Megaphon

Von Hans-Jürgen Linke

Die anderen Parteien im Bundestag nennt Marc Jongen „Altparteien“, und es stört ihn offenbar nicht, dass es Joseph Goebbels war, der diesen Begriff in die politische Rhetorik einführte. Als kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag fordert Jongen eine neue nationale Erinnerungspolitik und mehrere Schlussstriche. Seine Neupartei will die Achtundsechziger entsorgen und einen kulturell getönten Rassismus, der etwas feiner geschminkt daherkommt als vor 80 Jahren, zur Grundlage national gesinnter Kulturpolitik machen. Das neuparteiliche Projekt einer „alternativen Kulturpolitik“ wendet sich gegen „Multikulturalismus“, der so schrecklich „eng verschwistert ist mit einem kunst- und kulturfeindlichen Gleichstellungsfuror der Geschlechter“. Also endlich Schluss mit Gleichheit, Schluss mit Reue, Schluss mit Freundlichkeit, zurück in die nationale Geborgenheit der 50er oder, je nach Kindheitserfahrung, der 30er Jahre! Wie lange es wohl noch dauert, bis der Hundekrawattenmann den Gesundheitsminister ohne Reue einen Hundertfünfundsiebziger nennt? Aber Spaß beiseite: In der aktuellen politischen und kulturellen Landschaft steht zurzeit viel auf dem Spiel und manches schon am Rande eines Abgrunds, in den zu schauen wir uns mit guten Gründen scheuen. Nein, niemand wird uns mittelfristig unsere Lieblingsmusik streitig machen wollen wie damals. Aber wer weiß, vielleicht erklingt bald der Badonviller Marsch oder ein Stück von Störkraft oder sonst einer Naziband als Ankündigungsmusik zur alternativen Tagesschau eines Privatsenders?

Vorläufig ist die Welt noch so, dass Aki Takase von rbb und dem Land Berlin den Berliner Jazzpreis bekommen wird. Aki Takase lebt seit 1987 in Berlin und hat seither, auch mit ihrer internationalen Ausstrahlung, die dortige Szene maßgeblich mitgestaltet.

Die German Jazz Trophy hingegen erhält das Brüderpaar Rolf und Joachim Kühn. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert, lässt sich also bequem halbieren und umfasst zusätzlich eine Statue des Stuttgarter Bildhauers Otto Herbert Hajek, die vermutlich unteilbar ist und im Worst Case einen schönen Grund für das gute alte Kain-und-Abel-Drama abgäbe. Seid bloß vernünftig, Jungs!

Gestorben ist der französische Jazz-Geiger Didier Lockwood, der nicht nur beim Jazzfestival in Montreux, sondern auch bei den Donaueschinger Musiktagen auftrat, Zbigniew Seifert verehrte, mit vielen bedeutenden europäischen und amerikanischen Jazzmusikern arbeitete und unter anderem zwei Violinkonzerte, eine Jazz-Oper und ein Klavierkonzert schrieb.

Bert Noglik sprach vom „Wunder des Spätwerks“ in der Jury-Begründung für Luten Petrowsky, dessen Letzter Rabatz (Euphorium Records) die aktuelle Bestenliste der deutschen Schallplattenkritiker, Abteilung zeitgenössischer Jazz, ziert. Die Aufnahme ist Abschluss der Trilogie, deren andere Titel Radau und Remmidemmi lauten.

Mit Remmidemmi hatte das Köln Concert des großen Keith Jarrett wenig zu tun. Gleichwohl bekommt Jarrett im September den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für sein Lebenswerk. Ein nicht unerheblicher Teil des Preises gebührt allerdings, seien wir gerecht, seinem Tonträgerverleger Manfred Eicher. Spielen wird anlässlich der Preisverleihung natürlich Keith Jarrett höchstselbst. Ende September ist in Venedig manchmal das Wetter noch recht angenehm. Also hin!

Uwe Werner, Saxofonist, Saxofonlehrer, Bandleader und Exponent der Jazzszene in Schwäbisch Gmünd und Umgebung, ist im Februar im Alter von 62 Jahren gestorben.

Das Europe Jazz Network (EJN) vergibt seinen Preis für abenteuerliches Programmieren (adventurous programming) an das Festival in Ljubljana, Slowenien, das eines der ältesten Jazzfestivals in Europa ist. Darauf einen Sliwowitz!

Klaus Doldinger erhielt bei der Jubiläumsgala des zehnten Deutschen Musikautorenpreises am 15.3. von der GEMA eben jenen Preis für sein Lebenswerk, und einmal mehr versuchen wir, zur Feier des Tages die Tatort-Erkennungsmelodie zu singen. Vergeblich.

Achim Bergmann war bayerischer Anarchist, Begründer und bis zuletzt auch Betreiber des Trikont-Verlags, der als revolutionär gestimmter Buchverlag begann und ab Anfang der 70er Jahre zunehmend auch Schallplatten revolutionärer und emanzipatorischer Machart verlegte. Am 1. März ist Achim Bergmann gestorben.

Wie so viele isländische Wörter, erscheint uns auch „Freyjujazz“ als zumindest schwierig aussprechbar. Es handelt sich um den Namen einer Konzertreihe, die Musikerinnen in den Fokus stellt und für die die Initiatorin (und Pianistin) Sunna Gunnlaugs den Isländischen Musikpreis als „Best Event“ bekam. Freyjujazz in Reykjavik, unbedingt merken!

Den Frankfurter Musikpreis, der stets am Vorabend der Musikmesse vergeben wird, bekommt das Bundesjazzorchester, das 1988 von Peter Herbolzheimer gegründet wurde. Die Laudatio bei der Preisverleihung am 13. April hielt Till Brönner, der von 1988 bis 1991 selbst im BuJazzO (so die offizielle Selbstabkürzung) spielte.

Rik Bevernage, für über 30 Jahre Leiter des Kulturzentrums De Werf und des gleichnamigen Tonträger-Labels in Brüssel, ist im Alter von 63 Jahren gestorben.

Alexander Bühl ist Jazz-Preisträger des Landes Baden-Württemberg. Bühl studierte Saxofon bei Hubert Winter, Steffen Schorn und Klaus Graf sowie Komposition bei Rainer Tempel in Stuttgart, ist Mitglied in mehreren Bands verschiedener Größen und auch als stilistisch weiträumig arbeitender Komponist erfolgreich. Hoch lebe er, mindestens dreimal!

Bernd Konrad hat den Baden-Württembergischen Landesjazzpreis für sein Lebenswerk bekommen, das nicht nur die Musik umfasst, sondern auch die enormen Vermittlerqualitäten für den Jazz, mit denen er sich seit über 30 Jahren verdient gemacht hat. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Stuttgarter Theaterhaus-Jazztage statt.

Mit einem Getränk in der Hand und einem überlegenen Lächeln auf den Lippen soll Russ Solomon, der Gründer von Tower Records, im Alter von 92 Jahren gestorben sein, während er sich im Fernsehen die Oscar-Verleihungs-Show anschaute. Was er wohl zuletzt gesehen haben mag?

Die Essener Zeche Zollverein gehört zum Welterbe, und wer je auf dem Gelände war, wird froh sein, dass die imposante Industriearchitektur nicht einfach dem Verfall preisgegeben, sondern für kulturelle Zwecke umgenutzt wurde. Jetzt kommt auch vernünftige Musik dazu: am 22.6. kommen mit Jeff Cascaro, dem israelischen Trio Shalosh und der Band Bassmati drei internationale und spektakuläre Acts in die alte Zeche in der Gelsenkirchener Straße 181, Areal A, Halle 12. Tickets und weitere Informationen unter

www.zollverein.de

Das größte deutsche Folk-Roots-Festival in Rudolstadt in Thüringen hat wieder ein spektakuläres Line-up mit fast 1000 Künstlern, darunter Aeham Ahmad und Edgar Knecht, Ale Möller, Cymin Samawatie, Gisbert zu Knyphausen, Graham Nash, Markus Stockhausen und noch manch anderes Highlight. Es geht vom 5. – 8.7. und erfreut sich einer guten Nachfrage, weshalb es nicht ganz verkehrt wäre, sich schon mal mit Informationen und Tickets zu versorgen.

https://rudolstadt-festival.de

Jürg Laederach aus Basel schrieb experimentelle Prosa, Theater- und Hörstücke, übersetzte Literatur aus dem Englischen und Französischen, war Gastdozent in Graz und Poet in Residence in Essen, Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Als Musiker spielte er Saxofon und Klarinette in der Baseler Jazz-Szene und schrieb Musikkritiken. Jürg Laederach starb am 19. März.

