In jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

Iiro Rantala & Ulf Wakenius
Good Stuff
ACT / Edel:Kultur
★★★★☆

Der Pianist Iiro Rantala aus Finnland und der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius sind beide schon lange ACT-Künstler, und dass sie nun endlich zusammengefunden haben, ist bei zwei vollen Tourkalendern ein Glücksfall. Vermutlich deshalb haben die beiden ihre Stücke „Vienna“, „Helsinki“, „Seoul“, „Rome“ und „Berlin“ benannt. Das quirlige Stridepiano-Stück „Helsinki“ arbeitet sich durch verschiedene Tonarten und Grooves und bildet eine prima Improvisationsplattform.

Von Klassik (unter anderem Puccinis Tenorkabinettstückchen „Nessun Dorma“) über Jazz zu Pop haben Rantala und Wakenius ihren musikalischen Schirm gespannt. Beide sind Meister des Grooves, des Spielwitzes und bieten ein großes Soundspektrum an, da sie unter anderem gerne mit abgedämpften Saiten spielen. Was die Musiker noch auszeichnet, ist die Fähigkeit, dem Mitspieler zuzuhören und blitzschnell zu reagieren, sowie die dynamische Bandbreite, die sie auf Gitarre und Piano zelebrieren.

Stevie Wonders „Sir Duke“ bekommt so noch eine extra Spannungsebene. Mein Lieblingsstück ist die irrsinnige Bearbeitung des Jazzklassikers „Giant Steps“ mit starken Basslinien und neuen Akkorden. Iiro Rantala brilliert als Meister des Stridepianos und der geschmackvoll poppigen Begleitungen, Ulf Wakenius an der akustischen Gitarre mit Blueslicks und funky Akkorden. Aufgenommen wurde das Album in Siggi Lochs ACT Art Gallery – am Flügel, der früher für Alfred Brendel reserviert war –, und es klingt dementsprechend hervorragend.
Angela Ballhorn

 

Bobo Stenson Trio
Contra la indecisión
ECM / Universal
★★★★☆

Es gibt Klaviertrios und es gibt das Bobo Stenson Trio. Diese erzählerische Leichtigkeit gepaart mit nordischer Melancholie macht dem schwedischen Pianisten und seinen beiden Mitstreitern an Bass und Schlagzeug wohl so schnell niemand nach. Dabei hat der Bandleader seinem Bassisten Anders Jormin besonders viel zu verdanken.

Nicht nur, dass Jormin elegant und gekonnt zwischen lässiger Feinnervigkeit und manchmal fast schon brutaler Ruppigkeit changiert, der Bassist steuert auch fünf der elf Titel auf dieser CD bei, darunter mit „Three Shades of a House“ eine bittersüße Ballade. Aber auch Schlagzeuger Jon Fält, der jetzt schon über zehn Jahre zur Besetzung des Trios gehört, sollte man nicht unterschätzen. Er ist in der Wahl seiner Mittel so nuancenreich und filigran, dass man glatt überhören könnte, wie locker er grooven kann – auf diesem Album beispielhaft in Erik Saties „Elégie“ zu hören.

Zusammen bildet dieses Trio längst eine unschlagbare Einheit, die viel mehr als einen gemeinsamen Klang kreiert hat. Dazu zählen längst auch die originellen Repertoire-Entscheidungen des Bandleaders: Neben dem von Satie macht sich das Bobo Stenson Trio auf Contra la indecisión auch noch Stücke von Mompou und Bartok zu eigen.
Rolf Thomas

 

Evans / Fisch / Oester / Rossy / Scherrer
Schlitten
QFTF / Galileo
★★★★★

Standards heißen ja unter anderem auch so, weil sie Maßstäbe gesetzt haben. Schlitten ist ein Standard-Album im besten Sinne – auf mehreren Ebenen.

Von der Tracklist angefangen, die mit Fats Wallers „Jitterbug Waltz“ anfängt und mit Monks „Bemsha Swing“ nicht endet, sondern erst mit dem 100 Jahre alten „Bill“ aus der Feder von Jerome Kern, das der Rezensent – Schande – nicht kannte, sondern hier mit dem wunderbaren Pianisten William Evans (schade, dass Namens-Witze verboten sind) erst kennenlernte.

Der Schweizer Saxofonist Donat Fisch hat den Detroiter, der inzwischen in Bern lehrt, ins Studio eingeladen, dazu den in Basel als Professor angestellten Schlagzeuger Jorge Rossy (in jungen Jahren der Drummer im Brad Mehldau Trio), seinen Bassisten aus dem Donat Fisch Quartett Baenz Oester und zu guter Letzt den Tenoristen Andy Scherrer (der hörbar einst Fischs Lehrer war) als Gast für die Stereo-Effekte bei den beiden Monk-Titeln („Misterioso“ ist der andere). Schlitten heißt das Album nach dem Produzenten Don Schlitten, der Dexter Gordon, Sonny Stitt und viele andere betreute, die heute dem Mainstream zugeordnet werden.

Ihm „war die spontan-intuitive Interaktion unter Gleichgesinnten“ wichtig, so ist es im ansprechend schlichten Digipack zu lesen. Und dass die Musiker sich im Kreis (ohne Kopfhörer!) um alte Mikrofone scharten, um zu spielen. Wenn das so großartig entspannte Musiker (keiner von ihnen muss noch etwas beweisen) machen und dann das Label drauf achtet, dass auch das Cover-Artwork einen Entwurf von Don Schlitten zitiert, aber zurückhaltend – dann wird es eben nicht Disneyland, sondern reiht sich ein in die zu Recht verehrten Standards jener Musik, die wir mögen. Dass das Basler Studio dann noch „Idee und Klang“ heißt – das muss dann eben auch so sein. Danke!
Tobias Richtsteig