Binge Jazz, Folge 6 (August 2021)

Was schauen, was lassen? Jazz- und Serienjunkie Tony Alto fischt Schätze, Schmankerl und Sonderbares aus dem großen Stream.

Na, auch schon länger nicht mehr auf einem Festival gewesen, bei dem sich das Publikum hingerissen aneinander kuschelt? Keine Sorge: In den deutschen Kinos gibt es ab 5. August ein visuelles Methadon-Programm gegen die schlimmsten Entzugserscheinungen. Da kehrt mit Bert Sterns „Jazz an einem Sommerabend“ (hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=wOkut_SdQtE) überraschend eine Dokumentation zurück in die Lichtspielhäuser, die von vielen Experten als „Goldstandard des Musikfilms“ angesehen wird (sagt beispielsweise der „Magnolia“-Regisseur Paul Thomas Anderson).

Für „Jazz an einem Sommerabend“ besuchte der damals 28-jährige Werbefotograf Bert Stern im Juli 1958 das Newport Jazz Festival. Eigentlich sollte er auf Geheiß des Festival-Mitbegründers Louis Lorillard nur ein paar Filmaufnahmen machen. Doch Stern konnte sich nicht satt sehen und hören an dem, was er da vorfand. Und so machte er die Menschen im Publikum zu ergriffenen, ausgelassenen oder in Trance versunkenen Co-Stars von Musikerinnen und Musikern wie Thelonious Monk, Louis Armstrong, Anita O’Day oder Mahalia Jackson, die auf dem Festival auftraten.

Gemeinsam mit seinen Co-Kameraleuten Courtney Hesfela und Raymond Phelan zeichnete Stern unmittelbare und unverfälschte Emotionen auf. Die Gefilmten spürten die Kameras nicht oder empfanden ihre Anwesenheit offenbar als vollkommen natürlich. So muss es auch Marilyn Monroe ergangen sein, die Stern 1962 kurz vor ihrem Tod für eine intime Fotosession ablichtete, die als „The Last Sitting“ weltberühmt wurde.

Ähnlich nackt und ungeschminkt schauen uns nun auch die Festival-Besucher von 1958 in der restaurierten 4K-Version von Sterns erstem und einzigen Film an. Sie werden – auch dank der für damaligen Zeit innovativen Bildsprache mit langen Einstellungen und Gegenlichtaufnahmen – zu unseren Zeitgenossen. Manchmal denkt man glatt, dass man es mit Leuten aus dem Jahr 2021 zu tun hat, die für eine neue Staffel von „Mad Men“ eingekleidet wurden.

Natürlich ist auch „Jazz an einem Sommerabend“ Kind seiner Zeit. So erinnern die eingefügten Aufnahmen der „America’s Cup“-Segelregatta an die eher unrühmliche Geschichte des Originalcovers der Miles-Davis-Einspielung „Miles Ahead“. Dort war ursprünglich ein weißes Model an Bord eines Segelschiffs zu sehen. Wie man der Dokumentation „Miles Davis: Birth of the Cool“ (verfügbar auf Netflix) entnehmen kann, war der Trompeter davon überhaupt nicht begeistert. „What’s that white bitch doing on the cover of my album?“, fauchte er seinen Produzenten George Avakian an. Eben dieser war auch „musical director“ von „Jazz an einem Sommerabend“ – was die zum Teil aufwendig aus der Luft aufgenommenen Bilder von den Segelbooten erklären dürfte.

Trotz des gelegentlichen Abgleitens in Werbefilm-Gefilde (etwa die wiederkehrend auftretende Dixieland-Band, die mal am Strand, mal auf einer Kinder-Eisenbahn sitzend herumhupt) ist Sterns Werk ein unschätzbar wertvolles Zeit-Dokument. Es vereinigt für 85 rauschhafte Minuten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Jazz. Man hört Gospel, Blues, Tradjazz und Bop, sieht das New Thing in Form von Chico Hamilton und Eric Dolphy herannahen und gewahrt auch schon den Totengräber des Jazz namens Rock’n’Roll – in Person eines Chuck Berry, dessen Duckwalk und ungeschliffenes „Sweet Little Sixteen“ 1958 von Jo Jones und Jack Teagarden amüsiert, aber auch etwas abschätzig grinsend begleitet wurde. Eines ist jedenfalls sicher: So gut wie in Sterns Film hat der Jazz danach nie wieder ausgesehen.

