46. Konfrontationen
Nickelsdorf

© Uli Templin
Von Holger Pauler. Nickelsdorf, die 1.800 Seelen-Gemeinde im Burgenland, an der Grenze zu Ungarn, war für viele Jahrzehnte der Nabel der Welt – zumindest für diejenigen, die es mit der frei improvisierten Musik halten. Zu verdanken ist dies dem im vergangenen Jahr verstorbenen Hans Falb. 1980 hat er im elterlichen Landgasthaus Falb das Festival Konfrontationen ins Leben gerufen. Im idyllischen Gastgarten spielten seitdem Größen wie Anthony Braxton, Cecil Taylor, Max Roach, Peter Brötzmann oder Irène Schweizer, aber auch regionale Künstler: Franz Hautzinger, Franz Koglmann, Sylvia Bruckner oder Susanna Gartmayer.
Die 46. Konfrontationen, die Ende Juli unter dem Titel Tribute to Hans Falb stattfanden, könnten die letzten gewesen sein. Vor allem am Samstagabend war der alte Gastgarten sehr gut gefüllt, und es kamen noch einmal Freunde, Gäste, Nachbarn und zahlreiche Musiker, die das Festival über mehr als vier Jahrzehnte mehr als nur begleitet haben, darunter Pianist Alexander von Schlippenbach, der als einziger schon bei der ersten Auflage 1980 dabei war, Saxofonist Mats Gustafsson, der vor vielen Jahren seinen Wohnsitz auch wegen der Konfrontationen nach Nickelsdorf verlegt hat, oder Pianist Georg Graewe, der zwischenzeitlich im Burgenland lebte, mittlerweile aber wieder in Wien wohnt. Sie alle trugen ihren Teil zu einem würdigen Festival bei.
Besonders der Auftritt von Joëlle Léandre (b) im Duo mit der vorzüglichen Vokalistin Lauren Newton versprüht die typischen Nickelsdorf-Vibes: Ein Basssolo für Hans Falb beginnt ruhig, wird immer rhythmischer und energetischer – bis Léandre ihre Stimme einsetzt: emotional schreiend und klagend, das Räuspern mutiert schließlich zum Rauschen und Rasseln, ehe der Geist förmlich entschwindet und nicht nur den Klangkörper verlässt – es folgt ein Moment der Stille und des Innehaltens, bewegter Applaus.
Die Stimmung auf dem Festival war trotzdem nur am Rande von Melancholie geprägt, stattdessen überwog die Begeisterung, die Hans Falb, der „lachende Außenseiter“, eingefordert hätte. Auch das Konzert von Sylvie Courvoisier (p), Hamid Drake (dr) und Ned Rothenberg (reeds) knüpfte daran an. Rothenberg bildete nicht nur optisch die Mitte, mit seiner Zirkularatmung sorgte er auch musikalisch für die Basis, auf der sich die beiden Rhythmiker austoben konnten. Courvoisier nutzte, wie auch später bei ihrem wundervollen Soloauftritt, die gesamte Bandbreite des Klaviers: Loops und wilde Patterns, schnelle Tonfolgen und kräftige Rhythmen – dann wieder präparierte Ausflüge in die Welt des freien Klangs. Drake wusste darauf stets eine Antwort, und so entwickelte sich ein fesselnder Dialog. Nach dem Konzert hielt Drake eine emotionale Rede: Hans Falb sei kompromisslos und herzlich zugleich gewesen, er habe sein Leben und seine Energie komplett der Musik gewidmet, ohne Rücksicht auf Geld und Gesundheit.
Mit dem Trio Angelika Niescier (as), Tomeka Reid (vc) und Eliza Salem (dr) war es schließlich drei Vertreterinnen der späteren Generation vorbehalten, das Festival zu beschließen. Es war ein dynamisches und dialogisches Miteinander mit filigranen Kompositionen statt freier Improvisation. Es war auch eine Konfrontation für ein nach drei Tagen und Nächten müde gewordenes Publikum. Auch das ist Nickelsdorf. Nun ist es an den Überlebenden, den Geist lebendig zu halten.



