Abdullah
Miniawy © Andy Spyra

Morgenland Festival

Osnabrück

© Andy Spyra

Von Ralf Döring. Nach über zwanzig Jahren hat Michael Dreyer sein erwachsen gewordenes Baby, das Morgenland Festival Osnabrück, an Shabnam Parvaresh übergeben. Das weckt natürlich Erwartungen an die iranische Musikerin, Kuratorin, Künstlerin. Blockiert hat das die Nachfolgerin nicht, im Gegenteil. Mit Respekt vor den Errungenschaften ihres Vorgängers hat sie das Festival in eine neue Ära überführt.

„Diaspora“ hat Parvaresh als Motto über das Festival gesetzt, ein Verweis auf ein Schicksal, das die neue Leiterin mit etlichen Musikerinnen und Musikern des diesjährigen Morgenland Festivals teilt: das Leben in der Fremde. Neben der gesellschaftspolitischen Dimension räumt das Parvaresh Freiheiten ein – um zum Beispiel mit Ganna Gryniva eine umwerfende Stimmkünstlerin aus der Ukraine zu engagieren. Gemeinsam mit der Perkussionistin Laura Robles – in Swasiland geboren und in Peru aufgewachsen – führt Gryniva vor, wie lebensfroh sich Musik aus der Ukraine ausnimmt, auch und gerade im Angesicht des Krieges.

Möglich wird das, weil Parvaresh das „Morgenland“ von seiner geografisch-kulturellen Konnotation befreit und den Begriff einer zeitlichen Dimension öffnet: „Morgen“ übersetzt sie mit „Zukunft“. Und die gestalten Frauen maßgeblich mit. Etwa das Quartett um die türkische Sängerin, Cellistin und Komponistin Sanem Kalfa. Mit Sängerin Liva Dumpe, der polnischen Pianistin Marta Warelis und der koreanischstämmigen Drummerin Sun-Mi Hong entsteht in der Lagerhalle ein Feuer an der Schnittstelle von Jazz, elektronischer Musik und Avantgarde, wie es heißer selten beim Morgenland Festival gebrannt hat. Eine Stunde purer Energie und Musikalität auf allerhöchstem Niveau.

© Andy Spyra

Dabei präsentiert Parvaresh Musik, die kulturelle Hemisphären verschmilzt. Ein faszinierendes Beispiel liefern die palästinensische Sängerin und Oud-Spielerin Kamilya Jubran und die französische Kontrabassistin Sarah Murcia. Arabische Musik und Jazz, Jubrans Charisma und ihre Stimme voller Sinnlichkeit und Attacke bescheren einen weiteren Höhepunkt.

Parvaresh mutet ihrem Publikum einen Marathon zu: Satte zwanzig Konzerte hat sie auf die Festivalstrecke verteilt, meistens zwei, zum Teil drei Konzerte pro Abend, darunter etliche aufregende Entdeckungen. Der Sänger Abdullah Miniawy und die Posaunisten Filippo Vignato und Andrea Andreoli verbinden Maqam mit der Polyphonie der Renaissance, was sich fabelhaft ins spätgotische Kirchenschiff von St. Marien fügt. El Khat treibt die Folklore aus dem Jemen in Richtung Rock, der iranische Gitarrist Rehman Memmedli spielt traditionelle persische Lieder auf der Gitarre – und vermutlich weiß nur er selbst, wie sich die filigrane Ornamentik der Stimme auf die Gitarre überträgt. In die schwitzige Kleine Freiheit holt Parvaresh Avalanche Kaito: Punk und Indie treffen auf die Stimmgewalt von Kaito Winse aus Burkina Faso. Zum Abschluss lotst sie das Publikum zum tunesischen DJ Ammar 808 in die neue Konzerthalle Botschaft.

© Andy Spyra

Daneben integriert die neue Leiterin konsequent neue Genres: Mit dem Ensemble Musikfabrik aus Köln öffnet sich das Festival der zeitgenössischen Musik, Klangelektronik prägt etliche Abende, Tanzperformance und Ausstellung erweitern das Festival um zusätzliche Kunstgattungen. Kurzum: Mit dem perfekten Einstieg von Shabnam Parvaresh hat die Zukunft des Morgenland Festivals Osnabrück grandios begonnen.