
Abdullah Ibrahim © Andy Spyra
Theaterhaus Jazztage
Stuttgart
Von Harry Schmidt. Zum 36. Mal gingen auf dem Stuttgarter Pragsattel die Theaterhaus Jazztage über die verschiedenen Bühnen der ehemaligen Rheinstahlhallen. Wochen im Voraus ausverkauft war der Abend mit den Wolfgang Haffner Groove All Stars und Special Guest Nils Landgren, gut frequentiert auch der hochkarätig programmierte Auftakt im T1, dem größten Saal des Theaterhauses, mit Joachim Kühn und Michael Wollny: Wenn auch eine Generation voneinander entfernt, gelten beide bereits seit langen Jahren als Ikonen des europäischen Jazzklaviers. Beide präsentierten sich jeweils mit einem eigenen Herzensprojekt – ein Gipfeltreffen des deutschen Jazzpianos sondergleichen war das Double-Billing nichtsdestotrotz!
Kühn, der kurz zuvor seinen 81. Geburtstag gefeiert hatte, stellte sein neues Quintett The Young Lions vor, in dem der 23-jährige Trompeter Jakob Bänsch, auch international als vielversprechende Hoffnung gehandelt, auf den ibizenkischen Marimba-Virtuosen Andrés Coll, Jahrgang 2000, trifft. Dazwischen interagiert mit Bassist Nils Kugelmann (29) und Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber (34) eine Rhythmusachse, die hierzulande im jungen Jazz in Sachen hyperaktiver polyrhythmischer Vernetzung derzeit so gut wie konkurrenzlos sein dürfte. Und tatsächlich wirkte Kühn in der Umgebung dieser „jungen Löwen“ ungemein gelöst und befreit – geradezu wie in einen Jungbrunnen gefallen.
Frappierende Kommunikation zeichnete dann das Duo von Michael Wollny und Émile Parisien aus. Mit dem Kühn-Original „Missing a Page“ und dem von Wollny mit Kühn geschriebenen „Fatigue“ verbeugten sie sich zunächst vor dem für sie „so wichtigen Mentor“, bevor der deutsche Pianist und der französische Sopransaxofonist sich in mitreißende Dialoge über „Un animal imagine par melies“ und „Hexentanz“ verloren und wiederfanden.

Robinson
Khoury
Das Solo-Recital einer Legende prägte den Ostermontag: Der 91-jährige Abdullah Ibrahim gestaltete einen luziden Modern-Creative-Jazz-Bewusstseinsstrom, eine im Moment entstehende wie vergehende Musik, deren verbindendes wie verbindliches Element als kubistische Herzlinie und Fluchtpunkt – neben Gospel und südafrikanischer Folklore – der Blues ist.
Auch Olivia Trummer widmete sich im gut besuchten T1 den 88 Elfenbein- und Ebenholztasten, allerdings mit Unterstützung von Makar Novikov (b) und Bodek Janke (dr), zuweilen trat auch Johannes Lauer als lyrischer Posaunist hinzu. Während hier im Anschluss triosence ihren „Song Jazz“ vorstellten, präsentierte im T2 die mongolische Sängerin Enji einen hinreißenden Mix aus Jazz und Folklore, nachdem das britische Tara Lily Duo zuvor sein Debütalbum Speak in the Dark performt hatte. Reichlich Frauenpower und Frühlingswind gab’s also auch.
Fabelhaften Eindruck hinterließ auch der im vergangenen Jahr bereits im Stuttgarter Opernhaus gezeigte Brecht/Weill-Abend Youkali, für den sich Staatsoperntenor und Kammersänger Matthias Klink und seine Frau, die Sopranistin Natalie Karl, mit dem Magnus Mehl Quartett zusammengetan haben, ebenso wie Albert-Mangelsdorff-Preisträgerin Lauren Newton und die Berliner Rapperin Sorvina.



