HÖRBUCHT

Monster

Sind da noch irgendwelche Monster unter meinem Bett?“ Man wird ja wohl noch ganz naiv fragen dürfen vor dem Schlafengehen, nur zur Sicherheit. Wobei das Pfeifen im Walde weder ins Schlaf- noch ins Kinderzimmer gehört, sondern raus in diese „reale“ Welt, die mehr und mehr wie ein unwirkliches Paralleluniversum anmutet, eine Persiflage auf sich selbst. Putin und Erdogan eröffnen gemeinsam ein türkisches Atomkraftwerk, als wär’s ein Baumarkt in Castrop-Rauxel; Trump trifft sich mit Kim Jong Un zum Bauklötzchen-, Sandförmchen- und Spielzeugraketenvergleich; und Papst Franziskus muss sich von seiner Kirche belehren lassen, dass es doch eine Hölle gibt – und nicht bloß „die Auslöschung sündhafter Seelen“. Manche Berichtigungen dulden einfach keinen Aufschub. Die Erde ist eine Scheibe. In der Hörbucht

(Und unter dem Bett antwortet es vielstimmig: „Nein!“, „Nö!“, „Nee!“, „Nope!“, „Auf gar keinen Fall!“, „NeinNein!“, „No!“ …)

Björn Simon

Mary Shelley

Frankenstein

Gelesen von August Zirner

GLM / Soulfood

4,5 Sterne

Die Anatomie und das Schlachthaus lieferten mir meine Materialien.“ Mit dieser nüchternen Tätigkeitsbeschreibung versieht Viktor Frankenstein im gleichnamigen Roman der britischen Romantikerin Mary Shelley seinen Versuch, tote Materie zum Leben zu erwecken, woraus der Trivialmythos des Monsters, in zahlreichen Filmen kongenial verkörpert von Boris Karloff, entstanden ist. Der Schauspieler August Zirner hat sich vorgenommen, bei seiner theatralisch-musikalischen Lesung des Romans nicht nur die Schaffung künstlichen Lebens zu thematisieren, sondern auch das wissenschaftliche Dilemma des Protagonisten, der beschließt, dass er über sein Tun an der Universität Ingolstadt besser schweigt, zu verdeutlichen. Das gelingt ihm über weite Strecken vorzüglich, und der Hörer wird sehr schnell in die unheimliche Atmosphäre der Geschichte hineingezogen; Dunkelheit, Sturm und die vor zweihundert Jahren noch längst nicht entschlüsselten Naturphänomene tragen dazu bei.

Zirner liest aber nicht einfach nur – und verkürzt den Roman dabei erheblich –, sondern spielt selbst auch Flöte und hat sich für die musikalische Untermalung und zahlreiche Zwischenspiele der Mitarbeit des Essener Spardosen-Terzetts versichert, mit dem er seit zehn Jahren regelmäßig auf Tour ist. Die drei Musiker (deren frühere deutsche Verballhornung des Weather-Report-Hits „Birdlandin „Vogelheim“ r jeden Jazzfreund ein großer Spaß ist und hier noch einmal nachdrücklich empfohlen sei) erweisen sich als Partner auf Augenhöhe, die sowohl für eine atmosphärische Geräuschkulisse als auch für sinnliche Instrumental-Titel – Höhepunkt vielleicht die funky Nummer, die in Ingolstadt“ zu hören ist – zuständig sind. Zum zweihundertsten Geburtstag der Horrorgeschichte – die Veröffentlichung von Frankenstein 1818 gilt als Geburtsstunde der fantastischen Literatur – ist dieses „Hörspiel“ ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man einen vermeintlich toten Klassiker wieder zum Leben erwecken kann.

Rolf Thomas

Claudius Reimann

Ist das Jazz oder kann das aus?

Gelesen von Katharina Bohlen & Claudius Reimann

Tonkunst Manufaktur

3 Sterne

Jule Kleba kommt zur Beerdigung ihres Vaters zum ersten Mal seit langer Zeit in ihren Heimatort zurück. Im leeren Elternhaus findet sie ein Konvolut von Briefen, die ihr Jugendfreund Hugo ihr über all die Jahre hinweg geschrieben hat und von denen sie bislang nichts wusste. Hugo ist Saxofonist und erzählt von Mucken auf Schützenfesten, in kleinen Clubs, in Punkschuppen und winzigen Studios. Die Briefe sind zu großen Teilen eine witzige und treffende Zustandsbeschreibung eines Musikers, der Coltrane schätzt und am liebsten ein großer Jazzer wäre, aber immer wieder an den Klippen der Realität scheitert, weil er mit der Musik eben auch seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Da verdingt er sich bei einer Sakro-Pop-Band oder er unternimmt einen Ausflug in die Welt der Klassik, wo er bei Ravels Bolero aushelfen muss.

Parallelen zum Leben des Autors sind nicht zu übersehen. Claudius Reimann ist ebenfalls Saxofonist, stammt aus dem nördlichen Ruhrgebiet und ist weitgehend in der Avantgarde-Szene aktiv, war aber auch beispielsweise beim Reunion-Album der Ruhrpott-Punk-Legende Hass vor ein paar Jahren dabei. Er schildert die Begebenheiten mit dem schnörkellosen Pragmatismus, für den die Bewohner des Potts so berühmt sind. Dabei legt er viel Wert auf stimmige Details: So ist die Schilderung eines Konzerts im Duisburger Esch-Haus – Anfang der 80er Jahre ein wichtiges Venue der damals blühenden Punk- und New-Wave-Szene – sehr treffend und präzise, und auch das Orchester Philharmonia Hungarica, bei dem der Protagonist aushilft, ist in Marl ansässig, der Stadt, in der Reimann geboren wurde. Parallelen zu Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse sind nicht zu überhören, aber mit diesem Großmeister des bitter-lakonischen Humors kann Reimann dann doch nicht ganz mithalten. Dafür verblüffen seine kenntnisreiche anekdotische Erzählweise und die vielen verschiedenen Musikszenen, in denen sich Hugo immer wieder voller Staunen und mit chamäleonhafter Anpassungsweise bewegt, durch ihre Fülle an realistischen und amüsanten Varianten. Und ein paar witzige Musikstücke, mit denen die Doppel-CD aufgelockert wird, gibt es auch.

Rolf Thomas