Von Hans-Jürgen Linke
Kann sein, dass dieses Jahr mit der christlichen Ordnungszahl 2026 dermaleinst als das Jahr gelten wird, in dem einerseits in Deutschland so viele Storchenpaare wie schon sehr lange nicht mehr nisteten. Andererseits als das Jahr, in dem Europa Feuer fing und größere Areale in mehreren Ländern unbewohnbar wurden, was aber von den Regierungen vergleichsweise ungerührt hingenommen wurde, allenfalls wurde ein Mangel an Löschflugzeugen beklagt. Als das Jahr, in dem Teile der europäischen Bevölkerungen gegen eigene Interessen die zuweilen etwas langsam handelnde, aber einigermaßen lebenswerte Staatsform der Demokratie abwählten, zugunsten der Universalherrschaft eines fragwürdigen Häufchens von Oligarchen und Rassisten, denen jegliche Beschränkung ihrer Freiräume zuwider war. Das Jahr auch, von dem an nationale und transnationale Kultur als Kostenfaktor abgetan wurden, die man einsparen könne, vielleicht, um Drohnen und Löschflugzeuge zu kaufen. Das Jahr, in dem die Konzerne der fossilen und nuklearen Energieträger gegen jegliche Vernunft neuen Rückenwind bekamen. Kann alles sein, und wer weiß, was noch alles. Mal sehen.
Vielleicht hilft ja gute Musik. Vielleicht genau die zum Beispiel, die die jetzt von der Initiative Musik geförderten Musikerinnen, Musiker und Bands in die Welt setzen. Immerhin hat die Initiative 840.000 € dafür locker gemacht, die jetzt in die unterschiedlichen Genres der Popularmusik und des Jazz investiert und für die Förderung von Releases, Tourneen, Musikvideoproduktionen und Marketingmaßnahmen genutzt werden. Die Mittel stammen aus dem Budget des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), über den wir sonst erst einmal lieber nichts sagen.
Immerhin, auch das gibt Hoffnung, finden laut einer Untersuchung des Musikinformationszentrums (miz), das zum Kreis des Deutschen Musikrats gehört, in unserem Lande stolze 69 % der Bevölkerung Musikunterricht wichtig. Dennoch gibt es landesweit von politischer Seite überraschend wenig ernsthafte Bemühung um guten Musikunterricht. Das miz hat außerdem ein Themenportal zum Thema Musikwirtschaft eröffnet, das unter
miz.org/de/themen/musikwirtschaft
zu finden ist.

© Hans Kumpf

© Hans Kumpf
Zu den traurigen Nachrichten gehört, dass Peter Giger und Günter Lenz gestorben sind. Der Schweizer Perkussionist Giger, Jahrgang 1939, war seit den späten 1950er Jahren professioneller Musiker und gründete unter anderem die in den 1970er Jahren ziemlich populäre Family of Percussion, erhielt 1990 einen Ruf an die Kölner Musikhochschule, veröffentlichte 1993 das Buch Die Kunst des Rhythmus, zog 2002 ins Tessin, wo er im Mai gestorben ist. Mit Günter Lenz spielte er unter anderem in dem stilbildenden Fusion-Trio Giger Marron Lenz zusammen. Lenz, 1938 in Frankfurt geboren, gehörte zu den jüngeren Musikern der selbsternannten Nachkriegs-Jazzhauptstadt Westdeutschlands, wo er unter anderem Bassist im Umkreis von Albert Mangelsdorff sowie Bandleader der Springtime und Bassist der Voices war. Von 2001 bis 2005 hatte er eine Professur an der Musikhochschule Stuttgart, erhielt im Jahre 2000 den Preis der Waldi Heidepriem Stiftung und 2004 den Hessischen Jazzpreis. Im Juni ist er gestorben.
Kleine Nachreichung zwischendurch: Das Foto von Mike Westbrook auf S. 54 in der letzten Ausgabe der JAZZTHETIK war von Manfred Rinderspacher.

