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Online-Archiv

Das Online-Archiv der JAZZTHETIK enthält die bereits auf jazzthetik.de publizierten Artikel. Es bietet keine Komplettübersicht über die erschienenen Beiträge in früheren Printausgaben von JAZZTHETIK. Die Suchfunktion auf jazzthetik.de bietet Ihnen eine Übersicht über die speziell für die Online Ausgabe ausgewählten Artikel.

 

Von Henry Altmann


Denn auch wenn in Berlin als Tochter einer französischen Mutter aufgewachsen, ist Céline Rudolph eben auch mit der großen Plattensammlung an afrikanischer, brasilianischer Musik und Jazz ihres deutschen Vaters groß geworden. Schon als Kind sang sie die sanften Laute der portugiesischen Sprache nach, lernte mit 15, Bossa Nova auf der Gitarre zu spielen, und so einen Teil der brasilianischen Musik als etwas kennen, »was immer da war, nicht als etwas, das ich mir angeeignet habe«.
Kein Wunder, dass Rudolphs neue CD so federleicht daher kommt, ein poetisches Märchen an hingetupftem, gestricheltem, pastelliertem Klang. Um sich noch besser auf die Aufnahme vorzubereiten, fuhr sie vor der Aufnahme einige Wochen durch Brasilien. »Ich wollte eben auch sprachlich und kulturell eintauchen - und nicht nur einfach so hinreisen und direkt im Studio abtauchen. Ich bin auf eigene Faust mit dem Auto durchs Land gereist und habe da unheimlich schöne Ecken entdeckt. Das war eigentlich ein ganz langsames Ankommen von Rio nach São Paulo.«


Die Idee, Rodolfo Stroeter - den bekannten brasilianischen Produzenten und Bassisten - zu kontaktieren, hatte Céline Rudolph, als sie Gilberto Gils Album Oslodum hörte. Der darauf enthaltene Mix aus Tradition und Moderne über mehrere Kontinente hinweg kam ihrer eigenen stilistischen und kulturellen Offenheit entgegen. Nach einem begonnenen Rhetorik- (!) und Philosophiestudium wechselte die 1969 Geborene einst zum Jazzgesang an die Berliner Hochschule der Künste. Ein Studienaufenthalt in Westafrika eröffnet 1995 eine neue Welt der Spiritualität und Konzentration, die sich in vielschichtigen Crossover-Projekten - das neueste, »Lissabon-Maputo-Berlin«, hat dieses Jahr in Lissabon Premiere - niederschlägt.


Und nun also Brasilien; sehr liedorientiert, einfach, aber mit Tiefe, so sollte das Album klingen. Tatsächlich ist es ein ebenso schillernder wie einfacher Mix aus Stücken brasilianischer Musiker, zwei Jazzstandards (»My One And Only Love« und John Coltranes »Naima«), Eigenkompositionen und einer Adaption des deutschen Volksliedes »Wenn ich ein Vöglein wär« geworden; weniger die Wiederentdeckung des Feuers als die Wiederentdeckung der Innerlichkeit. Das Arbeiten mit brasilianischen Musikern wie dem Akkordeonisten Toninho Ferragutti, dem Gitarristen Paulo Bellinati oder Stroeter selbst empfand die Sängerin als »ausgesprochen angenehm«. Dazu entdeckte sie, dass das im Jazz ungeliebte »Track- by-Track-Verfahren«, bei dem die Tonspuren nacheinander und nicht zugleich aufgenommen werden, durchaus auch seine poetischen Möglichkeiten birgt. »Ich habe dabei unheimlich viel gelernt. Und ich habe dabei etwas wiedergefunden, was ich eigentlich als Kind schon auf dem alten Fostex-Vierspurrekorder, den ich zum 13. Geburtstag geschenkt bekommen habe, gemacht habe, nämlich verschiedene eigenständige Linien übereinander zu schichten. Das ist ein unheimlich kreativer Prozess, so zu arbeiten.«


Da die meisten Musiker »mehrstimmig« fahren, also gleichzeitig mehreren Projekten und Tätigkeiten nachgehen - bei Céline Rudolph ist es neben vielerlei Bands die Tätigkeit als Professorin für Gesang an der Dresdner Musikhochschule -, bleibt so eine Erfahrung nicht ohne Folgen für das Gesamtschaffen. »Das hat auf jeden Fall Einfluss genommen - es hat mich auf eine gewisse Weise viel leichter und lebensfroher in meinem Singen gemacht. Ich hatte natürlich auch andere musikalische Phasen, die sehr viel mehr Schwere hatten. Das Brasilianische hat aber auch das sehr leicht gemacht.«


Wie erhält man sich auf einer schweren Tournee diese Leichtigkeit? »Ich bin jemand, der sich und die anderen auf einer Reise gern überrascht. Ich mag es überhaupt nicht, wenn sich die Dinge einfach so wiederholen. Das ist ja das Schöne, was man auf der Tour machen kann. Auf der CD gibt's keinen zweiten Take. Ich finde es aber gerade spannend, dass sich auf einer Tour die Musik eben auch weiterentwickelt. Da wir hier als Band eine total kreative Gruppe sind, kam schon auf den Proben dieser Geist, aus dem Moment heraus zu schöpfen, rüber. Und es ist schön zu sehen, wie neue Musiker auch wieder eine neue Auffassung in meine Stücke reinbringen, wie sich Musik wandelt ... wie sich auch das Leben wandelt, ein Prozess ist. Ich selber bin ja auch nicht mehr die von vor fünf Jahren. Insofern muss zwangsläufig auch die Musik eine andere sein.«


Aktuelle CD: Céline Rudolph: Brazaventure (Enja / Soulfood)

 

Kleine Inseln – große Musik. Die 21-jährige Sängerin Mayra Andrade von den Kap Verden zählt zu den vielen neuen Talenten der Inselgruppe, und man feiert sie schon als Evora-Nachfolgerin, wobei man erwähnen sollte, dass die kapverdischen Musiker selbst entsprechende Konkurrenzgedanken gar nicht erst aufkommen lassen. So begann sie ihre Karriere auch im Vorprogramm der Evora. Nach dem Erscheinen ihres Albums Navega kommt sie nun auf Deutschland-Tournee.

Jeden Monat werden in der JAZZTHETIK die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe.

Welche Namen repräsentieren den Schweizer Jazz? Sind es die Uralten wie Hazy Osterwald oder Teddy Staufer, die Alten wie Franco Ambrosetti, George Gruntz, Irène Schweizer und Pierre Favre oder die jüngere Generation: Nik Bärtsch, Erika Stucky oder Lucas Niggli? Sind es die Emigranten wie Mathias Rüegg, Daniel Humair, Charly Antolini oder Sylvie Courvoisier oder eher die Festivals Montreux, Willisau bzw. das Taktlos, die das Bild des Schweizer Jazz im Ausland bestimmen?

Schon seit Jahren etabliert sich der italienische Sänger Gianmaria Testa immer weiter jenseits der Flüsterschwelle des Geheimtipps. Seine Lieder sind anders als die anderer Cantautori Italiens, auch wenn er mit ähnlichen musikalischen Versatzstücken wie seine Kollegen spielt. Doch wenn diese ihre Liedstrukturen etwa mit jazzigen Elementen aufbrechen wollen, um sich so über sie zu erheben, dann unterstreicht Testa eher mit einer jazzigen Trompete die Freiheit innerhalb des Genres.