Megaphon

Von Jan Kobrzinowski

Es ist nicht sicher, dass sich viele an ihn erinnern, deswegen tun wir dies hier noch einmal an prominenter Stelle. Der Musiker, Schauspieler und Autor Dietrich Rauschtenberger ist am 9. August nach schwerer Krankheit in seinem Geburtsort Schwelm gestorben. Er war nicht nur der Schlagzeuger eines der ersten Freejazz-Trios der europäischen Geschichte, mit Peter Kowald und Peter Brötzmann weiland in der westdeutschen „Improvisations-Hauptstadt“ Wuppertal, sondern auch JAZZTHETIK-Mitarbeiter, ja er findet sich sogar in der Ahnenreihe der Chefredakteure dieses Magazins. Rauschtenberger, geboren 1939, stammt aus dieser besonderen, vielleicht vom Aussterben bedrohten Generation von Jazz-Menschen. Nicht nur wegen seines hohen Alters – um das Alter geht es nicht, es geht vielmehr um das Wie bei der Sicht auf die Dinge: wie man sie anfasst, etwa mit Bierernst oder mit Humor. Musik, überhaupt die Kunst kann so schnell ihre Wirkung verlieren, wenn sie es nur auf Prätention abgesehen hat. Und eins war Dietrich Rauschtenberger sicher nicht: prätentiös. Da war diese liebenswerte Kantigkeit, von der man sich z. B. in einem besonderen Stück Musiktheater überzeugen kann: Dank einer Videoaufzeichnung von Conny Reisberg und Suse Othmer ist uns Die Kunst ein Schlagzeug aufzubauen, das Rauschtenberger zwischen 2002 und 2012 aufgeführt hat, als Film erhalten geblieben. Das Video, frei auf YouTube verfügbar, entstand 2003 im Dortmunder Theater im Depot. Das Solo-Theaterstück, grotesk, amüsant und musikalisch voller Aha-Erlebnisse, trägt auf jeden Fall die Handschrift eines besonderen Vertreters der Musikbranche. So auch Mit Kowald in Sibirien – Eine Reise zum Mittelpunkt Asiens, Trombeck: Wie wir den Freejazz erfunden haben sowie der Roman Heute ist morgen gestern, alles Prosatexte aus Rauschtenbergers Feder, in denen etwas von dem steckt, was heute so selten geworden ist in der improvisierenden Branche: Selbstironie, das Bewusstsein für die theatralisch-literarische Wirksamkeit dieser Musik und politisches Engagement (er war langjähriges Mitglied der Grünen). Von alldem zeugt auch sein Hörspiel Wie wir den Free Jazz erfunden haben (2006), eine öffentlich-rechtliche Radioproduktion mit der sonoren Erzählstimme von Rolf Becker. Auch Namen von Bandprojekten, in denen er mitwirkte, wie Komitee für optisch-akustische Interaktion, Wuppertaler Improvisations-Orchester deuten auf Dietrich Rauschtenbergers speziellen schratigen Humor, der hoffentlich nicht mit Künstlern wie ihm ausstirbt.

Auf der Longlist zum Preis der Deutschen Schallplattenkritik 4/2026 der Jurys Jazz I und II befinden sich u.v.a. Mick Goodrick & Fred Hersch: Feebles, Fables and Ferns; Nils Wogram, Jim McNeely & hr-Bigband: Trilogue + 15, A Tribute to Albert Mangelsdorff; Fabian Dudek: Recent, James Brandon Lewis Quartet: Omni; Jon Batiste: Black Mozart / Monk Meditations / Monk Movements und Steve Swallow: Winter Songs. Nduduzo Makhathinis The Myth We Choose und Souad Massis Zagate rangieren u.a. in der Rubrik Weltmusik.

www.schallplattenkritik.de

Odyssea Sonorum, des Saxofonisten Christof Lauers Solowerk, Ende Mai auf An:Bruch erschienen und von JAZZTHETIK präsentiert, ist nominiert für den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 2026. Jury-Mitglied Guenter Hottmann beschwört eine „Explosion der Klangschattierungen“ und bezeichnet Lauer als „phänomenalen Stilisten“ und „nuancenreichen Klangmaler“.

Und noch mal Schallplattenkritik: JAZZTHETIK-Autorin Victoriah Szirmai zeigt ihre Expertise in Sachen improvisierter Musik von nun an nicht nur schriftlich in mehreren Musikmagazinen – sie ist jetzt auch Mitglied im Jury-Team beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Rubrik Jazz II (zeitgenössisch). Herzlichen Glückwunsch!

