Igor Butman & Wynton Marsalis

© IBMG / Igor Butman Music Group

Kremlpalast, Moskau

Von Angela Ballhorn. Wie kann man einen runden Geburtstag besser feiern als im großen Rahmen und mit vielen Freunden? Der Jubilar hatte sich seinen guten Freund eingeladen, der ein paar Tage vor ihm ebenfalls 60 geworden war. Auch den 50. Geburtstag hatten die beiden gemeinsam auf der Bühne gefeiert. Die Rede ist von Igor Butman, russischer Saxofonist und Leiter des Moscow Jazz Orchestra. 1991 kehrte er nach seinem Jazzstudium in den Staaten in seine Heimat zurück, der Kontakt zur amerikanischen Jazzszene riss allerdings nie ab. Über Branford Marsalis lernte er dessen Bruder Wynton kennen, die beiden sind seither eng befreundet und treten oft gemeinsam auf.

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Ort des Geschehens war Ende Oktober 2021 der Staatliche Kremlpalast. Der Bau aus den 60er Jahren fasst 6000 Zuschauer, die Bühne sieht auch mit zwei nebeneinander platzierten Big Bands beinahe noch leer aus.

Beide Big Bands gleichzeitig auf der Bühne zu haben, machte das Programm abwechslungsreich, da sich die Ensembles stückweise abwechseln und Solisten bei der anderen Band einsteigen konnten. Wynton Marsalis Ensemble war durch eine Europatour bestens eingespielt, bestechend in den Klangfarben der einzelnen Satzgruppen. Im Zentrum seines Programms standen Teile aus Marsalis Abyssinian Mass und Blood on the Floor. Das Moscow Jazz Orchestra verkörperte seine musikalische Tradition mit einem brillanten Arrangement von Schostakowitschs 7. Sinfonie von Nikolay Levinovsky. Im ersten Set wurde die Gastgeber-Band mit vielen Gästen aufgestockt. Die Sängerin Fantine sang sich herrlich leicht durch Chick Coreas „Youre Everything“, bei Sergey Mazayev (Sänger der Band Moral Code X) wurden alle Handys zum Filmen oder als Pseudo-Feuerzeuge hochgerissen.

Oleg Akkuratov (p, voc) flocht in Marsalis Komposition „Baby, I Love You“ einen verschmitzten Geburtstagsgruß an Butman ein. Das Publikum war glücklich mit der Musik und „ihrem“ Geburtstagskind und brachte Strauß um Strauß auf die Bühne. Highlight des Abends war die Verknüpfung von zwei Stücken, die die gemeinsame Geschichte von Russland und den USA repräsentierte. Auch in Russland gab es eine Zeit der Sklaverei, von der harten Arbeit erzählt das „Lied der Wolgaschlepper“. Dieses in finsterem, deprimierendem Moll gehaltene Stück wurde mit dem spritzig-bouncenden „Work Song“ von Nat Adderley kombiniert.

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Je weiter der Abend fortschritt, desto fließender wurden die Grenzen zwischen den Bands. Übernahm Igor Butman bei seiner Band fast immer mit großem Ton an Tenor- und Sopransaxofon die Solospots, verteilten sich die Solisten im Jazz at the Lincoln Center Orchestra. Neben Wynton Marsalis mit geschmeidigem Trompetenton spielten sich vor allem Paul Nedzela (bar) und Alexa Tarantino (as) in die Herzen der Zuhörer. Einen großartigen Abschluss fand der Abend in einem Benny-Goodman-Medley, in dem sich die Musiker hinreißende Battles lieferten. Besonders Butmans Bruder Oleg, der bei diesem Stück am Schlagzeug saß, und sein amerikanischer Kollege Obed Calvaire forderten sich gegenseitig zu Höchstleistungen heraus. Ost oder West – einen großen Unterschied konnte man nicht mehr ausmachen.