Binge-Jazz, Folge 3 (Mai 2021)

Was schauen, was lassen? Jazz- und Serienjunkie Tony Alto fischt Schätze, Schmankerl und Sonderbares aus dem großen Stream.

And the winner is… Jazz! Vielleicht liegt es an den ab 2024 geltenden Diversitätsregeln, die sich die amerikanische Filmakademie auferlegt hat, vielleicht aber auch daran, dass es einfach die beste Musik der Welt ist: So viel Jazz war bei der Verleihung der Oscars jedenfalls noch nie. Filme wie „Ma Rainey’s Black Bottom“, „Soul“, „Judas and the Black Messiah“ oder „The United States vs. Billie Holiday“ konkurrierten bei der Preisverleihung in den Hauptkategorien, Terence Blanchard war zudem für die beste Musik (in Spike Lees „Da 5 Bloods“) nominiert.

Woher kommt Hollywoods plötzliche Liebe zum Jazz? Lee Daniels’ „The United States vs. Billie Holiday“ (seit 30.4. zur Leihe in den einschlägigen Portalen, ab 14. Mai auch auf DVD) gibt da stellvertretend den ein oder anderen Fingerzeig. So bündelt sich in einer Figur wie Billie Holiday die latente gesellschaftliche Zerrissenheit der USA wie in einem Brennglas: Da ist eine weltweit anerkannte und verehrte Ausnahmeerscheinung in einem genuin amerikanischen Genre, die sich in ihrem eigenen Land jedoch der permanenten Verfolgung und Demütigung ausgesetzt sieht.

Das FBI hatte es aus Angst vor Aufruhr, kommunistischen Umstürzen oder aus schlichtem Rassismus schon seit jeher auf schwarze Künstlerinnen oder Künstler abgesehen, wie man u.a. Jill Lepores 2019 erschienener US-Historie „Diese Wahrheiten“ entnehmen kann. Holiday war der Bundesbehörde vor allem wegen der Mutter aller Protestsongs „Strange Fruit“, der bitteren Anklage gegen Lynchmorde, ein Dorn im Auge. Um die Sängerin kalt zu stellen, versuchte man, sie wegen Drogenbesitzes dranzukriegen. Und setzte deshalb den schwarzen Bundesagenten Jimmy Fletcher vom Federal Department of Narcotics auf sie an.

Auf der Grundlage dieser historischen Tatsachen entwirft „The United States vs. Billie Holiday“ eine Liebesgeschichte, die so schizophren und widersprüchlich wie die USA selbst ist: Es geht um Verrat und um Selbsthass, um die nicht abzuschüttelnden Ketten der Vergangenheit und um das traumatische Erbe des Jazz. Sinnbildlich dafür steht eine Plansequenz, in der eine zutiefst erschütterte Billie Holiday den Schauplatz eines Lynchmords in den Feldern des Südens verlässt, um im nächsten Moment auf die Bühne einer Konzerthalle zu treten. Dort singt sie „Strange Fruit“.

In diesem Moment wird dann aber auch die Kluft zwischen der Kunst einer Billie Holiday und der Transformation auf die Leinwand deutlich. Die Dämonen des Rassismus, der Gewalt und der Drogensucht, die die echte Lady Day so meisterhaft subtil mit ihren Stimmbändern zu zeichnen wusste, werden einigermaßen schrill dargestellt. Das ist filmisch eher Glam-Rock als gepflegte Balladenkunst. Was aber konsequent ist, weil es Regisseur Daniels nicht allzu sehr auf geschichtliche Genauigkeit anlegt. Die Entourage der Sängerin kommt rüber wie eine dufte LGBT-Gang aus der Gegenwart. Und Billie Holiday ist auf der Bühne eine regelrechte Stimmungskanone, die sich auch mal zum Stage-Diving hinreißen lässt. Ihre Stücke klingen – wohl, um den Kontrast zum düsteren „Strange Fruit“ deutlicher zu machen – wie schunkelnder Proto-Rock’n’Roll. Hmm, das alles hatte ich irgendwie anders in Erinnerung.

Wobei natürlich erwähnt werden muss, dass die als beste Darstellerin nominierte Andra Day, die Holiday mit durchaus bewundernswerter Unbedingtheit spielt, die Songs selber singt. Das ist mindestens so mutig wie die vielen Nacktszenen und verdient Respekt (leider gab’s dafür keinen Oscar). Sei’s drum: Wenn der Film dazu führt, dass sich der ein oder andere die unkopierbare echte Lady Day anhört, will ich gar nicht meckern.