© G. Pichler
Der Preis des Europe Jazz Network für abenteuerlustiges Programmieren („Adventurous Programming“), geht diesmal nach Südtirol zum Jazzfestival Alto Adige. Tanti auguri!
Danger Dan wollte eigentlich in der Sendung Die Anstalt beim ZDF seinen Song „Keine Angst“ vorstellen und sich dabei von dem Pianisten Igor Levit begleiten lassen – eine honorige Absicht und Besetzung. Kurz vor der Aufzeichnung bekam das ZDF dann doch Angst, wovor auch immer, und warf Danger Dan und Igor Levit höchstinstanzlich aus dem Programm. In dem nun nicht im ZDF gesendeten Song gibt es unter anderem die Textzeilen „Und die Geschichte hat uns schon mal gezeigt / es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt.“
Igor Levit gründet nun ein eigenes Tonträgerlabel, „nicht gegen etwas, sondern für etwas“, wie er betont. Es soll nicht einfach eine weitere Veröffentlichungsplattform sein, sondern etwas wie ein eigenes künstlerisches Zuhause werden. Das Label wird No Silence heißen und bei Sony Classical angedockt sein. „Unsere Welt kann nie genug Stimmen haben, die künstlerisch intervenieren. Die für Schönheit, für Grenzenlosigkeit, für Befreiung und fürs Menschsein eintreten“, sagt Igor Levit. Recht hat er. Im Oktober erscheinen die ersten Alben.
Ach ja, und Rebecca Trescher, Komponistin, Klarinettistin und Bandleaderin unter anderem eines bemerkenswerten Tentetts, ist auch dabei, ein eigenes Tonträgerlabel ins Leben zu rufen, ganz ohne Majorlabel-Hilfe. Es heißt Treasure Records und beginnt soeben mit seiner Publikationsarbeit. Trescher sagt programmatisch dazu: „Gerade in Zeiten, in denen die Welt vor großen Herausforderungen steht, scheint es mir wichtiger denn je, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Menschen zu finden, die mit einem selbst resonieren, gemeinsam Musik zu produzieren und zu veröffentlichen – um Kunst und Kultur in die Gesellschaft zu tragen.“ Vielleicht hilft Musik ja wirklich.

© Faid A. Savant
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Vom 3. – 8.11. gibt es das Trans4Jazz Festival mit vielgesichtigem Programm: Soul von St. Paul & The Broken Bones trifft auf Westcoast-Sound mit Young Gun Silver Fox. Till Brönner, Manu Katché und Morten Schantz sind zu hören sowie Olivia Trummer, außerdem das audiovisuelle Projekt Lake Noir, und am Ende gibt es akustischen Blues mit Eric Bibb. Nicht zu vergessen: Es gibt den nachwuchsfördernden Trans4Jazz Award für Who Parked The Car und das Sol Jang Trio.

© Frank Schindelbeck
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In der Rhein-Neckar-Region um die Städte Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen ist vom 2.10.- 7.11. das 28. Enjoy Jazz Festival zu erleben. Es steht diesmal unter dem Motto „Beauty“ und wird am 2.10. in der Stadthalle Heidelberg eröffnet von der algerischen Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Souad Massi, die von dem französisch-kongolesischen Rapper Youssoupha begleitet wird. Weitere Festival-Highlights sind Gregory Porter, Lizz Wright , Jason Moran, Sullivan Fortner, Lakecia Benjamin, Nils Petter Molvær sowie das griechisch-schweizerische Duo Tania Giannouli und Nik Bärtsch. Theo Croker und Isaiah Collier widmen sich der Musik von Miles Davis und John Coltrane, die beide in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätten. Zum Festival-Abschluss spielt Brad Mehldau solo am 7. November in der Stadthalle Heidelberg. Der Ticketverkauf ist in vollem Gange, etliche Konzerte sind bereits ausverkauft.
Heinz Werner Wunderlich, Jazzjournalist, Hörfunkmoderator und uneigennützig-umtriebiger Förderer des Jazz, würde auch demnächst 100 Jahre alt, und zwar am 15.9., wäre er nicht schon 2013 gestorben. Der deutsche Jazz verdankt ihm sehr viel – unter anderem die erste kulturelle – also friedliche – Begegnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die älteste Open-Air-Jazz-Reihe des Planeten im Frankfurter Palmengarten. Wir erheben uns von den Plätzen, lieber Werner.

