Aki Takase & Daniel Erdmann
In die Zukunft hineinhören
Vor neun Jahren sind sich Aki Takase und Daniel Erdmann zufällig auf dem Pariser Flughafen wieder über den Weg gelaufen – kennengelernt hatten sie sich, als sie an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin unterrichtete, an der er Student war. Seitdem haben sie immer wieder als funkensprühendes Duo miteinander musiziert – und mit Timeless nun ein Album eingespielt, das nicht weniger vorstellt als eine klingende Zukunftsvision nicht nur ihrer Musik.
Von Tilman Urbach
So einfach ist das in Tokio nicht, den angesagten Jazzclub Pit Inn zu finden, aber wenn man schon verzweifelt aufs Handy schaut, weil sich Google Maps mal wieder hoffnungslos in den steilen Straßenschluchten verirrt hat, fragt man einfach einen Umstehenden – der einen (typisch japanisch) gleich bereitwillig um zwei Blocks führt und einem den Eingang zeigt. Denn Aki Takase und Daniel Erdmann sind mit ihrem Timeless-Projekt auf Japantournee. Und so sitze ich in einem engen Proberaum neben der Bühne. Umgeben von Musikern und Musikerinnen, die zusammen mit den beiden deren Kompositionen einüben, auf Notenblätter starren, allerlei Nachfragen haben, Soli-Abfolgen festgelegt haben wollen und immer wieder Aki anschauen, die ihnen gestenreich Antworten gibt, im Stehen flüchtig und beispielhaft in die Tasten des leicht verstimmten Yamaha Upright greift – nur wenn Daniel gefragt ist, wechselt die Konversation ins japanische Englisch. Immer wieder muss die Klimaanlage nachjustiert werden. Vor allem, wenn die Musik losbricht und ihre enorme Spielfreude entfaltet.
Daniels Arm steht steil in der Luft, nachdem er eine seiner Lines abgefeuert hat und jetzt das Ensemble nach seinem Solo wieder zusammenholt. Musik entpuppt sich hier als Organismus in ständiger Metamorphose. Der Probenraum platzt förmlich vor Energie. „It‘s a time travel, hear the future“, ruft Aki.
Abends stehen dann also neun Musiker*innen auf der Bühne. Die Bläsersektion gibt die ganze Skala vom Sopran- bis hinunter zu Baritonsax und Posaune wieder, dazu Bass und Drums neben Akis Flügel – und die atemraubende Stimmkünstlerin Akaihirume. Da flammen die Bläser auf, intonieren das Thema, während Aki stehend mit flatternden, rollenden Bewegungen dirigierende Handzeichen gibt, von denen die gereckte Faust für einen donnernden Tuttistoß noch das eindeutigste ist. Alles in diesen freien Passagen ist auf Geben und Nehmen aufgebaut. Auf Hinsehen und Reagieren. Dann wechselt das Ensemble wieder zu auskomponiert notierten Passagen.
Viele Stücke tauchen auch auf der neuen Timeless-Einspielung auf. Nur da aufs pure Duo-Format von Aki und Daniel reduziert (manchmal ist auch Schlippenbachs Sohn DJ Illvibe dabei). Die Energie, die ans aberwitzig Virtuose grenzt, dabei Alt und Neu revuehaft eingemeindet, vom Bop oder Ragtime immer wieder ins Freie ausbricht, ist ohne Wenn und Aber auch hier spürbar.
Überhaupt haben sich Takase und Erdmann mit ihren Programmen über die Jahre aufs Hineinhören in die Jazzhistorie spezialisiert (ihre Ellington-Aufnahme gehört unbedingt dazu), und nach dem Soundcheck wird mir, vor der Ramensuppe zwischen den beiden sitzend, am Restauranttresen das Timeless-Projekt als Work in Progress erklärt, in dem die lineare musikhistorische Zeitachse aufgehoben ist, um Gutes aus der Vergangenheit mit Zukunftsideen zusammenzubinden. Zu zweit arbeiten die beiden nun auf etwas Größeres hin: das Timeless-Orchestra. „Ein Projekt der Transmission“, meint Daniel. „Dort sollen Erfahrungen mit der jungen Musiker*innen-Generation geteilt werden mit der Projektion: Wo geht es mit unserer Musik hin? Was passiert jetzt, und was kann die Zukunft bringen?“ Und so wird das Publikum an diesem Abend schon mal in diese Zukunft hineinhorchen können. Regelmäßig arbeiten die beiden mit Musikhochschulen zusammen, geben Workshops, in denen das Timeless-Projekt Gestalt annimmt – in einigen Tagen ist ein solches Treffen mit jungen japanischen Musiker*innen in Sapporo geplant.
Als die Ramensuppe verspeist ist – Daniel und Aki schwärmen unausgesetzt von der leichten japanischen Küche –, kann ich Aki gerade noch fragen, woher ihre Jazzbegeisterung kommt, die bei ihr ja nicht nur auf der neuen Einspielung zu spüren ist, sondern nun schon ein ganzes Musikerinnenleben währt. „Meine Mutter hat Jazzmusik geliebt und mir empfohlen, da ich damals nur Klassik gespielt habe, Thelonious Monk zu hören. Meine Mutter war ein großer Monk-Fan. Als sie jung war, hat sie Ellington gehört und war ganz begeistert. Dabei war meine Mutter klassische Pianistin.“
Auf der Bühne im Pit Inn – hier sind es allesamt gestandene Jazzer und Jazzerinnen – legt die Band los und klingt wie eine entfesselte Riverboat-Truppe. Aki gibt das Thema vor, darüber Bläserspitzen, dann ausbrechendes Chaos, Aki agiert mit den Ellenbogen auf den Tasten: „Fire and Water“ – das Stück findet sich auch auf dem neuen Album als fulminanter Formbreaker. Hört sich so die Zukunft an? Unbedingt! 
Aktuelles Album:
Aki Takase & Daniel Erdmann: Timeless (enja / Edel)


