Aynur

© Muhsin Akgün

Die Hoffnung auf Trost

Aynur Doğan zählt zu den bekanntesten Sängerinnen des kurdischen Volkes und arbeitet gegen alle Widerstände daran, dessen Tradition am Leben zu erhalten. Auf ihrem neuen Album frischt sie alte Lieder mit Jazz-Impulsen auf.

Von Guido Diesing

Die Verbindung unterschiedlicher Stile und Traditionen begleitet Aynur schon lange. Nach ihrer Kindheit in einem anatolischen Dorf kam sie 1993 als 18-Jährige nach Istanbul und war überwältigt von der Größe der Stadt und der kulturellen Vielfalt. „Ich habe es geliebt, klassische Oper, Jazz und Blues zu hören“, erinnert sie sich. „Aber wenn es darum ging, Trauer zu teilen oder Spaß zu haben, hörten wir trotzdem unsere eigene Musik.“ Die eigene Musik, das war und ist die aus der jahrhundertealten Tradition der Kurden, was ein Problem darstellt, wenn man sich in der Türkei künstlerisch entfalten will.

Seit 2012 lebt Aynur in Amsterdam. Dort hat sie auch den deutschen Pianisten Franz von Chossy kennengelernt, der auf ihrem neuen Album Hedûr – Solace of Time jazzige Impulse setzt. Der Titel des Albums spricht die Hoffnung auf Trost an, den Wunsch, sich ganz und gar eins mit der Welt zu fühlen. „Es erzeugt ernsthafte spirituelle und mentale Probleme, wenn ein Mensch aus der Balance gerät und seinen inneren Frieden verliert“, sagt Aynur. „Das ist etwas Typisches für unsere Zeit.“

Guido Diesing: Deine Songtexte sind sehr lyrisch und spielen mit traditionellen Volksliedmotiven. Andererseits giltst du als politische Künstlerin. Liegt das allein daran, dass du auf Kurdisch singst, oder kann man deine Texte auch politisch deuten?

Aynur: Jede Kunst beinhaltet Geheimnis und Magie. Wenn sie die Menschen erreicht, kann sie deren Sichtweise verändern. In Volksliedern sind Teile der wahren Lebenserfahrung von Menschen verarbeitet, das können Schmerz, Leid, Tod, Krieg, Exil, aber auch Heldentum, Liebe und Natur sein. Jeder Aspekt des Lebens findet dort Platz. Ich weiß nicht, ob das kurdische Musik politisch macht, aber ich weiß bestimmt, dass es politisch ist, eine kurdische Identität zu haben. In meinen Liedern verarbeite ich neben meiner Kultur und Tradition auch meine Hoffnungen und Erwartungen an die Menschen und das Leben, wie Gewissenhaftigkeit, Liebe und die Natur als allgemeine Werte.

Guido Diesing: Im Lied „Kal î kal î“ heißt es: „Steh auf, anstatt zu seufzen!“ Ein Aufruf zu mehr Mut?

Aynur: Wir geben zu schnell auf, wenn es schwierig wird. Wir tendieren dazu, unser eigenes Wissen aufzugeben und stattdessen dem Wissen anderer zu folgen. Dabei ist Selbstbewusstsein eine wichtige Kraft für uns und die ganze Menschheit. Wir haben beides, den Verstand und das Herz. Wir müssen nur lernen, ihnen zu vertrauen.

Guido Diesing: Die Lage der Kurden in der Türkei ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Wie beeinflusst das deine Arbeit?

Aynur: Die Tatsache, dass ein Volk aus dem Nahen Osten ständig unterdrückt, ignoriert und fragmentiert wird, dass sich sein Schicksal nie ändert und dass man bei der geringsten Reaktion als Terrorist eingestuft wird – das sind Konsequenzen einer Politik, die unsere Arbeit zweifellos erschweren. Wir können keine öffentlichen oder privaten Sponsoren haben und nicht in öffentlichen Konzertprogrammen auftreten, private Konzertsäle meiden uns aus Gruppenzwang. Wir kommen in den Medien nicht vor.

Guido Diesing: Dennoch hattest du mit dem neuen Album Konzerte in der Türkei geplant, die aber u.a. wegen der Corona-Einschränkungen nicht stattfinden konnten. Wann hast du zuletzt dort gespielt?

Aynur: Vor einem halben Jahrzehnt. Es ist traurig: Die meisten meiner Fans und Zuhörer leben in der Türkei, aber die Türkei ist gleichzeitig der Ort, an dem ich am wenigsten Konzerte geben kann. Das ist eine schmerzhafte und traurige Wahrheit. Die Liebe meiner Fans hält dennoch mein Herz warm und lebendig, selbst wenn ich Tausende von Kilometern entfernt bin. Ein Konzert in der Gegend zu geben, in der du geboren wurdest und aufgewachsen bist, das wäre, wie sich ganz unbeschwert zu Hause zu bewegen und geliebte Menschen zu umarmen.

Guido Diesing: Hedûr bringt neue Klangfarben in deine Musik. Nach den Flamenco-Einflüssen auf dem Vorgängeralbum Hevra hört man diesmal Jazz-Elemente. Siehst du es als deine Mission, der kurdischen Musik neue Impulse zu geben?

Aynur: Ich versuche immer, etwas Neues und anderes in meine Alben zu bringen. Ich bemühe mich, Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen zu finden. Gleichzeitig möchte ich der neuen Generation eine Brücke zur traditionellen kurdischen Musik bauen, um diese am Leben zu erhalten. Deshalb probiere ich, die traditionelle Musik mit einem Hauch von Jazz und klassischen Elementen zu verbinden.

Guido Diesing: Empfindest du eine große Spannung zwischen dem kulturellen Erbe und einem zeitgenössischen Ausdruck?

Aynur: Es ist unvermeidlich, dass traditionelle Musik an die Gegenwart angepasst wird. Wichtig ist es, dadurch ihre Sensibilität nicht zu zerstören und vor allem ihre emotionale Struktur zu verstehen, um ihren Kern nicht zu verderben. Natürlich hat jede Epoche ihren eigenen Charakter. Ich kann ein 200 Jahre altes Lied nicht so interpretieren, wie es ein Sänger vor 200 Jahren gesungen hat. Ich bereichere

© Muhsin Akgün

es mit meiner eigenen Sichtweise und Wahrnehmung, und das gibt mir die Möglichkeit, das Traditionelle mit den Errungenschaften unserer Zeit zu verschmelzen und meinen eigenen Stil zu erschaffen.

Aktuelles Album:

Aynur: Hedûr – Solace of Time (Dreyer Gaido / Note 1 Musikvertrieb)