Obwohl ich ja auch zugeben muss: Der Musik-Film bei der diesjährigen Oscar-Verleihung, der mich am meisten berührt hat, ist gänzlich jazzfrei. Darius Marders „Sound of Metal“ (u.a. in Amazon Prime Video enthalten) handelt von einem Avantgarde-Metal-Drummer, der sein Gehör verliert. Der stellenweise geradezu dokumentarisch wirkende Spielfilm ist das exakte Gegenteil von „The United States vs. Billie Holiday“. Das Drama eines Musikers, der das vermeintlich Wichtigste in seinem Leben einbüßt, wird ganz nach innen verlegt. Ständig wartet man darauf, dass die von Riz Ahmed gespielte Hauptfigur Ruben ausrastet und etwas Schlimmes tut (Typ mit Tattoos! Ex-Junkie!) – aber das geschieht auf ganz andere Art als erwartet. An „Sound of Metal“ beeindruckt nicht nur die stattliche Zahl verschiedener Band-Shirts, die Ruben trägt. Sondern auch die unglaubliche Intimität, mit der das verzweifelte Ringen mit einem Verlust geschildert wird. Dank großer Schauspielkunst und fantastischem Sound-Design hatte ich mehrfach Tränen in den Augen. Geschieht mir bei Metal sonst eher selten.

Auch Chansons sind normalerweise nicht so mein Ding. Dennoch habe ich mir den Film „Aznavour By Charles“ angeschaut, der am 20. Mai ins Kino kommt, so es der große Dunkelblonde mit der komischen Brille und seinen Kumpanen, also Jens Spahn & Co., erlauben. Charles Aznavour war nicht nur der swingendste Auteur-compositeur-interprète Frankreichs, sondern auch ein begeisterter Amateur-Filmer; seine erste Kamera, eine Paillard-Bolex, war ein Geschenk von Edith Piaf. Kurz vor seinem Tod 2018 hatte Aznavour sich durchringen können, das in einer Geheimkammer seines Hauses versteckte Material gemeinsam mit dem Filmemacher Marc di Domenico zu sichten und für eine Veröffentlichung freizugeben.

Das Ergebnis ist eine wild bewegte 75-minütige Collage, die immer wieder mal kurze Schlaglichter auf das musikalische Genie Aznavours wirft, etwa sein lässiger Auftritt in der Carnegie Hall 1963 oder eine vor Lebensfreude übersprudelnde Jazz-Jam-Session in einem TV-Studio. In erster Linie ist „Aznavour By Charles“ jedoch eine atemlose Weltreise.

Ich habe gefilmt. Überall, ständig“, hört man den Schauspieler Romain Duris sprechen, der den Lebenserinnerungen Aznavours seine Stimme leiht. Und das ist keine Übertreibung. Aznavour hatte seine Kamera immer dabei, ob in Afrika oder Asien, in den USA oder in Südamerika. Angesichts der Fülle der Bilder und der Rasanz der Montage verliert man schnell den Überblick. Aznavour wird da zu einem Roadrunner, der sich in der einen Einstellung schwungvoll irgendwo vor einem Wasserfall herumdreht und in der nächsten die Treppenstufen am Montmartre hocheilt.

Aber klar wird auch: Der Sohn armenischer Einwanderer war nicht nur ein Getriebener, sondern auch ein einfühlsamer Beobachter. „Ihr habt mich gesehen, auf der Bühne, von Weitem und Nahem. Doch was ihr nicht wisst: Ich habe euch auch gesehen“, heißt es in dem Text aus dem Off, der aus Aznavours Memoiren kompiliert wurde. Er hat sie gern angeschaut, nicht nur seine Frauen, sondern die ganze Menschenfamilie. Vor allem die Kinder. Er identifizierte sich mit ihnen, vor allem mit den Armen, den Benachteiligten, den auf der Flucht Befindlichen.

Viele können nicht glauben, dass ich, der kleine Franko-Armenier mit Frank Sinatra, Nina Simone, Ray Charles und Barbra Streisand befreundet bin. Aber wer sind diese Großen?“, fragt Aznavour. Und antwortet: „Ein kleiner Italo-Amerikaner, eine kleine Afro-Amerikanerin, eine kleine Jüdin aus New York. Wir alle haben gegen Vorurteile wegen des Aussehens und der Hautfarbe gekämpft, und sind trotz des Makels zu etwas Besonderem geworden.“

Aznavour By Charles“ ist ohne Frage voller poetischer Einsichten. Kann sich manchmal aber auch wie ein langer Abend beim extrem redseligen Globetrotter-Onkel anfühlen, der seine Dias von Tibet zeigt. Ein Film wie ein Chanson.

Wo wir schon bei intimen Privataufnahmen sind: Der 2001 verstorbene Vater von Wolfgang und Christian Muthspiel war ebenfalls ein begeisterter Hobbyfilmer. Gemeinsam mit dem Schweizer Regisseur Pierre Yves Borgeaud haben die beiden Jazzmusiker acht Videoclips auf der Grundlage der bewegten und bewegenden Bilder von Kurt Muthspiel erstellt, die sie nun zum ersten Mal unter dem Titel „Super8Music“ in ihrer Gesamtheit zeigen (https://www.youtube.com/watch?v=YOaZKWK-BN8). Unterlegt von den Songs des Albums „Early Music“ werden die rhythmisch editierten Aufnahmen von Familienausflügen, alpenländischen Tanzlustbarkeiten und früher Faszination für den Lokomotivführer-Beruf selbst zur Musik. Man könnte nostalgisch werden: Ja, so war das früher, als man noch verreisen durfte!