Dejan Terzić

Wachsen als Prinzip

Zehn Jahre gemeinsames Atmen, dreizehn Konzerte als Feinschliff, null Overdubs: Das dritte Album von Dejan Terzićs Quartett Axiom ist ein Dokument gelebter Bandchemie – und ein Plädoyer für die Kraft des Kollektivs.

Von Stefan Pieper 

Im Teatro Giovanni da Udine steht ein Flügel auf der Bühne, daneben Verstärker, Mikrofone, das übliche Equipment. Soundcheck. Doch was hier entsteht, ist mehr als das: Dejan Terzić und sein Quartett Axiom spielen ihr komplettes Programm durch – und nehmen es auf. Das neue Album Grow ist „irgendwie so ein Dazwischen“, beschreibt der Schlagzeuger und Bandleader das Resultat. Das Werk – und ja, ein solches ist dieses kompakte, verdichtete Stück Musik allemal – will weder klassisches Livealbum noch Studioproduktion sein. Die meisten Stücke stammen von diesem Soundcheck, nur „Growing“ und die ruhigeren Nummern vom Abendkonzert selbst.

Dreizehn Auftritte lagen da bereits hinter der Band. Dreizehn Abende, an denen die Kompositionen reifen durften, also passt der Titel auch in dieser Hinsicht, wie Terzić bestätigt: „Wir hatten einen ganz gesunden Approach gefunden, wie wir die Musik zum Klingen bringen.“ Die Stücke entstanden jeden Abend neu, und doch etablierten sich Strukturen. „In der Nachbesprechung sagen wir dann: Das fand ich super, lass uns das beibehalten.“ Wachstum entstand durch Wiederholung, der Feinschliff ergab sich durch den Dialog mit dem Publikum, und überhaupt ist jede gespielte Version ein Unikum für sich, wieder und wieder neu.

Die Geschichte der Band beginnt lange vor dem ersten Album. Terzić und Chris Speed kennen sich seit 1989, als der amerikanische Saxofonist in Nürnberg lebte. „Wir haben zusammen gewohnt, sind Freunde geworden.“ Mit Bojan Zulfikarpašić verbindet Terzić noch mehr: „Wir sind fast Verwandte. Ich war dreizehn, er war fünfzehn, er spielte damals noch Schlagzeug, hatte eine Band mit meinem Cousin in Belgrad.“ Als 2015 das Label CAM Jazz ein Quartett ermöglichte, war die Besetzung sofort klar. Seither haben sie konsequent ein bis zwei Tourneen pro Jahr absolviert – mehr Kontinuität, als Terzić selbst erwartet hatte.

Was auf Grow sofort auffällt: Da haben es vier Musiker aber so richtig drauf – und das gibt auch der großen Vielschichtigkeit der Stücke einen organischen Zusammenhalt. Chris Speeds feinkalibrierte Passagen changieren zwischen strenger Tonarchitektur und balkanesker Tonmalerei. Im Solostück „Choral“ demonstriert er auf der Klarinette die Kunst der Verwandlung. Bojan Z baut auf modalen Skalen seine expressiven Soli, jede Note durchtränkt von Wärme. Wechselt er zum Fender Rhodes, öffnet sich eine andere Klangwelt – gläsern, funkend, eine Brücke zwischen den Dekaden. Matt Penman am Bass liefert das Fundament, das niemals starr wird. „Stefano Amelio ist echt ein Fuchs“, lobt Terzić den Toningenieur, der dem Album seinen warmen, transparenten Klang verliehen hat.

Die Kompositionen folgen unterschiedlichen Architekturen. „Rusitscha“, ein kroatisch-slawonischer Folksong aus einem Klavierbuch von 1975, entspricht dem traditionellen Muster: Intro, Melodie, Rubato, dann in Time, dann Soli. Bei Stücken wie „Addition“ oder „Shoplifting“ hingegen passiert alles kollektiv. „Present Past Future“ ist komplex durchkomponiert, entstanden im Februar 2022 als Reaktion auf Russlands Angriff – ein Stück als Protest, als drängende Frage: Wohin werden wir gehen?

Terzićs eigener Weg führte über Umwege zum Jazz. Im damaligen Jugoslawien geboren, kam er mit zwei Jahren nach Oberfranken, ging mit zwanzig nach New York. Dort lernte er bei Jimmy Cobb den Bebop von der Pike auf, arbeitete als Sideman, nahm unzählige Platten auf. Doch schon früh wusste er: „Ich selber muss auch mal was machen, und es wird anders sein.“ Ende der Neunziger folgte die Beschäftigung mit osteuropäischer Folklore – die Franzosen nannten es „Folklore Imaginaire“. Später kamen minimalistische Strukturen hinzu, inspiriert von Steve Reich. All das fließt nun in Axiom zusammen.

Zehn Jahre als Working-Band sind in der rastlosen Jazzszene keine Selbstverständlichkeit. „Nichts ersetzt das Credo einer Band, die seit Jahren probt und regelmäßig spielt“, sagt Terzić mit Nachdruck. Er erinnert sich an eine bittere Erfahrung aus den Neunzigern: Eine funktionierende Band wurde abgelehnt, weil der Veranstalter lieber „ein internationales Potpourri mit Amerikanern“ wollte. „Musikalisch blieb das natürlich komplett an der Oberfläche. Das war für mich der Ausschlag zu sagen: Ich will nur noch Bands, die regelmäßig arbeiten. Bestenfalls Freunde, die gemeinsam an eine Sache glauben.“

Axiom ist genau das. Grow klingt wie Bilanz und Versprechen zugleich. Im März geht die Band wieder auf Tour – acht Termine zwischen Basel, Köln, Berlin und Italien. Man muss diese erfahrenen, hellwachen Musiker unbedingt live erleben. Bis dahin bleibt dieses Album: ein Dokument dessen, was passiert, wenn vier Könner einander blind vertrauen. Ohne Netz. Ohne doppelten Boden.

Aktuelles Album:

Dejan Terzić: Grow (o-tone / Edel)