• Jivan-Gasparyan_© Michael-Dreyer

  • Jivan-Gasparyan_©-Michael-Dreyer

  • Jivan-Gasparyan_©-Michael-Dreyer

  • Jivan-Gasparyan_©-Michael-Dreyer

  • Jivan-Gasparyan_©-Michael-Dreyer

  • Jivan-Gasparyan_©-Michael-Dreyer

Von Hans-Jürgen Linke

Jivan Gasparyans internationale Karriere ist eng mit der Duduk verbunden. 1928 in einem Dorf bei Jerewan geboren, machte er sehr früh als Duduk-Virtuose von sich reden. Sein Verdienst ist es, dass das ursprünglich als nicht sehr elegant geltende ländliche Musikinstrument inzwischen als klassisches Instrument der armenischen Musik anerkannt ist und von der UNESCO offiziell dem immateriellen Erbe der Menschheit zugerechnet wird. Ursprünglich begleiteten Duduks – in der Regel zweistimmig, wobei das tiefer gestimmte Instrument weitgehend auf die Bordun-Töne beschränkt blieb – volkstümliche Lieder und Tänze und erklangen bei sozialen Ereignissen wie Hochzeiten, Geburtstagen und Beerdigungen. Nach einer Erhebung der UNESCO gab es 1996 in Armenien 236 Musikschulen, an denen Duduk-Unterricht erteilt wurde, im Jahre 2005 waren es nur noch 165.

Jivan Gasparyan lehrt am Konservatorium in Jerewan und arbeitete als Duduk-Virtuose unter anderem mit Peter Gabriel, Andreas Vollenweider, Lionel Richie und Hans Zimmer. Er wirkte mit bei Soundtracks zu Filmen wie Die letzte Versuchung Christi, Gladiator oder Ronin (mit Robert de Niro und Jean Reno). Seit vielen Jahren tritt er international mit seinem Duduk Ensemble auf, ursprünglich einem Trio, bis 2007 sein Enkel Jivan Gasparyan jr. dazukam. Das Quartett hat jetzt das Album Yeraz herausgebracht, das die Duduk als legitimes Instrument einer klassischen Musik armenischen Ursprungs feiert. Jivan Gasparyans 80. Geburtstag vor nun auch schon wieder fast zehn Jahren wurde in Jerewan groß gefeiert; jetzt schaut er seinem 90. Geburtstag entgegen.

Für westeuropäisch sozialisierte Hörer kommt das Duduk Ensemble vom ersten Augenblick an mit einem klaren und sehr starken emotionalen Eindruck daher: Melancholie. Das Instrument hat einen warmen, weichen Klang, vergleichbar etwa einer Klarinette im tiefen Register. Das Quartett artikuliert sehr präzise und klassisch, unterstreicht mit feinen dynamischen Abstufungen und subtiler Dramaturgie die pathetischen, melodisch prägnanten und nie ausschweifend verzierten, sondern stets mit wenigen Noten und knappen Arabesken arbeitenden Grundzüge der Musik.

Die Lieder des Albums entstammen der armenischen Volksmusik. Ihre heutige Existenz und Gestalt verdanken diese Lieder dem armenischen Priester, Komponisten, Musikpädagogen und Musikethnologen Soghomon Gevorki Soghomonian, bekannter unter seinem Mönchsnamen Komitas Vardapet. Vardapet hatte am Ende des 19. Jahrhunderts in Tiflis und in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität Ästhetik und Musiktheorie studiert und war nach Abschluss seiner Promotion 1899 in seine Heimat zurückgekehrt, um sich musikethnologischer Forschung zu widmen. Er reiste durchs Land, sammelte etwa 3000 dörfliche Lieder und notierte sie in einem selbst entwickelten Notationssystem. Es waren Arbeits-, Hochzeits- und Liebeslieder sowie dörfliche Tänze, aber auch melancholische Gesänge über die Erfahrung der Vertreibung, der sein Volk im Laufe der Geschichte immer wieder ausgesetzt war. Einen Teil der Lieder bearbeitete Vardapet in der romantischen westeuropäischen Tradition als Kunstlieder mit Klavierbegleitung; die Mehrzahl bekam die Form mehrstimmiger Chorgesänge. Ohne seine Arbeit wäre die armenische Volksmusik wohl mit dem Völkermord an den Armeniern vernichtet worden; Komitas gilt heute als Begründer der klassischen Musik Armeniens.

1910 zog er, um religiösen Konflikten auszuweichen, nach Konstantinopel, wo er am sogenannten „Roten Sonntag“, dem 24. April 1915, mit zahlreichen anderen armenischen Intellektuellen verhaftet und deportiert wurde. Während fast alle seine Mitgefangenen dem Völkermord zum Opfer fielen, durfte Komitas – möglicherweise aufgrund der Intervention des amerikanischen Botschafters – nach Konstantinopel zurückkehren, wo er seine Arbeit verwüstet fand. Er wurde zunächst in ein türkisches Militärhospital eingeliefert und 1919 nach Paris gebracht, wo er bis zu seinem Tode 1935 in einer psychiatrischen Klinik lebte.

Eins der bekanntesten Lieder aus Komitas’ Nachlass heißt „Tsirani Tsar“ und handelt vom Aprikosenbaum, der den Rohstoff der Duduk liefert. Auf Yeraz steht es an sechster Stelle; drei Stücke davor erklingt ein zartes „Ave Maria“. Es wird, wie die anderen Lieder auch, in einem vierstimmigen Satz aufgeführt, der in der kunstvoll-weichen Artikulation des Ensembles eine sparsame und dabei umso intensivere Spiritualität entfaltet. Darin eine armenische Grundstimmung zu sehen, einen Widerschein ständiger Verfolgung und Vertreibung, ist möglicherweise verkürzt, andererseits kaum von der Hand zu weisen. Möglicherweise hat auch der Ort der Aufnahme zur Stimmung des Albums beigetragen. Es handelte sich um das mittelalterliche Kloster von Geghard, das einsam in einer Umgebung von Bergen und Felsen liegt. Aber in all ihrer Melancholie wirkt die Musik nicht kraftlos, sondern gerade in ihrer Sanftheit auf eine sehr besondere Weise heroisch und beständig. Der vor einem Jahr verstorbene Tonmeister und Produzent Walter Quintus hat mit diesem Album sein letztes Meisterstück geliefert.

Aktuelle CDs:

Jivan Gasparyan Duduk Ensemble: Yeraz (Buda Musique / Membran)

Aragats (mit Jivan Gasparyan jr.): The Arrival (Dreyer-Gaido / Note 1 Musikvertrieb)