Vimbs Mavimbs
Late Bloomer
Unit / OPEN
4,5 Sterne
Bassist Thembinkosi Mavimbela, genannt Vimbs Mavimbs, mag ein „Late Bloomer“ sein – ein Spätzünder, was seine musikalische Entfaltung und Karriere angeht. Dafür zeugt sein Albumdebüt als Leader von einer Reife, für die manch andere mehrere Anläufe brauchen. Mavimbs stammt aus einer ländlichen Region im Nordosten Südafrikas, nahe dem Kruger-Nationalpark. Statt Musikstudium und großzügiger Förderung galt es für ihn, Beharrlichkeit und Eigeninitiative zu zeigen. In kleinen Schritten entwickelte er sich bis hin zu Engagements in angesehenen klassischen Orchestern. Daneben folgte er seiner Jazz-Leidenschaft, sogar in Gruppen von Abdullah Ibrahim, Hugh Masekela und Nduduzo Makhatini konnte er spielen.
Late Bloomer entstand in einem Studio im Großraum Johannesburg. Fast alle Kompositionen schrieb der Leader, vom eröffnenden „Chapman’s Peak“ (eine Panoramastraße bei Kapstadt) bis zu „One Night In Hamburg“ (an der Elbe macht er aktuell seinen Jazz-Master). Die Kernbesetzung ist ein – personell und instrumental leicht variiertes – Quintett. Drei Songs stehen im Zeichen seelenvoller Frauenstimmen (Zarcia Zacheus, Spha Mdlalose). Vimbs Mavimbs ist ein spirituell geleiteter Jazz-Mann, was die intensive Atmosphäre dieser weich und elegant fließenden Stücke bestimmt. Das Ensemblespiel bleibt auch in ungeraden Zählzeiten ohne Makel, einzelne Soli erreichen eine packende Qualität (Sisonke Xontis Tenor im Opener!). Auch Synthie-Soli gibt es, dazu weht mal ein Hauch Metheny Group vorbei. Südafrikanische Jazz-Klasse, nur sporadisch mit „typischen“ regionalen Elementen durchwoben.
Arne Schumacher

Verona Sextet

Leaps and Bounds

Hat Hut / Galileo

4 Sterne

Ein vereinzelter Akkord auf dem Piano, ein Kratzer auf der Snare, aus dem Off das Vibrafon und eine Stimme, die sagt: „Planning is not permitted. Please do not plan anything for the duration of the event.“ Die Musik des Verona Sextet beschreibt keine Gedanken, „sie lässt sie lebendig werden“, heißt es in den Liner Notes. Halte es stets offen, könnte man in Anlehnung an John Cage ergänzen. Steve Piccolo (electronics, voc), der US-Amerikaner aus Italien, sieht sich in dieser Tradition, doch dienen ihm auch Schriftsteller*innen wie Virginia Woolf, James Joyce oder Marcel Proust als Inspiration. Mit Sergio Armaroli (vib), Tony Buck (dr), Francesca Gemmo (p), Magda Mayas (prepared p) und Elliott Sharp (g, ss) hat Piccolo fünf Musiker*innen um sich versammelt, um eben jene Gedanken musikalisch umzusetzen. Das Konzept geht musikalisch nicht immer auf, dennoch überwiegen die Momente, in denen man magisch hineingezogen wird. Das gilt zum Beispiel für Sharps Stück „Zymo“, das mit zahlreichen Effekten einen sphärischen Klangteppich erzeugt, der an eine postindustrielle Landschaft erinnert: kleinteilig aber eben doch flächenhaft massiv. „Self-imposed and Self-regulated“ und „Open Spheres“ verdichten diese Stimmung, ehe die letzten beiden, ineinander übergehenden Songs „The More They Say Or It Says“ und „That We Are In An Increasingly Permissive Society“ Offenheit im Widerspruch einfordern. Es geht nicht darum, die Geheimnisse zu entschlüsseln, sondern sie auf sich wirken zu lassen – in Musik und Gesellschaft.

Holger Pauler

Piotr Schmidt
Komeda’s Songs Without Words
o-tone music / Edel
4 Sterne
Krzysztof Komeda verstarb 1969 im Alter von nur 38 Jahren. Das Interesse an ihm und seinem Werk, seinem ungebundenen Jazzschaffen und seinen Filmmusik-Beiträgen (man erinnere sich nur an die Polanski-Klassiker
Rosemary’s Baby und Tanz der Vampire), scheint nach wie vor ungebrochen. Der Trompeter Piotr Schmidt, ein 41-jähriger Landsmann, widmet sich nach Komeda Unknown 1967 (2022) nun zum zweiten Mal dem Komponisten und Jazzpianisten. Diese Aufnahme entstand live während des Love-Polish-Jazz-Festivals 2024 – eine weitere im Sextett mit dem ehemaligen Miles-Davis-Perkussionisten Mino Cinelu. In den durchweg langen Stücken lassen die Protagonisten ihrer Spielfreude freien Lauf: Tenorist Grzech Piotrowski, Pianist Paweł Tomaszewski sowie das feurig-explosive Rhythmus-Gespann mit Bassist Michał Barański, Drummer Sebastian Kuchczyński und Cinelu tragen selbstredend entscheidend zum Gelingen bei. Sie lassen die sieben auserkorenen Komeda-Stücke (nicht unbedingt die naheliegendste Auswahl), die im Wesentlichen zwischen melancholisch-verhangen und heiter sowie leicht verspielt schwanken, auf frische Weise erstrahlen. Im abschließenden Stück „Nim wstanie dzień“ („Vor Tagesanbruch“) aus dem polnischen Film „Das Recht und die Faust“ von 1964 groovt das Sextett von Beginn an auf unwiderstehliche Weise – und on top liegt das fanfarenhafte Thema. Man hört: Schmidt und Band fühlen sich in dem Material zu Hause. Ambitionierter Jazz mit hohem Unterhaltungsfaktor, wie ihn einige wirklich gute Konzertmitschnitte mit sich bringen.
Andreas Ebert