Tristano Unchained & Julian Bossert
Der Stoff, aus dem die Träume sind

© Patrick-Essex
Ihr Ausgangspunkt war der Cool Jazz der Fünfzigerjahre. Auf ihrem dritten Album ID Entity bohren Tristano Unchained und der Kölner Altsaxofonist Julian Bossert das Spektrum des freien Spielraums indes erheblich auf.
Von Harry Schmidt
„Es war die Faszination für Ideen“, lokalisiert Julian Bossert den Ausgangspunkt von ID Entity, dem dritten Album mit seinem Quintett Tristano Unchained, „also die Frage: Was ist eigentlich eine Idee? Wo kommen die Ideen her? Und was macht man damit?“ Die Initialzündung hierfür wiederum sei ein Miles-Davis-Moment gewesen, die jähe Erkenntnis beim Hören von Kind of Blue: „Wow, der bringt die Idee, die er in diesem Augenblick hat, unmittelbar nach draußen.“ Daraus ergebe sich sein künstlerischer Ansatz, „weniger vom musikalischen Material auszugehen als von den Ideen, die man im Moment wirklich hat, und die Musik so zu gestalten, dass der Freiraum dafür vorhanden ist, Ideen ad hoc umzusetzen“, so der 1988 in Pforzheim geborene Altsaxofonist.
Insofern, als es sich bei Identität lediglich um „eine Vorstellung dessen, was wir sind“, handle, sei auch diese eine Idee, erklärt der Wahl-Kölner den „philosophischen Grundgedanken“ des Albentitels. Gleichzeitig verfügten diese Vorstellungen allerdings über große Kraft und Macht, weil sie „handlungsleitend“ seien. Für das Spielen improvisierter Musik – und um solche handelt es sich im Fall von Tristano Unchained in nicht unwesentlichen Teilen – ist diese Reflexion, möchte man ergänzen, in ganz besonderem Maße von Bedeutung: Im Bewusstsein einer konstruierten wie arbiträren Konzeption von Identität in Wechselwirkung mit ihrer Wirkmächtigkeit sehe er „eine großartige Möglichkeit, sich selbst auf den Weg zu machen, um rauszufinden, wer man sein möchte.“
Im Quintett wirken nun fünf dieser Identitäts-Entitäten – soll man sie Subjekte oder Monaden nennen? – prozesshaft und aufeinander bezogen zusammen, seit Bossert bei Open-Air-Konzerten im Corona-Sommer 2021 auf den Bassisten Calvin Lennig und den Schlagzeuger Hendrik Smock traf – dessen Position nun Fabian Arends übernommen hat – und sich mit einem Stipendium im Rücken entschied, „nochmals tiefer in die Musik von Lennie Tristano einzusteigen“. Deshalb erweiterte er das Trio um Stefan Karl Schmid (ts) und Thomas Rückert (p), der als Sideman von Lee Konitz noch mit einem der letzten Tristano-Schüler gearbeitet hat. In puncto Identität sei ihm wichtig, dass alle sich darin einbringen, entdecken, wiederfinden können und das Individuelle sich auch im Kollektiv abbilde, eine Art „Mosaikgedanke“ entstehe. Daher habe jedes Quintettmitglied zwei Stücke für ID Entity komponiert, jeweils ein dichteres, strukturierteres „Charakterstück“ und einen lediglich als One-Sheet notierten „Flex-Tune“. Im Kölner Loft – der „Homebase“ und „Wiege“ von Tristano Unchained, wie Bossert sagt – wurden sie einmal tagsüber ohne und einmal abends vor Publikum aufgenommen, sieben davon sind nun auf dem Tonträger gelandet.

© Patrick-Essex
Basierte das erste Album Wild Horses noch auf der Praxis der Kontrafaktur, einer speziell bei Tristano beliebten Methode, zu den Akkordfolgen bekannter Stücke neue Melodien zu erfinden, ging das Quintett für den Nachfolger On Democracy mit einem Pool von rund 40 Standards auf die Bühne, ohne eine Setlist festzulegen. Weder Tempo und Tonart noch Stilistik waren vorab fixiert, in spontaner Reaktion wurden die Tracks selbst zu einer flexiblen Urmasse, aus der Neues entsteht. Auf ID Entity haben sie dieses Verfahren nun auf Eigenkompositionen angewandt, die sich nur noch teilweise an der Ästhetik Tristanos orientieren. Obwohl man sich von den Ursprüngen also mittlerweile etwas entfernt hat, ist die DNS von Tristano und Konitz für Bossert aber immer noch sehr wichtig: „Tristano ist gewissermaßen der Vater unserer Musik. Und die Mutter ist dann Unchained. Wir respektieren Tristano, wollen uns aber von seiner stilistischen Ausrichtung nicht eingrenzen lassen.“ Cool Jazz, von der Leine gelassen, wenn man so will.
Tatsächlich unterhalten die Tracks von ID Entity noch vielerlei subtile Verbindungen und Querbezüge zum dominierenden Jazz-Idiom der Fünfzigerjahre, doch Schmids kantabel-tänzerische Opener-Hymne „x=y“, Lennigs lyrisches „Setoda Lemon Valley“, Rückerts epische Swing-Exkursion „Clunky Chakras I+II“ oder Bosserts durchaus auch als Bebop-Revision hörbares „Fairy Dust“ bohren das Spektrum des freien Spielraums ganz gehörig auf. Lediglich Rückerts traumhaft schönes „Kathleen“ und der Ausklang mit Arends‘ „Waltz for Tammo“ können noch als lupenreiner Cool Jazz durchgehen. Für den forschenden Charakter, der vor allem auch bei den Konzerten im Vordergrund steht, wäre „Experimentelle Musik“ das „ehrlichere Etikett“, meint Bossert.
Neben Lee Konitz und dem im September 2025 verstorbenen brasilianischen Multi-Instrumentalisten und Komponisten Hermeto Pascoal komplettiere der Neuseeländer Hayden Chisholm das Dreigestirn seiner Hausgötter, so Bossert. Und was ist nun eigentlich das, was man eine Idee nennt? „Ideen sind der Stoff, aus dem die Träume sind“, fasst der Altsaxofonist summarisch die Erkenntnisse seiner Untersuchung zusammen – und kommt damit Prosperos Einsicht in Shakespeares Der Sturm („We are such stuff as dreams are made on“) verblüffend nah.
Aktuelles Album:
Tristano Unchained & Julian Bossert: ID Entity (Tangible Music)



