Jazzfest
Bonn

© Thomas Kölsch
Von Thomas Kölsch. Jedes Jahr aufs Neue sucht das Jazzfest Bonn nach Kontrasten und Parallelen, nach aufstrebenden Künstler*innen ebenso wie nach faszinierenden Legenden, die in den vergangenen 17 Jahren noch nicht den Weg in die Bundesstadt gefunden haben. Und immer wieder gelingt es dem Team um Intendant Peter Materna, das Publikum zu überraschen. Angefangen beim Auftakt mit der Jan Garbarek Group über Auftritte von Kurt Elling, John Scofield, Gerald Clayton, Donny McCaslin, Günter Baby Sommer und Ulrich Gumpert bis hin zum phänomenalen Doppelkonzert des Fuchsthone Orchestras mit Evi Filippou sowie dem UMO Helsinki Jazz Orchestra mit der hochschwangeren, aber dafür nicht weniger intensiven und kraftvollen Jazzmeia Horn war das Festival erstklassig besetzt. Dazu gesellten sich Entdeckungen wie Yumi Ito, Theresia Philipp und Caris Hermes. Letztere hatte für ihren Auftritt im Pantheon auf Bitten Maternas explizit eine fast schon kammermusikalische Besetzung zusammengestellt und Jörg Brinkmann (vc) sowie Leo Hattori (p) eingeladen. Eine ungewöhnliche, aber schöne Kombination, die Raum für lyrische Soli in klassischer Prägung bot und doch sowohl im Jazz als auch im Pop verwurzelt blieb. Als sich dann noch der libanesische Sänger Rabih Lahoud dazugesellte, um mit seiner fast zerbrechlich wirkenden und zugleich vor Emotionen überfließenden Stimme zwei Stücke darzubieten, war es um das Publikum endgültig geschehen.
Am selben Abend erlebten die Besucherinnen und Besucher noch eine weitere Überraschung: Ein bukolisches, chthonisches, archaisches Ziegenhorn, das dank der Lippen von Hildegunn Øiseth auch mal avantgardistisch klingen durfte – und einmal sogar eine Rumba spielte. Die 59-Jährige, die 2025 als Mitglied von Sarah Chaksads Large Ensemble in Bonn für Aufmerksamkeit sorgte, erwies sich mitunter als eine in die Zukunft blickende Schamanin und Sucherin neuer Tonfarben, die aber immer auch die typisch skandinavische Klangästhetik mitschwingen ließ. Was für eine Erfahrung.
Ähnliches galt für den Auftritt von Nicole Zuraitis, die in den USA eine gefragte Sängerin ist und mit ihrem warmen Organ sowie ihrem Charme auch Europa in kürzester Zeit erobern dürfte. Dabei hatte die Grammy-Preisträgerin beim Streben nach der Gunst des Publikums ebenso eigenwillige wie kraftvolle Konkurrenz: Die Formation Shake Stew, dieses ebenso virtuose wie brachiale Doppel-Saxofon-Trio mit einem Trompeter als Bindeglied, feuerte aus allen Rohren und verband Präzision mühelos mit Ekstase, perfektes Verständnis mit einer ordentlichen Portion Wahnsinn. Diese Band muss man einmal live erlebt haben.
Dieser Eindruck zog sich letztlich durch das gesamte Jazzfest. Einzig Billy Cobham blieb ein wenig hinter den Erwartungen seiner Fans zurück, die ihn allerdings vielleicht noch als 30-Jährigen beim Mahavishnu Orchestra oder bei Miles Davis im Ohr haben. Dabei wirkte er mit 82 noch erstaunlich vital hinter seinen Toms. Und auch wenn der Jazz inzwischen der Generation seiner Kinder und Enkel gehört, herausragenden Virtuosen wie David Helbock und Julia Hofer oder der grandiosen Singer-Songwriterin Lau Noah, spricht es doch für sich, dass Cobham noch immer auf hohem Niveau zu beeindrucken versteht. Auch das macht das Jazzfest Bonn aus.

© Thomas Kölsch



