Jazz Open

© Rainer_Ortag

Stuttgart

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Von Harry Schmidt. Groß, größer, Jazz Open – auch nach der diesjährigen Ausgabe des Stuttgarter Musikfestivals galt es, die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte zu konstatieren. „Die Konzerte auf den beiden Hauptbühnen Schlossplatz und Altes Schloss waren nahezu komplett ausverkauft. Insgesamt sorgten über 75.000 Besucherinnen und Besucher für eine Auslastung von rund 98 Prozent“, bilanzierte die Abschlusspressemitteilung. Ein Ergebnis, das sich nahezu in Bayreuth-Regionen bewegt und den Anspruch, zu den europäischen „Big Three“ von Festivals dieser Art zu zählen – weitere Titelanwärter wären Montreux, North Sea Jazz und Umbria Jazz –, wirkungsvoll unterstreicht. Der Publikumsrekord vom Vorjahr wurde eingestellt. „Wir sind mit der 32. Auflage der Jazz Open sehr zufrieden“, lässt Promoter Jürgen Schlensog sich zitieren.

Ebenfalls zur Folklore des Großevents, das mit seiner 32. Auflage als Jazz Open firmiert (vormals: „jazzopen“), gehört die inhaltliche Diskussion um den Namen des „Festivals für Jazz & Beyond.“ Dass es sich bei der Frage, welcher Stellenwert dem Jazz hier eingeräumt wird, nicht um eine Scheinkontroverse handelt, zeigten in einem Jahr großkalibriger Festivaldebüts im Popsektor nicht zuletzt die Reaktionen der Weltstars selbst. „Ob sie wohl wissen, dass das nicht wirklich Jazz ist“, sinnierte Moby. Katy Perry meinte mit Blick auf den Kontext: „Ich denke, ich bin anders.“ Auch Nick Cave adressierte maliziös die Menge der „Stuttgart Jazzfans“ vor ihm.

Die These, dass Jazz an der Wiege der Popmusik stand, mag musikhistorisch Berechtigung haben, vermag Etikettenschwindelvorwürfe aber nicht restlos zu entkräften. Dabei lassen sich zwei Rechnungen aufmachen. Betrachtet man die Anzahl der Konzerte, auch die auf Clubbühnen im Bix und im SpardaWelt-Eventcenter, kommt man leicht zu Aussagen wie: „Die Hälfte unseres Programms ist Jazz“ (Schlensog). Unterfüttert wird die Rechtfertigung durch die demonstrativ als Auftakt programmierte German Jazz Trophy, die dem Bassisten Stanley Clarke zuerkannt wurde. Ebenso muss der Auftritt von Diana Krall als echtes Genre-Ereignis gewertet werden. Auch der zum zweiten Mal vergebene Wolfgang Dauner Award wurde zu einer Präpariertes-Jazz-Klavier-Sternstunde mit dem Spanier Marco Mezquida. Schaut man hingegen auf Besucherzahlen – und Außenwirkung (dafür, dass der Begriff „Jazz Open“ in der Wahrnehmung vieler vorrangig für spektakuläre Shows von Megastars steht, gibt es Gründe) – ergibt sich ein anderes Bild, das Jazz auf eine Position zwischen Nebensache und Spurenelement reduziert.

Beides greift zu kurz. Identifiziert man Jazz als Synonym für innovative (Pop-)Musik, lässt sich der undogmatischen Offenheit der Jazz Open viel Positives abgewinnen: Jahr für Jahr bringt das Festival große Acts erstmals nach Stuttgart. Und nichts spricht gegen Quersubventionierung. Der springende Punkt indes ist, ob Auftritte arrivierter Künstler wie Joshua Redman oder Marius Neset nennenswerten Mehrwert in obigem Sinne darstellen. Anders gesagt: Wer Entdeckungen im Bereich Jazz machen möchte, fährt eher nicht nach Stuttgart – oder ins italienische „Motorvalley“, wo – Expansion gehört, siehe oben, integral zur Festival-DNA – unmittelbar im Anschluss das erste Jazz Open Modena stattfand. Künstler spannender Labels wie International Anthem, Jazz is Dead oder On The Corner finden sich im Jazz-Open-Programm leider immer noch viel zu selten.