Das dem Deutschen Musikrat angegliederte Musikinformationszentrum in Bonn hat die Entwicklung musikalischer Integrationsangebote für Geflüchtete und Zuwanderer intensiv begleitet und verfügt mittlerweile über einen beachtlichen Informationsstand, den es auf seiner Website präsentiert. Geboten wird ein Überblick über aktuelle Projekte und Initiativen, individuelle Geschichten, praktische Handreichungen, Arbeitshilfen und grundlegende Erläuterungen. Näheres unter

http://integration.miz.org

Ist noch ein paar Tage hin, aber Zeit vergeht schnell: Wenn in Ystad die Sommertage schon wieder langsam kürzer werden, nämlich vom 1. – 6.8., steigt an der südschwedischen Küste das Ystad Jazz Festival. Erste Programmhinweise bei

http://ystadjazz.se

Workshops und Konzerte für manchen Geschmack gibt es bei den 22. Schorndorfer Gitarrentagen (die auch die Bassgitarre umfassen) vom 9. – 13.5. – zum Beispiel mit Carl Verheyen, Jennifer Batten, dem fantastischen Tobias Hoffmann, mit Clive Carroll, Dave Marotta oder Wolfgang Schmidt. Zu den Konzerten treten die benannten Herrschaften in der Regel mit ihren Bands auf. Für die Workshops empfiehlt sich baldige Anmeldung unter

www.schorndorfer-gitarrentage.de

Pfingsten erwartet uns diesmal vom 18. – 21.5.; gleichzeitig gibt es, wie seit Menschengedenken, das Festival in Moers. Es begibt sich diesmal auf weiträumige Expeditionen und bietet unter anderem drei Begegnungs-Projekte: die „Marimba-Madimba-Conference“ – bei der Marimba-/Madimba-Spieler von verschiedenen Kontinenten zusammentreffen –, sodann „Siddi Traces“, die sich mit der musikalischen Kultur des kleinen Volkes der Siddi im pakistanisch-indischen Grenzgebiet befassen, und schließlich im „Fokus Pyongyang“ eine Begegnung mit disziplinierten und wohlausgebildeten Musikern und ihrer Musik aus dem sonst sorgsam abgeschotteten Nordkorea. Und sonst? Peter Brötzmann, Oxbow, Ralph Alessi, Josephine Bode als Improviser in Residence, die WDR Bigband mit Peter Erskine und Vince Mendoza, eine Erweiterung der neuen Reihe „Discussions“ und natürlich viele Sessions. Was man sonst noch wissen sollte, findet man unter

www.moers-festival.de

Wolfi? Jazz? Ah: das Jazzfestival in Wolfisheim, ein paar Kilometer westlich beziehungsweise fast am Stadtrand von Strasbourg, auch Straßburg genannt. In Wolfisheim gibt es vom 27.6. – 1.7. Wolfijazz, und das nun schon in 8. Auflage. Diesmal mit Youn Sun Nah und Ulf Wakenius, mit Kinga Głyk und Fatoumata Diawara, mit Biréli Lagrène und Avishai Cohen, Charlie Winston und Asaf Avidan. Wolfijazz gehört zu einem Netzwerk von 13 kooperierenden französischen Festivals namens SPEDIDAM. Mehr darüber und auch zu der Frage, wo es Tickets gibt und wie man sie bekommt, auf der Website

http://wolfijazz.com

Und dann die Hildener Jazztage. Das Pablo Held Trio eröffnet sie am 29.5., enden werden sie am 3.6. mit Christoph Haberer und Sarah Buechi. Dazwischen tritt eine geschmackssicher getroffene Auswahl von Bands auf wie Tobias Hoffmann und sein Trio, Frederik Köster & Sebastian Sternal, die WDR Bigband, Fay Claassens Band oder auch die rätselhafte Rhythmussportgruppe. Das komplette Programm auf der Website

www.hildener-jazztage.de

Meine erste Jazzplatte war irgendwas von Charlie Parker mit Miles Davis. Wahrscheinlich. Vielleicht auch Glenn Miller. Oder gilt das nicht als Jazz? Beim SWR könnte man mit solchen windelweichen Antworten wenig anfangen. Da gibt es eine neue Sendereihe mit dem Titel Meine erste Jazzplatte, die verschiedene Persönlichkeiten, die mit der Jazz-Szene verbunden sind, nach prägenden Erlebnissen befragt: Wie kommt man zur improvisierten Musik? Was für eine Wirkung kann die erste Jazzplatte haben, die man immerhin früher für teuer Geld erwerben musste? Autor der Sendung ist Michael Rüsenberg, die Redaktion hat Günther Huesmann, und der nächste Sendetermin in der SWR 2 Jazztime ist der 26. Mai.