Das renommierte Internationale Jazzfestival in Münster präsentiert sich im kommenden Januar 2027 wieder turnusgemäß mit seiner Voll-Ausgabe (alle zwei Jahre gibt es „nur“ die Shortcut-Version). Der künstlerische Leiter Fritz Schmücker muss sich diesmal am Wochenende 8.-10.1.2027 mit weniger Acts beschränken. Dazu zwingt ihn die Finanzlage der Hauptunterstützerin Stadt Münster, die nicht nur für Kultur, sondern auch für Soziales eine Haushaltssperre wegen der „verschlechterten finanziellen Perspektive für das Jahr 2027 aufgrund der wegbrechenden Landeszuwendungen“ verhängt hat. Wer den Festivalchef kennt, weiß: Er wird dafür sorgen, dass die Qualität des beliebten Festivals nicht darunter leiden wird. Programm in Kürze.

www.jazzfestival.multimediadesign.net/

Salomea Sparks & Visions

Wie Münster zählt auch das Internationale Jazzfestival Sparks & Visions zu den frühesten Festivals des Jahres. Acht Konzerte mit zwei Deutschlandpremieren, umspannt von einem „Bach-Bogen“ verspricht Festivalgründerin Anastasia Wolkenstein für den 15.-17.1.27 im Regensburger Staatstheater. Tamar Halperin & Guy Sternberg kommen mit Cembalo und Flügel samt dezenter Live-Elektronik. Der walisische Trompeter Tomos Williams stellt Blodeugerdd vor. Des Weiteren: die Sängerin Salomea, Nik Bärtsch’s Ronin, das Wajdi Riahi Trio, Linda Fredriksson & Olavi Louhivuori Superposition und das Bach Project von Vincent Peirani & François Salque.

www.sparks-and-visions.com

Wolfgang Sandner

Musikkritiker und Jazzautor Wolfgang Sandner erhielt den Hessischen Jazzpreis 2026. Verliehen wurde der Preis während des Hessischen Jazzpodiums im September in der Darmstädter Bessunger Knabenschule durch Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels. Der sieht in Sandner eine „Ausnahmeerscheinung des Qualitätsjournalismus‘“.

Der Verein Klangkultur – Freundeskreis der Bauer Studios e.V. möchte Talente der „akustischen Musik in all ihren Spielarten“ unterstützen, und zwar durch Möglichkeiten zu Liveauftritten, Aufnahmen, Produktion, Vermarktung und Öffentlichkeitsarbeit. Im Jahr 2026 geht es um eine Gesamt-Fördersumme von 8.500 €. Preisträger sind der Trompeter Shogo Seifert und sein Bruder, der Schlagzeuger Hiromu Seifert, jeweils mit eigenen Projekten, sowie der Pianist Samuel Gapp mit einem kammermusikalischen Quintett. Sie alle kommen in den Genuss von Aufnahmen in allerfeinster Qualität in den Ludwigsburger Bauer-Studios.

www.klangkultur-freundeskreis.de

© Hans Kumpf

 

Zum 30. Mal vergab die Stadt Leipzig den von der Marion-Ermer-Stiftung ausgelobten Jazznachwuchspreis. Aufgrund des Jubiläums war er einmalig auf 20.000 € dotiert und ging an die Violinistin Alma Gröning und den Bassisten Jakob Obleser. Verleihung und Preisträgerkonzert fanden im Rahmen der 50. Leipziger Jazztage im UT Connewitz statt.

Die niederländische Piano-Legende Jasper van’t Hof kommt am 7.11. nach Bochum. Solo am Klavier wird er Pili-Pili-Hits und andere seiner Klassiker in der Pauluskirche zum Besten geben. Tickets über Bochum Marketing, eventim und

rausgegangen.de

Furore machte der Schweizer Stimmkünstler Andreas Schaerer einst schon mit seiner Band Hildegard Lernt Fliegen, inzwischen ist er unterwegs mit Émile Parisien, Vincent Peirani und Michael Wollny (Out of Land) und immer wieder in Duo-Konstellationen und als bejubelter Solokünstler. Nun gewann Schaerer den von der Firma Japan Tobacco International (JTI) gestifteten, mit 7.500 € dotierten JTI Trier Jazz Award 2026.

