommt dabei eine erstaunlich gegenwärtige Gestalt.

Friedrich Guldas Absicht wird klar: Er wollte Musik spielen und keine Sparten bedienen. Musik, das war für ihn eine facettenreiche Klangwelt, in der mit historischem Bewusstsein interpretierte Barock- oder Rokoko-Musik ihren Platz ebenso hatte wie zeitgenössische Popmusik und Jazz. Sowohl in Konzerten wie auch in seinen Einspielungen agierte er konfrontativ. Er galt als profilierter Interpret für Klaviermusik Mozarts, Beethovens, Débussys. Deren Musik spielt Gulda übrigens auf einem Steinway und nicht auf „diesem grässlichen Hammerflügel“. Hammerflügel sind, findet er, einfach schlechte Klaviere. Mozart und Beethoven hätten für ihre Klaviermusik viel lieber einen Steinway gehabt, wenn sie gewusst hätten, dass es so etwas jemals geben würde. Er komponierte eigene Musik, die sich um Gepflogenheiten und Normen der zeitgenössischen Avantgarde nicht kümmerte. Er improvisierte und variierte motivisches Material aus der zeitgenössischen Pop-Musik. Und er spielte Jazz, etwa mit Joe Zawinul. Bei seinen Auftritten betätigte sich eine zunehmende freigeistige Verwandtschaft zur Fluxus-Bewegung. Das Publikum reagierte zuweilen verwirrt, und selbst wohlgesinnte Hörer fanden seine Auftritte mit Limpe und Paul Fuchs nicht immer zugänglich.

Am 12., 13. und 15. Oktober 1978 gab Friedrich Gulda im legendären Großen Saal des Musikvereins in Wien drei Konzerte, in denen sich sein weiträumiger Musikbegriff kondensiert. Die verdienstvolle Schwarzwälder MPS brachte seinerzeit einen Live-Mitschnitt der Konzerte in einer opulenten Kassette mit sechs Langspielplatten heraus. Sie enthalten eine Art musikalisch-poetisches Glaubensbekenntnis. Der Titel lautete deshalb auch Message from G., wobei das G zugleich Initial eines gewissen Geheimrates Johann Wolfgang (von) Goethe ist. Der spielt im letzten Konzert eine überragende Rolle in dem „Besuch vom alten G.“, in dem Gulda und seine Lebenspartnerin Ursula Anders Texte aus Goethes West-Östlichem Diwan rezitieren.

Nach allen Maßstäben des Musikbetriebs sprengt diese Sequenz von drei Konzerten nach wie vor gültige Grenzen. Die drei Konzerte sind jetzt bei MPS als Kassette mit vier CDs beziehungsweise in einer limitierten audiophilen Edition mit sechs LPs neu herausgekommen – akustisch, technisch, ästhetisch und inhaltlich mit größter Sorgfalt gestaltet. Das Booklet enthält technische Angaben des Produzenten Christoph Stickel zum Remastering-Verfahren und zu den Quellen der aktuellen Edition. Ursula Anders hat sich für ein kurzes Geleitwort an die alten Zeiten erinnert. Und das im Booklet dokumentierte ausgiebige, bestens informierte und aufschlussreiche Gespräch mit Gulda führte Jürgen Meyer-Josten – Pianist, Autor und von 1976 bis 1996 Leiter der Hauptabteilung Musik beim Bayerischen Rundfunk. Das Gespräch atmet den emphatischen, politisch vagen und ästhetisch unduldsamen Geist der 70er Jahre, gibt erstaunliche Auskunft über Guldas Gedankenwelt und über die Präzision seiner musikalischen Vorstellungen. Einer Präzision, die seine weiträumigen Gedanken als handwerkliches Nebenthema flankiert.

Aktuelle CD:
Friedrich Gulda: Message From G. – 3 Concerts By Friedrich Gulda (MPS / Edel:Kultur)