(c) Nacho González Oramas

Canarias Jazz y más

Kanarische Inseln

Von Christoph Giese. José James liebt den verführerischen Soul und R&B von Marvin Gaye, seinem großen musikalischen Vorbild, wie er dem Publikum in La Laguna auf Teneriffa mitteilt. Zum 50-jährigen Jubiläum von Gayes Album I Want You ist der US-Sänger mit diesen Songs auf Tournee und macht auch beim Festival Canarias Jazz y más halt. Man durfte gespannt sein, wie James dieses Werk interpretieren würde. Mit der jungen französischen Sängerin Célia Kameni hatte er eine bezaubernde weibliche Stimme an seiner Seite, der er viel Raum ließ. Und dann interpretierte er die Songs anders, frisch, modern aufpoliert, mit Spoken-Word- und Rap-Einlagen. Und mischte sie mit Material seiner eigenen Alben. Da spürte man die musikalischen Verbindungen von José James mit der Soul-Ikone. Auch in der Hauptstadt von Gran Canaria schaute James am Tag darauf vorbei. Das macht dieses Festival für Musiker interessant: Sie reisen auf zwei oder drei der acht bewohnten Kanareninseln und treten dort auf, nicht nur in den größeren Städte. An einem Wochenendtag geht es in jedem Jahr zum Beispiel ins Städtchen Santa Brígida, eine knappe halbe Autostunde von Las Palmas de Gran Canaria entfernt. Da sitzt man dann unter großen alten Bäumen bei freiem Eintritt und erfreut sich an zwei Bands. Wo die Schweizer Pianistin Manon Mullener mit ihrem Quintett und einer Mischung aus Latin-Rhythmen und selbstkomponiertem Jazz zwar nett unterhält, aber auch Musik ohne Risiko bietet, kann danach das Hamilton de Holanda Trio das Publikum verzücken. Wie der geniale Mandolinenspieler mit beeindruckender Virtuosität Samba mit Choro und Jazz verknüpft, reißt beim Zuhören mit. Auch weil er auf seinem Bandolim, einer zehnsaitigen Mandoline, so erfrischend improvisiert, seine heimische Volksmusiktradition durchschimmern lässt und Melodien, Harmonien und Rhythmus immer neu auslotet.

Und dann war da noch Jacob Collier, der hyperaktive, barfuß auf die Bühne stürmende Brite. Für zwei Konzerte traf er auf das Philharmonische Orchester von Gran Canaria, das für diesen Anlass von Jacobs Mutter Suzie Collier geleitet wurde. Beide Abende auf Teneriffa und Gran Canaria waren ruck zuck ausverkauft. Denn man weiß: Eine Show mit Jacob Collier ist anders. Mit Verve und Witz spielt er sich durch die Popgeschichte und eigene Songs und bezieht das Publikum immer wieder als spontanen Chor ein. Da klingt es irgendwann wie im Dschungel, als die Leute flöten, zwitschern und allerhand Sounds imitieren. Dann muss auch das Orchester ran bei der Improvisation. Jede Instrumenten-Sektion soll ein paar Töne spielen, die Collier vorgibt. Stück für Stück erarbeitet er so eine Nummer. Das dauert viel zu lange, doch das Resultat ist grandios. Denn irgendwann setzt sich Collier ans Klavier, lässt das Orchester die zuvor geprobten Parts zusammen spielen, und es mündet alles in die Queen-Hymne „We Are The Champions“. Wie passend, hat Spanien doch gerade die Fußball-WM gewonnen. Der Saal tobt, spätestens jetzt hat Collier die 1.600 Menschen um den Finger gewickelt. Und es geht immer weiter. Über zweieinhalb Stunden lang. Energieverlust? Kein Thema. Man muss diese ständige Überdrehtheit schon mögen, dann ist es fantastisch.