
© Helene Schütz
NUEJAZZ
Nürnberg & Erlangen
Von Christoph Giese. Im Z-Bau steht man meistens vor den Bühnen. Sitzplätze: Fehlanzeige. Im Großen Saal spielt das Klaviertrio um den britischen Tastendrücker Bill Laurance, bekannt als Mitbegründer von Snarky Puppy. Klaviertrio und Stehkonzert? Bei diesem Trio funktioniert auch das. Ohnehin ist das Publikum an diesem Abend erfreulich jung und die Musik von Laurance mit Menelik Claffey (b) und Oscar Ogden (dr) pop-kompatibel, wenn auch im Jazz verankert. Eingängig sind die Songs, regelrecht kleine Ohrwürmer mit tänzelnden Melodien, aber auch kraftvoll, groovy – erst recht, wenn Laurence ans Fender Rhodes wechselt.

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Nächster Festivalabend, wieder im Kulturhaus Z-Bau. Zunächst spielt das Bandprojekt Àbáse des ungarischen Tastenmanns Szabolcs Bognár. Spiritueller Jazz trifft auf Afrobeat, Afro-Percussion, knackige Drumbeats vom fantastischen Ziggy Zeitgeist und ordentlich Groove. Eine nicht neu erfundene Mischung, aber sehr gut zusammengerührt und gespielt. Lässig-betörende Klänge, die Spaß machen. Das gilt auch für Jazzanova. Vor fast 30 Jahren als DJ-Kollektiv gestartet, unterhielt in Nürnberg eine achtköpfige Liveband – angeführt von Christoph Adams (p) und vokal besetzt mit dem nigerianischen Sänger Wayne Snow – mit zeitlosen Klängen aus Soul, Jazz, Funk, HipHop oder Broken Beats. Elegant, wohltemperiert groovend, pure Wohlfühlmusik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was die israelische Pianistin Sharon Mansur mit Bassist Alon Near (b) und Aviv Cohen (dr) servierte, war eine gewagte Mixtur aus klassischen Motiven, akustischem Pianotrio-Jazz, nahöstlichen Melodien, Jazzrock und Fusion. Und das alles mit starken klanglichen Kontrasten. Gerade noch zieht der Nahe Osten fein intoniert durch akustisch gespielten Jazz, da verwandelt ein fetziges Synthesizer-Solo mit arabesker Melismatik das Klanggeschehen in eine lautere, rockigere Richtung. Der Auftritt kulminiert in der von Energie strotzenden Fusion-Nummer „Big Dreams in Kadikoy“. Mansur spielt mit den Brüchen, provoziert und unterhält gleichzeitig großartig.

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Und NUEJAZZ setzt selbst Kontraste. Während in der Galerie des Z-Baus die serbische Sängerin Jelena Kuljić in ihrem Projekt Fundamental Interactions zum 30. Jahrestag des Kriegsendes in Bosnien Texte und Gedichte mit Top-Freigeistjazzern wie Christian Lillinger (dr) oder Kalle Kalima (g) in einen aggressiven Soundkosmos integriert, gibt es nur einen Raum weiter seelenvolle leise Klänge zu hören. Auf der Bühne des intimen Roten Salons steht Enji und singt, lediglich begleitet von Kontrabass und einer zart gespielten E-Gitarre, engelsgleich ihre Lieder, auf Mongolisch. Und es macht überhaupt nichts, dass man die Texte nicht versteht. Es ist mucksmäuschenstill. Muss es auch sein. Denn der sehnsuchtsvolle Downtempo-Gesang von Enji ist ruhig, weich, voller Seele und Liebe.
Und mit einem Auftritt wie dem des belgischen Duos Lander & Adriaan zeigte das NUEJAZZ wieder einmal, wie orientiert am Puls der Zeit dieses Festival programmiert. Adriaan Van de Velde (keyb) und Lander Gyselinck (dr) spielten ein energiegeladenes Set zwischen Crazy-Jazz und Clubkultur der 1990er Jahre, Breakbeats und synthetischen Melodien – kann man ruhig mal auf einem Jazzfestival dabeihaben. Und offene Ohren sollte man sowieso zum NUEJAZZ mitbringen. Dann gibt es immer etwas zu entdecken.