Auch die Zürcher Kantonalbank zeigte sich wieder mal großzügig: Auch in diesem Jahr spendierte sie 15.000 CHF allein für den ersten Preis des ZKB Jazzpreises. Die Jury, bestehend u.a. aus den Musikerinnen Joëlle Léandre und Lucia Cadotsch, vergab ihn an die Gruppe Espuma Antigua für ihre Kombination von Barockmusik mit E-Gitarre und Schlagzeug. Der zweite Preis (5.000 CHF) ging an das Jazz- und Noise-/Electronic Improvisations-Trio HOLD, den ZKB Publikumspreis gewann muralim. Preisträgerkonzerte und -verleihungen fanden im Moods Club in Zürich statt.

www.jazzpreis.ch

Das Bundesjazzorchester, eine der wichtigsten Nachwuchsschmieden für die improvisierte Musik im Lande, wechselt samt seinem Vokalensemble alle zwei Jahre die Besetzung. Instrumentalist*innen und Sänger*innen haben noch bis 3.11. Gelegenheit, sich für die Bujazzo-Periode 2027/28 zu bewerben.

www.bundesjazzorchester.de/mitspielen

Auch Jugend musiziert startet in ein neues Jahr. Die Anmeldung zur Teilnahme am 64. Bundeswettbewerb 2027 für junge Menschen ab Jahrgang 2008 aufwärts ist noch bis 15.11. online möglich:

www.jugend-musiziert.org/ausschreibung/ausschreibung-2027

© Hans Kumpf

 

Am 5.10. verlieh Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den höchsten Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland u.a. an die Sängerin Nana Mouskouri und den Jazzmusiker Till Brönner. Letzterer erhielt das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement „als Botschafter, der mit der verbindenden Kraft der Musik Brücken in die Gesellschaft baut“, Mouskouri für ihren Einsatz beim Prozess der Aussöhnung der Griechen mit den Deutschen.

JAZZTHETIK macht mit: Haltung zeigen mit einem sichtbaren Zeichen an Tür, Website oder Ladentheke: „Werte vor Umsatz – Wirtschaft widerspricht“ ist ein Orientierungszeichen, an dem Konsument*innen im Alltag erkennen, welche Unternehmen die AfD ablehnen und für Menschenwürde, Demokratie und ein diskriminierungsfreies Miteinander einstehen. Getragen wird die Initiative von Adviris, initiiert von Marie Christina Schröders.

www.wirtschaft-widerspricht.de

© Hans Kumpf

 

Die Karriere des Saxofonisten Alexei Semjonowitsch Koslow ging zurück bis in die Sowjet-Ära des russischen Jazz. Schon in den 1960er Jahren gehörte er dort zu den ersten prominenten Musikern des modernen Jazz. Mit seinem Ensemble Arsenal leistete Koslow später Pionierarbeit in der russischen Jazzrockszene. Er starb am 25. September in Moskau im Alter von 90 Jahren.

Der Deutsche Filmmusikpreis 2026 wird am 7.11. in der Oper Halle (Sachsen-Anhalt) vergeben. Nominiert sind Markus Kienzl, Florian Tessloff und Karim Sebastian Elias sowie in der Kategorie Nachwuchs Maximilian Lindinger und Georg Mausolf. Fest stand bereits bei Redaktionsschluss: Jochen Schmidt-Hambrock erhält den Ehrenpreis für sein filmmusikalisches Schaffen.

www.deutscherfilmmusikpreis.de

Soziale Absicherung von Künstler*innen? Andere europäische Länder leben vor, wie es sein könnte: Das „Basic Income for the Arts“ in Irland z.B. sichert zumindest Ausgewählte unter ihnen finanziell ab. Davon sind wir hierzulande weit entfernt. Deshalb gab es eine gemeinsame Stellungnahme von FREO, Deutscher Jazzunion, Unisono und Pro Musik zur Schließung der Lücken in der Absicherung selbstständiger Musiker*innen. Zwar gibt es bei uns die Künstlersozialkasse, für „temporäre Einkommensverluste, (…) die sich aus den besonderen Bedingungen künstlerischer Erwerbsverläufe ergeben“, so heißt es, „fehlt bislang jedoch eine vergleichbare Absicherung.“

www.deutsche-jazzunion.de/stellungnahme-absicherung-selbststaendige-musikerinnen/

Im Kölner Stadtgarten läuft vieles zusammen. Hier schlägt auch das Herz von NICA Artist Development. Die Förderorganisation sorgt für Residenzen, Masterclasses, Konzert- und Probemöglichkeiten, Entwicklung internationaler Projekte und Vernetzung in der europäischen Musikszene für aufstrebende Künstler*innen. In diesem Jahr kommen in diesen Genuss: die Organistin Annie Bloch, die Kuratorin Parissa Charghi, der Saxofonist Victor Fox, die Bassist*innen Tabea Kind und Florian Herzog sowie die Vokalistin Kateryna Kravchenko.