Die Ardèche, Liebeleien und der Pianist Jacky Terrasson – ein Jazz-Sommernachtstraum sehr französischer Art ist „Die Ehrlichkeit“ von Charles Guérin Surville. Der Film ähnelt deutlich mehr einer Versuchsanordnung als einer Komödie, worunter der Film bei Apple TV oder Amazon Prime Video seltsamerweise geführt wird. Es geht um eine Gruppe von drei Männern (ein Regisseur, ein Philosoph, ein Jazzmusiker) und vier Frauen (eine Schauspielerin, eine Sängerin, ein Model und, was denn sonst?, eine Neurowissenschaftlerin) die im sommerlichen Südfrankreich eine neue Filmversion von „Romeo und Julia“ entwickeln wollen. Man isst, trinkt, badet und redet unglaublich viel. Dass es keine Handlung und kein erkennbares Konzept gibt, ist, genau, das Konzept. Letztendlich handelt es sich bei „Die Ehrlichkeit“ um eine Art Gruppen-Improvisation mit schönen Menschen an schönen Orten, zu der Jacky Terrasson gemeinsam mit der Sängerin Manon Palmer aus dem Stegreif entstandene Songs beisteuert. Das Ad hoc des Jazz wird zum Erzählprinzip erhoben, was mal einen gewissen Charme hat, mal aber auch wie ein Éric-Rohmer-Hauptseminar wirkt. Dennoch gerät man auf Dauer in jene Art von angenehmer Rosé-Urlaubstrance, in der einem alles ein bisschen egal ist und man einfach nur die Je-ne-sais-quoi-Stimmung genießt. Seinen Titel trägt der Film jedenfalls völlig zu Recht: So räumt Regisseur und Hauptdarsteller Surville am Ende ein, dass er nicht das bekam, wonach er gesucht hatte. Und das ist sehr ehrlich.

Mehr abgestandenes Kopfschmerz-Bier als prickelnder Perlwein ist die sogenannte Comedy-Gameshow „LOL: Last One Laughing“, von der Amazon Prime Video für den Herbst eine zweite Staffel androht. Ich muss gestehen: Besonders auf die Nerven ging mir in der ersten Ausgabe der Spaßmacher Teddy Teclebrhan mit seinem angeklebten Schnurrbart und seinen infantilen Ausbrüchen. Wenn man jetzt ein zartes Rieseln hören sollte, ist es der Ascheneimer, den ich langsam über meinem Haupt entleere. Ich habe dem guten Mann unrecht getan. Zu dem Schluss bin ich jedenfalls gekommen, als ich seinen Auftritt in der Reihe „Pablo Held Meets…“ (https://www.youtube.com/watch?v=N6R2e0T0LyQ) gesehen habe. Zuallererst sei Pablo Held gelobt, der ja nicht nur ein hervorragender Pianist, sondern auch ein kluger und einfühlsamer Interviewer ist. Das beweist er seit einiger Zeit mit seiner Youtube-Gesprächsreihe (https://www.youtube.com/playlist?list=PL8RWf89ANz5FrPxl7oKBzuQLORjyDdDYy), für die er neben Bill Frisell, Dave Holland oder John Scofield zum Beispiel auch schon Helge Schneider traf. Ähnlich wie Helge setzt Teclebrhan auf assoziative Improvisation bei der Entstehung seiner Bühnenprogramme und Songs. Das wird in dem launigen Dialog klar, den der Comedian mit dem Pianisten vor dem gemeinsamen Konzert im Kölner Loft führte. Besonders hat mir da Teclebrhans Frage gefallen, was sich Jazzer gegenseitig zurufen, bevor sie die Bühne betreten: „Was sagt ihr da? Verklimper’ dich nicht?“

Für den musikalischen Teil des Abends erweiterte Held sein Stammtrio mit Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel um die Saxofonistin Theresia Philipp, den Trompeter Menzel Mutzke und die Harfenistin Kathrin Pechlof zu einer fantastischen Band. Der gelingt es, die gleichermaßen albernen wie liebenswerten Gesangsnummern des Gastes in seiner Bühnenrolle als schwäbischer Proll Antoine Burtz so ordentlich zum Brutzeln zu bringen wie gebratene Maultäschle. Die Pandemie-Mutmachhymne „Deutschland isch stabil“ klingt beispielsweise plötzlich so, als stamme sie aus dem Gospel-Fundus von Cannonball Adderley oder Eddie Harris. Und auch wenn eine gewisse gegenseitige Irritation zwischen Komiker und Combo spürbar ist, lässt sich eine alte Frank-Zappa-Frage relativ einfach beantworten. Does humor belong in music? Ha freile!