Jazzfest Berlin

So klingt die Hauptstadt

So viele Konzerte, Workshops und Veranstaltungen zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November – eigentlich bräuchte man als Besucher*in des Jazzfest Berlin die Superkraft, an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können.

Von Angela Ballhorn

Berlinde Deman

Schon die Zahlen sind beeindruckend: 24 Acts, vier Uraufführungen, zwei Europa- und fünf Deutschlandpremieren mit zusammen über 130 Künstler*innen aus mehr als 25 Ländern sind bei der 63. Ausgabe des Jazzfest Berlin im Haus der Berliner Festspiele sowie in den nahe gelegenen Spielstätten A-Trane, Quasimodo und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu erleben. Da steht jede*r einzelne Besucher*in vor der Qual der Wahl, sich aus dieser Fülle von teils gleichzeitig stattfindenden Angeboten die passenden herauszusuchen und einen individuellen Festival-Fahrplan zu erstellen.

Hamid Drake © Žiga Koritnik

Auf der Hauptbühne der Berliner Festspiele werden als Klammer um das Programm zwei große Jubiläen gefeiert: Der Komponist und Multiinstrumentalist Anthony Braxton – immer wieder gern gesehener Gast des Festivals – kommt 50 Jahre nach seinem ersten Auftritt zum wiederholten Male zurück zum Jazzfest Berlin. Er eröffnet das Festival mit seinem neugegründeten Septett und wird außerdem einen mehrtägigen Workshop für Studierende des Jazz Institut Berlin (JIB) geben. Unter seiner Leitung werden die Teilnehmer*innen unter dem Namen Creative Music Orchestra im Georg-Neumann-Saal des JIB die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit präsentieren.

Fanny Meteier © Maxime François

Rob Mazurek © Alejandro Ayala

Das zweite Jubiläum feiert das Globe Unity Orchestra, vor 60 Jahren anlässlich eines Kompositionsauftrags der Berliner Jazztage gegründet. Radikale Spielhaltung, neuer Free Jazz – so lauteten die Beschreibungen im Jahr 1966. Das Orchestra, dessen Musik der Leiter Alexander von Schlippenbach als „Apokalyptische Nabelschau“ ankündigt, wird mit Sicherheit ein fulminanter Schlusspunkt. Längst überfällig, dass mit der Pianistin Aki Takase erstmals eine Frau in den Reihen des Globe Unity Orchestra zu finden sein wird. Das Missverhältnis von nur einer Frau in einem männerdominierten Ensemble ist allerdings die Ausnahme beim Festival: Die Hälfte der Acts wird von Frauen (mit)geleitet, darunter so unterschiedliche Künstlerinnen wie Karoline Wallace, Laura Jurd, Elin Forkelid mit ihrem Coltrane-Tribute, Tomeka Reid mit ihrem Quartett, das Sheen Trio um Shabnam Parvaresh und die Gitarristin Wendy Eisenberg, die sich zuletzt Folksongs zugewandt hat. Deutschlandpremieren feiern etwa Ingebrigt Håker Flaten (Exit) Knarr und das Trio Georg Graewe / Brad Jones / Hamid Drake.

Auch hinsichtlich des Alters der Auftretenden ist Vielfalt garantiert. Als Kontrast zu den junggebliebenen Globe-Unity-Wilden um den 88-jährigen Alexander von Schlippenbach wird es im Rahmen der Jazzfest Community Week unter anderem zwei ImproLabs für Kinder in Moabit zu den Themen „Zirkus und Zeitreisen“ sowie „Chaos und Ordnung “ geben. Fünf Tage lang werden sich die Gruppen dabei durch den eigenen Kiez bewegen, Geräusche sammeln und ein kleines musikalisch-theatralisches Stück erarbeiten. Am Freitag zeigen dann beide Workshops in einem Zirkuszelt, der neu eröffneten Kulturmanege Moabit, was sie erarbeitet haben. „Die Abschlusspräsentation findet als interdisziplinäre Veranstaltung mit Musiker*innen statt“, erklärt Nadin Deventer, die Künstlerische Leiterin des Jazzfest Berlin. „In den Workshops ist das Thema Improvisation ja immer wichtig.“

Elin Forkelid

Weitere Veranstaltungen bei freiem Eintritt im Rahmen der Jazzfest Community Week, die schon am 26. Oktober, also einige Tage vor der Festivaleröffnung, im Petersburg Art Space (PAS) eröffnet wird, sind Lunch-Konzerte und Kiez-Sessions sowie ein vielseitiger Community Saturday. Und wer weiß, vielleicht entsteht ja während der Woche ein ähnlich stark beachtetes Werk wie der Film DREAM BABY DREAM im vergangenen Jahr. Er wurde mittlerweile bei Festivals in Genua, Vancouver und Wuppertal gezeigt. In Washington, D.C., wurde er beim Liminal Dance Film Festival als Preisträger ausgewählt und hat den Counterpoint Award der IN Series gewonnen. Die Jury würdigte die visionäre Zusammenarbeit von Musik und Bewegung sowie den außergewöhnlichen interdisziplinären Ansatz des Tanzfilms. „Deshalb ist es wichtig, diesen zwanzigminütigen Film auch auf der großen Bühne zu zeigen“, sagt Nadin Deventer. „Es ist kein Zufall, dass es in Amerika passierte, dass wir direkt bei der Premiere mit einem Hauptpreis ausgezeichnet wurden. Die Amerikaner sind uns in Sachen Community-Projekte noch weit voraus.“ Zudem gewann der Film den Best Artist Film (Short) Award beim Berlin Indie Film Festival.

Silke Eberhard © Dovile Sermokas

Wichtig ist der Künstlerischen Leiterin zudem, dass Berlin im Festivalprogramm fest verankert ist: „An jedem der vier Abende stammt ein Act aus Berlin. Mariá Portugal, Ganavya und Camila Nebbia sind mittlerweile Berlinerinnen, und Schlagzeuger Christian Lillinger wird seine Open Form For Society II uraufführen. Das ist Berlin 2026, so klingt Berlin gerade.“

Brad Jones © Caroline Mardok

Website:

www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin