
© Manfred Rinderspacher
Enjoy Jazz Rhein-Neckar-Region
Von Hans-Jürgen Linke. Zum dritten Mal hat das Enjoy Jazz Festival, das sich über mehrere Wochen und Spielorte verteilt, ein Motto gewählt: nach „Trust“, Vertrauen, und „Healing“, Heilung, nun „Knowing“, Wissen. Wie immer ist die deutsche Übersetzung nicht in allen Dimensionen deckungsgleich mit dem, was gemeint ist. Mit „Knowing“ zum Beispiel zielt das Festival, wie sein künstlerischer Leiter Rainer Kern deutlich macht, auf den Prozess- und Impuls-Charakter von Wissen ab – und nicht auf das Arrogant-Festgefügte, das dieser Begriff im Deutschen hat. Immerhin galt Musik einst nicht als unterhaltender Konsumartikel, sondern als eine Form des Wissens von der Welt. Das Motto lenkt und formt die Wahrnehmung dessen, was beim Festival hörend zu erleben ist: Was wissen die Musiker*innen, welche Botschaften schicken sie ans Publikum, was weiß der Jazz?

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Da ist einmal der Impuls der unbekümmerten Vermischungs- und Verbindungsabsicht, wie sie Ibrahim Maalouf mit seiner zehnköpfigen Band im Eröffnungskonzert zelebriert: Man weiß doch, wie wunderbar es sich anfühlen kann, über Jägerzäune zu springen und im Nachbargarten etwas zu entdecken. Einen Schritt weiter geht Heather Leigh, die ihre Brötzmann-Hommage wegen heftiger Wetterturbulenzen (Mette Rasmussen und Band konnten nicht anreisen – aber was wissen wir eigentlich über das Klima?) allein auf die Bühne bringen musste und auf der Pedal Steel Guitar zwischen düster-melancholischen Landschaften und krassen Noise-Attacken changierte.
Am intensivsten näherte sich das Duo Carolin Emcke (text) und Anja Lechner (vc) dem Thema. Ihr gemeinsamer Auftritt im Heidelberger Karlstorbahnhof widmete sich dem Wert des Zuhörens, ohne zwischen Musik und Text im Hinblick auf ihren Gehalt trennscharf zu unterscheiden. Christian Muthspiel und sein Orjazztra Wien gaben nicht nur Ernst Jandls Lyrik, sondern auch seiner konservierten Rezitationsstimme den Charakter eines Instruments im Jazzensemble. Auch zwischen Improvisation und Komposition gibt es übrigens keine klare Unterscheidung, wie unter anderem Michael Wollny im Solokonzert und Gespräch zeigte. All das gehört zum Wissen, das der Jazz repräsentiert.

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Christopher Dell kommt auch in seiner Musik ohne strenge Unterscheidungen aus: Ist sie eher physisch oder intellektuell geprägt? Beides. Eher formstreng oder freigeistig? Who cares! Bei all dem Wissen, Können, dem Vertrauen und der Präsenz, die auf der Bühne versammelt sind, wenn zwei Dell-Trios (DRA und DLW) nacheinander spielen. Dell ließ bei seinen musikalischen Antworten auf die eventuelle Frage, warum er den SWR Jazzpreis verdient hat, keine Unklarheit.
Beim Duokonzert von Wadada Leo Smith und Vijay Iyer kamen zwei unterschiedlich krasse Erfahrungswelten zum Tragen: Beide gehören unterschiedlichen Ethnien und Generationen an, eine gemeinsame Erfahrung war und ist der Rassismus ihrer alltäglichen Umgebung. Beide wahren beim Spielen der gemeinsamen Musik eine fast strenge Ökonomie, keiner zieht an irgendeine Front.
Anouar Brahem schließlich betont im resonanzreichen Abschlusskonzert in der Mannheimer Christuskirche den humanen Charakter von Musik, die sich kein politisches Schweigen auferlegt. Dass Musik keine einseitige Parteinahme ermöglicht – dazu bräuchte sie unvermeidlich Text – erweist sich als Stärke dieses weltmusikalisch multiplen Konzepts, das von einem intensiven Verhältnis zur Stille lebt.