© Bernd Scholkemper
In der Schnittmenge von Blues, Rock und freiem Jazz lebte James Blood Ulmer und spielte Gitarre – in freier Tonalität und mit schneidend spröden Klanggebungen. In seinem Trio mit Calvin Weston und Amin Ali folgte er Ornette Colemans harmolodischem Konzept, kreierte einen heftig-eigensinnnigen Jazzfunk und arbeitete in den 1980er Jahren im Music Revelation Ensemble. Er wurde 84 Jahre alt und starb im Juni in New York.

© Manfred Rinderspacher
Paul Lovens, eine Leitfigur des deutschen Free Jazz, ist inzwischen schwerbehindert, bezieht Sozialhilfe und muss jetzt mit seiner Werkstatt umziehen, weil sein Mietvertrag gekündigt wurde. In der Werkstatt lagern in fünf Jahrzehnten gesammelte Veröffentlichungen, seine Instrumente, sein Archiv. Er braucht bei dem, was jetzt für ihn anliegt, dringend Unterstützung. Wer helfen will und kann, wende sich an
Zum Verhältnis der aktuellen Bundesregierung zum Kulturbetrieb wäre noch so viel zu sagen, wie in der gemeinsamen Stellungnahme von FREO (Freie Ensembles und Orchester), Deutscher Jazzunion und Pro Musik gesagt wurde. Also etwa, dass die im derzeitigen Bundeshaushalt erkennbaren kulturpolitischen Prioritäten „erhebliche Herausforderungen“ für die professionelle freie Musikszene sowie deutliche Signale gegen die langfristige Sicherung einer vielfältigen musikalischen Infrastruktur bedeuten. Der Haushaltsentwurf von Kulturstaatminister Weimer kann so gelesen werden, dass die Musikschaffenden der freien Szene und der Popkultur – entgegen allen Beteuerungen – nicht zu seinen Schwerpunkten zählen. Die Förderung der Initiative Musik und des Festivalfonds wird deutlich gekürzt, immerhin scheint der Musikfonds für diesmal aus dem Schneider zu sein. Doch darf ein nominell gleichbleibender Förderetat nicht mit Stabilisierung verwechselt werden. Der Bundeshaushalt enthält Entscheidungen über die Zukunft der Musiklandschaft in Deutschland. Wer an der freien Szene spart, erschwert oder zerstört Voraussetzungen für Nachwuchs, Innovation und kulturelle Vielfalt.
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Die Jury des APPLAUS Award 2026 steht fest. Sie besteht aus 18 Expertinnen und Experten aus der Musik- und Livebranche. Sie wählen Spielstätten und Konzertreihen aus, die für herausragende Programme und kulturelles Engagement stehen. Die Jurys – Hauptjury sowie Jury für Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit – werden regelmäßig neu besetzt. Der APPLAUS Award wird am 24.11. in Potsdam zum 13. Mal vergeben. Insgesamt stehen Preisgelder von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die aktuellen Jury-Vertreter und weitere Informationen sind zu finden unter
Tony Williams, geboren 1959 oder 1960 in Ottawa, Kanada, war Komponist, Arrangeur und improvisierender Gitarrist. Ab Mitte der 1980er Jahre begann er in Sommerkursen und am Malaspina College, Gitarre und Komposition zu studieren, zog 1987 nach Vancouver und wurde professioneller Musiker. Sein stilistischer Einzugsbereich war weiträumig, im Bereich des Jazz war er zwischen 1990 und 2022 an 32 Aufnahmesessions beteiligt. Er starb im Juni im Alter von nur 66 Jahren.

