Elbjazz
Hafen, Hamburg

Lizz Wright
Von Guido Diesing. Elbjazz ist zurück. Nachdem das Festival 2024 wegen des Übergewichts an Pop-, Indie-, HipHop- und Electro-Acts viel Kritik aus Jazzkreisen eingesteckt hatte, verordneten sich die Veranstalter im Folgejahr eine Denkpause zur Neuausrichtung und gelobten Besserung. Vor diesem Hintergrund mutete es unfreiwillig komisch an, als voller Stolz der Headliner für dieses Jahr bekanntgegeben wurde: Tom Jones. Doch um ein Festivalgelände von den Dimensionen der Blohm+Voss-Werft im Hamburger Hafen zu füllen, muss man eben auch zugkräftige Stars aufbieten und ein Publikum mit Interesse an kulinarischem Genuss und maritimem Flair ansprechen. So wurde auf den beiden großen Open-Air-Bühnen der Jazzbegriff wieder weit gedehnt, blieb aber durchaus spürbar, während in einer zum Konzertort umfunktionierten Schiffbauhalle die Jazzer auf der Bühne in der Überzahl waren. Bei Bands wie The Bad Plus, In Cahoots, der stimmgewaltigen Lizz Wright oder dem hervorragenden Klaviertrio des Schotten Fergus McCreadie mit seinen mal unterschwelligen, mal ganz offensichtlichen Folkbezügen profitierten die Zuschauer*innen zusätzlich von angenehmeren Temperaturen als vor den Hauptbühnen in der prallen Sonne.

Jowee Omicil
Dort widmeten sich etwa die NDR Bigband und John Beasley Miles Davis‘ 1969er-Album Filles de Kilimanjaro, einem Übergangswerk zwischen dem akustischen und dem elektrischen Miles, das sie in Big-Band-Farben tauchten und mit fordernden Passagen anreicherten. Das Duo Herbert & Momoko suchte erfreulich wagemutig eine Balance zwischen Beats und Experimenten, bei denen u.a. Flaschen, Stöcke, Basketbälle und – optisch besonders spektakulär – das Schulterblatt eines Tierskeletts zum Einsatz kamen und von Matthew Herbert in Echtzeit in Electro-Rhythmen verwandelt wurden. José James und China Moses feierten den 50. Jahrestag des Erscheinens von Marvin Gayes I Want You, ohne vollends zusammenzufinden, und Jowee Omicil verbeugte sich mit „St. Thomas“ vor Sonny Rollins, verzettelte sich aber bisweilen in seiner kauzigen Art auch ein wenig.
Einhelligen Jubel erntete Jamie Cullum, der nicht nur seine bewährten Qualitäten als Pianist und Sänger, sondern auch als souveräner Entertainer ausspielte. Gefeiert wurde auch der Acid-Funk-Jazz der Veteranen von Incognito um den gesundheitlich angeschlagenen „Bluey“ Maunick und das phasenweise etwas pathetische Fusion-Update von Snarky Puppy, bei dem Geiger Zach Brock zu druckvollen Bässen Platz bekam, sich ausgiebig solistisch auszubreiten. Eine erfreuliche neue Einrichtung war die Hamburg Stage, auf der die Szene der Stadt sich präsentieren und über regen Zuschauerzuspruch freuen konnte.
Und Tom Jones? Der 86-Jährige verzichtete vor dicht gedrängt stehendem Publikum komplett auf Showelemente und präsentierte sich stimmlich immer noch voll und ganz auf der Höhe. Nach einem melancholischen Einstieg („I’m Growing Old”) zeigte er, dass man nach einer so langen Karriere mit den Hits nicht bis zum Zugabenteil geizen muss, haute gleich mal hintereinander Erfolgstitel wie „What’s Up Pussycat“, „Sexbomb“ und „You Can Leave Your Hat On” raus und setzte den Schlusspunkt unter eine durchaus erfolgreiche Festival-Rückkehr. Die Zahl von 19.000 Besucher*innen an beiden Tagen zusammen wird nicht ganz die Hoffnungen der Veranstalter erfüllt haben, ist aber ein Wert, auf dem man aufbauen kann.