www.nica-artistdevelopment.de/news/das-sind-die-nica-artists-2026

Die Gründung der JazzHall in Hamburg vor fünf Jahren galt auch als visionäres Projekt zur Stärkung der dortigen Jazzausbildung. Der in die Musikhochschule integrierte Konzertsaal bietet seitdem ein weitgefächertes und vielbeachtetes Programm. So ist die JazzHall sowohl Bühne für Nachwuchskünstler*innen als auch für nationale und internationale Stars. Ein Konzertsaal speziell für Jazz mit einer präzisen Akustik habe weltweit Seltenheitswert, so der künstlerische Geschäftsführer Tilman Oberbeck.

www.jazzhall.de

Auf der 29. Ausgabe der Jazz Now!, der Fachkonferenz der Deutschen Jazzunion, in Hamburg zeigte sich die Jazzszene „solidarisch und zukunftsorientiert“. Man sprach von einer „gut vernetzten, selbstbewussten und zukunftsorientierten Szene, die auch gesellschaftspolitische Entwicklungen wie den zunehmenden Rechtsruck nicht ausblendet.“ Veranstaltet wurde die Konferenz gemeinsam vom Jazzbüro Hamburg e.V., der Hochschule für Musik und Theater sowie der JazzHall, mit im Boot sitzen u.a. auch die Hamburger Kulturbehörde, GEMA-Stiftung und GVL.

www.deutsche-jazzunion.de/jazznow

Die Stadt Osnabrück vergab im Oktober Auszeichnungen für besonderes Engagement: Der Gründer und ehemalige Leiter des Morgenland Festivals, Michael Dreyer, erhielt eine Bürgermedaille für seinen großen Beitrag zum interkulturellen Dialog. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter überreichte die Auszeichnung im Friedenssaal des historischen Rathauses.

© Björn Knapp

 

Das diesjährige Kathrin Lemke Scholarship for Young Jazz Improvisers, im Volksmund Kathrin‐Preis genannt, geht in diesem Jahr an den Multiinstrumentalisten Fabian Neubauer mit Field Condition. Sein Projekt steht für das mit experimentellen Spielpraktiken (digitale Medien, Drucker, Sprache, Performance, Field Recording, Live-Sampling etc.) erweiterte Musizieren. Der 2026 zum fünften (und vielleicht letzten?) Mal von der Mutter der verstorbenen Musikerin Kathrin Lemke, dem Jazzinstitut Darmstadt, dem Internetportal jazzpages.de sowie der JAZZTHETIK vergebene Preis besteht aus einer voll finanzierten Arbeits- oder Werkstattphase sowie dem Preisträger*innen-Konzert im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut.

www.kathrin-preis.de

© Hans Kumpf

 

Fünf Grammys und eine 40-jährige internationale Musikkarriere brauchte es, damit eine Künstlerin schwarzafrikanischer Herkunft einen Stern auf dem 1,3 Meilen langen „Walk of Fame“ in Hollywood bekommt: Geehrt wurde jetzt Angélique Kidjo, Musikerin, UNICEF-Sonderbotschafterin und Förderin der Bildung für junge Mädchen in Afrika. Ein Zeichen? Ein längst überfälliges, wie wir finden.

© Hans Kumpf

Der Saxofonist Nicolas Simion hatte immer wieder enge Beziehungen zu seinem Mutterland Rumänien. 1988 wegen Repressalien des Ceaușescu-Regimes nach Wien geflüchtet, spielte er dort bald mit Wolfgang Muthspiel, Harry Sokal und internationalen Jazzstars wie Art Farmer und Mal Waldron. Schließlich landete Simion in Köln, von wo aus er sich auch um den Austausch zwischen deutschem und rumänischem Jazz kümmerte. Nach einem bewegten Leben starb Nicolas Simion am 29. August in seinem Heimatort Brașov im Alter von 67 Jahren.

Nur 66 Jahre alt wurde die Brasilianerin Zélia Fonseca. Bekannt war die Gitarristin, Songschreiberin und Sängerin vor allem in Europa, wo sie seit 1989 lebte, durch ihr Duo Rosanna & Zélia mit der 2006 verstorbenen Sängerin Rosanna Tavares. Zélia Fonseca starb am 30. September.

Eine Notwendigkeit: Auch JAZZTHETIK muss leider auf gestiegene Kosten (u. a. Danke, Deutsche Post) reagieren. Der Preis der Printausgabe erhöht sich ab dem 1.1.2027 auf 9,70 € für das Einzelheft, im Abo kostet unser Magazin in Zukunft 55 € (Versandkosten ins Ausland zuzüglich). Online bleibt es aber stabil bei 30 € für das Jahresabo.

Und zu guter Letzt noch eine Richtigstellung: Das Foto von Abdullah Ibrahim auf Seite 51 der letzten JAZZTHETIK-Ausgabe stammt nicht von Hans Kumpf, sondern von Manfred Rinderspacher.