Sheen Trio

Alles in Bewegung

© Patrick-Essex

Von Teheran nach Osnabrück, vom klassischen Orchester zum Jazz-Trio, von der Gastkünstlerin zur Gastgeberin: Klarinettistin Shabnam Parvaresh hat in ihrem Leben eine Menge Wandlungen durchgemacht. Auch das zweite Album ihres Sheen Trio steht im Zeichen des Übergangs.

Von Eric Mandel

Transitory ist der Titel des Albums wie auch des Eröffnungsstücks. Es beginnt energetisch mit einer waghalsigen Unisono-Melodie. Nach der ersten Welle führt ein immer noch vertrackter, von Bassklarinette und Schlagzeug etablierter Groove in ruhigeres Gewässer, während darüber Ula Martyn-Ellis’ Gitarre abhebt. Kurz darauf kehren die Rollen sich um, Drummer Philipp Buck extemporiert über den Rhythmus, den nun die beiden anderen gestalten. Es ist der Beginn einer Reihe von Verwandlungen, Verpuppungen, Tempo- und Stimmungswechseln, die das Album bestimmen. Das zweite Stück heißt „Cocoon“ und ist ungleich ruhiger. All das ist ganz im Sinne des Konzepts, wie Shabnam Parvaresh bestätigt: „Es dreht sich ja alles um Bewegung und Übergänge, also um Wandel.“

Dabei habe sie bei der Produktion des Albums nicht viel anders gemacht als bei ihrem 2023 erschienenen Debüt Gozar. „Ich habe einfach Stücke mitgebracht“, lacht sie und fügt hinzu: „Ula hat auch eins geschrieben und Philipp auch, es heißt ,Soy Lake City‘.“ Der Hauptteil der Kompositionen stammt jedoch von der Klarinettistin, die die Band vor fünf Jahren in Osnabrück ins Leben rief.

Shabnam Parvaresh ist 2014 von Teheran an die Hase gezogen, um dort ihre Musikausbildung fortzusetzen. Über ihre Lehrjahre im Iran sagt sie: „Meine Eltern hatten sehr viel Interesse an Kunst und Musik, aber sie durften beide nicht Kunst oder Musik studieren, weil die Familien dagegen waren. Deswegen haben sie mich und meine Schwester immer gepusht, dass wir auf jeden Fall Instrumente lernen und malen. Sie haben es geschafft, dass ich bei den besten Lehrern in Teheran Privatunterricht nehmen konnte, denn die durften natürlich auch nicht an den Hochschulen unterrichten.“ Nebenbei begann sie eine Laufbahn als Bildende Künstlerin, die sie bis heute ergänzend zur Musik betreibt. Auch das Artwork von Transitory stammt von ihr. „Als ich studieren wollte, habe ich Kunst ausgewählt. Kunst war noch ein bisschen freier und es gab bessere Dozenten. Aber nebenbei habe ich professionell Musik gemacht und war sieben Jahre als Klarinettistin angestellt in einem traditionellen Orchester, Orchester Melli, und im Symphonischen Orchester Teheran.“

Trotz öffentlicher Auftritte und Ausstellungen fehlten ihr im Iran Perspektiven. Nach unverwirklichten Plänen in Kanada bot sich Osnabrück als Alternative an. Auslöser war das dortige Morgenland-Festival, bei dem sie 2009 zu Gast war. Nach ihrem Umzug vollzog sich auch ihre Hinwendung zum Jazz. „Ich wollte erst Klassik studieren, aber als ich hierherkam, ging ich auch zu Jazzsessions. Das hat mich total bewegt, diese Freiheit und Energie. Da dachte ich: ,Wow, das ist genau, was ich machen will.‘“ Durch das Jazzstudium fand sie auch ihre Band: Ula Martyn-Ellis und Philipp Buck, mit denen sie 2020 das Sheen Trio gründete. „Sheen“ ist der persische Buchstabe, mit dem ihr Vorname beginnt. „Ich wollte mein eigenes Projekt haben, und ich habe nie gedacht, dass es so ernst wird. Ich hatte nie eine Band, und als Frau, in einer anderen Sprache und mit anderer Musik wollte ich einfach sehen, ob ich das kann oder nicht. Ich bin sehr dankbar dafür, wie alles bis jetzt gelaufen ist.“

Neben dem Trio spielt Parvaresh u.a. in den Bands von Jan Klare (sax) und Emily Wittbrodt (vc), aber auch solo oder im Duo mit der Kanun-Spielerin Sofia Labropoulou. Dazu kommt ihre dritte Tätigkeit als Veranstalterin und Kuratorin: In Osnabrück programmiert sie seit 2022 die Konzertreihe Klangfenster. Nun übernimmt sie ab 2026 die künstlerische Leitung des Morgenland-Festivals, das jahrelang von Michael Dreyer geleitet wurde. So schließt sich für sie ein Kreis: „Das Festival hat für mich viel bewegt und mich sehr beeinflusst. Ich habe mitbekommen, wie Michael Dreyer um die Welt gereist ist und Bands, die er dort in irgendwelchen Kellern gehört hat, eingeladen hat. Die sind dann nach einiger Zeit richtige Stars geworden! Ich habe so einen Respekt vor dieser Neugier und habe da sehr viel gelernt. Das war es auch, was mich darauf brachte: Okay, wenn ich in Osnabrück bleibe, möchte ich auch meine eigene Konzertreihe machen. Ich habe mit Klangfenster bei null angefangen und alles selbst gemacht.“

© Patrick-Essex

In der Reihe im Kunstraum Hase29 spielten u.a. Christopher Dell (vib), Philipp Zoubek (p), Maria Portugal (dr), Gunda Gottschalk (v) und Kazuhisa Uchihashi (daxophone). Die Veranstalterin stellt fest: „Vor allem die kuratorische Seite macht mir wahnsinnigen Spaß: Leute zusammenzubringen, die nie miteinander gespielt haben oder zumindest nicht in dieser Konstellation. Dadurch findet etwas Neues statt, und manchmal geht es auch weiter, und das ist natürlich das Schönste, was passieren kann. Ich bin super dankbar für diesen Job und freue mich aufs nächste Jahr.“ Vorher stehen noch viele Veröffentlichungen und Konzerte an, darunter am 30.1. das neue Trioalbum mit der dazugehörigen Tour. Mit seiner virtuos gespielten, aus persischen, klassischen und Jazz-Traditionen schöpfenden Musik ist Transitory ein Meilenstein auf der Strecke, die die Künstlerin bis hierher zurückgelegt hat.

Aktuelles Album:

Sheen Trio: Transitory (Unit)