Monika_Roscher (c)Emanuel Klempa

Die Gitarre kann alles, und Bingen am Rhein swingt wieder. Und zwar am letzten Wochenende im Juni (22. – 24.6). Und die Gitarre? Ist ein echter Tausendsassa, als Solo-und Rhythmusinstrument, mit unterschiedlichen Stimmungen, verwendet in unterschiedlichsten Musikstilen und nicht immer mit sechs Saiten. Eröffnet wird das Festival von der Quadriga Jesse van Ruller, Torsten Goods, Helmut Kagerer und Andreas Dombert. Es folgen Flamenco mit Jan Pascal und Alexander Kilian, das Susan Weinert Rainbow Trio, die Monika Roscher Bigband, dann Tobias Hoffmann, der nirgends fehlen darf, wo es um die zeitgenössische Gitarre geht, und Nina Attai. Und dann ist da noch der Bass, der zuweilen ja auch eine Art Gitarre ist: Kinga Głyk, die Band Fazer, die Jazzrausch Bigband sowie Adam Lenox mit der Band Brooklyn Bridge. Näheres über die städtische Website

www.bingen.de

Bis zum 29.6. darf sich beworben werden um den Jungen Münchner Jazzpreis. Gebeten wird um aussagekräftige Unterlagen inklusive Tonproben der eigenen Musik. Die Bewerber sollen in Deutschland wohnen und nicht älter als 28 Jahre sein. Eine fachkundige Jury wird im Blindfold-Verfahren die drei besten Bewerber aussuchen, die am 9.11. zum Konzert in den Münchner Jazzclub Unterfahrt eingeladen werden, wo es dann ins Finale geht. Weitere Informationen und die genauen Bewerbungsmodalitäten unter

www.mucjazz.de

Dudelange aka Düdelingen liegt in Luxemburg, direkt an der elsässischen (also eigentlich französischen) Grenze, die es immer noch und seit einiger Zeit wieder verstärkt gibt, und nicht allzu weit von Schengen, das eine enorme europäische

Bedeutung hat. In Dudelange aka Düdelingen wird die Jazzmaschine angeworfen, die vom 10. – 13.5. tuckert und nicht die Luft verschmutzt. Am Anfang, also am 10.5., steht im Grand auditoire Peter Perfido mit Daniel Erdmann und Henning Sieverts auf der Bühne. Freuen darf man

sich zudem unter anderem auf das Reggie Washington Quartet, das Enrico Pieranunzi Quartet, das Maxime Bender Awake Quartet (mit Joachim Kühn, Oliver Lutz, Pit Dahm), das Trio Dadada (Roberto Negro, Emile Parisien, Michele Rabbia) und das Reto Weber Percussion Orchestra. Wie gesagt: unter anderem. Das komplette Programm und was man sonst noch wissen möchte unter

http://jazzmachine.lu

Die Reihe Jazz im Mozart Saal in der Frankfurter Alten Oper präsentiert in der kommenden Saison vier Trios, die jeweils eine höchst individuelle Version freier Improvisation vorstellen. Am Anfang wird das Michael Wollny Trio (mit Gästen) einen Beitrag zu György Ligetis epochemachender Komposition Atmosphères liefern (18.9.). Am 20.11. tritt das Alexander von Schlippenbach Trio zum ersten Mal in der Alten Oper auf, am 9.2.2019 das Pablo Held Trio und am 2.3. schließlich das Trio Gropper / Graupe / Lillinger.

www.alteoper.de

Das Sommerton Festival findet traditionell gegen Ende des meteorologischen Sommers statt, und nicht nur wegen des Namens zieht es ein treues Publikum stets dorthin. Was wird es hören? Zum Beispiel das Trio des chinesischen Pianisten und Komponisten Luo Ning, das Motion Trio mit Leszek Możdżer, das Anouar Brahem Quartet, Luciano Biondini mit Michel Godard und Lucas Niggli, Stefano Bollani solo, den Lautenisten Rolf Lislevand, die estnische Geigerin Maarja Nuut. Am 31.8. fängt es an, am 2.9. geht es unwiderruflich zu Ende. Und der Sommer?