© Liudmila Jeremies
Michael Dreyer, Begründer und langjähriger Leiter des Osnabrücker Morgenland-Festivals, Mitbetreiber des Tonträgerlabels Dreyer-Gaido, Kurator bedeutender musikalischer Ereignisse in der Hamburger Elbphilharmonie sowie im Amsterdamer Bimhuis und seit 2022 Manager der NDR Bigband, hat die Bürgermedaille der Stadt Osnabrück erhalten, die nur an Personen verliehen wird, die sich um die Stadt oder ihre Bürger in außergewöhnlichem Maße verdient gemacht haben. Und das hat Morgenland-Michael ja wohl. Glückwunsch!
In Haltern am See begegnen sich HipHop und Jazz: Am 18.9. trifft die NDR Bigband auf die Band TOYTOY und das Bundesjazzorchester. Und zwar geschieht das in der Aula des Schulzentrums in der Holtwicker Str. 5. Tickets unter
www.pretix.eu/musikschule/konzert
Die Cologne Jazz Supporters (CJS) haben zum siebten Mal den Kompositionswettbewerb für Jazzmusikerinnen und -musiker durchgeführt. Der erste Platz unter 41 Einreichungen ging an Leon Hattori, Pianist und Komponist, geboren 1998 in Sapporo, für sein Stück „Rejoice“. Auf dem zweiten Platz landete Philipp Brämswig mit seinem Stück „Schwaengthang“. Brämswig ist als Gitarrist und Komponist ein gefragter Musiker der Kölner Szene und hat seit 2025 eine Professur für Gitarre an der Musikhochschule Nürnberg. Den dritten Preis bekam Pianist und Komponist Tobias Weindorf für sein Stück „Queen of Coins“. Posaunistin Clara Wedel erhielt den Sonderpreis für die beste studentische Komposition mit dem Titel „Song for my Mother“.
Und noch ein Kompositionspreis, diesmal weniger nachwüchsig: Stephen Emmer, geboren 1958 in Amsterdam, komponiert für Film und Fernsehen, veröffentlichte Soloalben, war in Stilrichtungen wie Art Punk unterwegs und schrieb und produzierte für zahlreiche Größen des niederländischen und europäischen Pop. Für das Album Asymmetrical Dot, das in der Zeitschrift POP MATTERS für zu lang, aber bemerkenswert befunden wurde, hat er inzwischen drei internationale Preise bekommen: den Platin Preis der Fenix Award International Music Competition, den Platin Preis der Ravel Awards sowie den Silbernen Preis für die beste Komposition vom Global Music Award. Die Musik auf Asymmetrical Dot rangiert zwischen zeitgenössischer Kammermusik, Jazz noir und globaler Weltmusik mit Musikern aus Armenien, Peru, Venezuela, Indonesien, den Niederlanden, England und den USA.
In Burghausen ändert sich einiges. Beim 17. European Young Artists‘ Jazz Award im kommenden Jahr gibt es längere Auftrittszeiten als bisher. Das Finale des Nachwuchspreises wird am 3.3. in der Wackerhalle ausgetragen, statt der bisher üblichen fünf werden diesmal nur vier Bands für das Finale nominiert, die je 30 Minuten Spielzeit und Raum für Zugaben erhalten. Der Bayerische Rundfunk schneidet die Konzerte mit. Die Siegerband eröffnet dann am 4.3. das erste Hauptkonzert der Internationalen Jazzwoche Burghausen, und am 5.3. spielt die Gewinnerband ein Konzert im Münchner Kunstkraftwerk Bergson. Deadline für Bewerbungen ist der 18.10. Genaueres unter
www.b-jazz.com/17th-european-young-artists-jazz-award-burghausen

Nein, haben wir nicht! Wie könnten wir Laurie Anderson vergessen. Zumal sie jetzt den Kyoto Preis für Kunst und Philosophie zugesprochen bekam, der am 10.11. überreicht wird. „Laurie Anderson hat ihre interdisziplinäre Kreativität über Grenzen von Musik, bildender Kunst und Film hinaus durch ihren innovativen Einsatz von Technik und durch ihren Ideenreichtum und Witz ausgedehnt“, heißt es (großzügig übersetzt, unser Japanisch ist lausig) in der Begründung. Der Kyoto Preis ist neben dem Nobelpreis die renommierteste Auszeichnung vermutlich in unserem Sonnensystem. Trump wird ihn nie bekommen, da kann er noch so rumpöbeln.

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Osnabrück ist unter den deutschen Kommunen eine aufstrebende Jazzstadt, was einerseits mit der Musik-Abteilung der Hochschule zusammenhängt, andererseits mit den Aktivitäten des Vereins Jazz49, sowie drittens mit der Kooperationsfähigkeit beider. Im September kann man in Osnabrück das Pablo Held Trio hören, im November Anne Mette Iversen, im Dezember das Tineke Postma Quartet, und vom 11.-14.3.2027 – so viel Zukunft muss manchmal sein – gibt es im Blue Note das zweite Jazzfestival Osnabrück. Save the Date!



