HÖRBUCHT

SCHWEIZERINNEN

Sprache. Schpraaache. Immer im Wandel, immer in Bewegung. Ob Deutsch, Schwyzerdütsch, Newyorkerisch oder Bielefeldisch. Alles eine Soße. Schweizerinnen wissen das. Holländerinnen auch, Niederländerinnen sowieso. Sprache lebt, ist lebendig, wird gelebt. Anders als Träume. Lebe deinen Traum! Und alle so: würg. Das ist wie beim Jugendwort des Jahres. Wenn es die Jugend nicht spricht, ist es fake, nicht echt. Schweizerinnen können mehr als Käsefondue. In der Hörbucht…

Björn Simon

Dorothee Elmiger

Die Holländerinnen

Argon

4 Sterne

Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis“: Wer mit solchen Worten ein Buch bewirbt – oder ist es doch eher als Warnung zu verstehen? –, der wird sich etwas dabei gedacht haben. Jedenfalls stehen diese Worte nicht nur auf der Rückseite der Buchausgabe von Dorothee Elmigers 2025 erschienenem und im selben Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Holländerinnen“ – auch der Argon-Verlag, in dem das von der Schauspielerin Heike Warmuth eingelesene Hörbuch dazu erschienen ist, zitiert sie in seiner Werbung. Was aber hat es mit diesem „Abgrund“ auf sich?

Die seit 2022 in New York City lebende Schweizer Autorin erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer namenlos bleibenden, sich aktuell in einer Schreibkrise befindenden Schriftstellerin, die von einem renommierten (entfernt an Milo Rau erinnernden) Theatermacher die Einladung erhält, sich seiner Theatergruppe quasi als Protokollantin anzuschließen, um für sein neues Stück in die „Traurigen Tropen“ (Claude Lévi-Strauss) zu reisen, auf den Spuren real geschehener mysteriöser Ereignisse: 2014 waren dort zwei junge Holländerinnen, Lisanne Froon (22) und Kris Kremers (21), von einem Ausflug auf dem Pianista Trail in der Region Boquete im Westen Panamas nicht zurückgekommen. Zwei Monate später findet ein indigenes Pärchen zwölf Kilometer Luftlinie vom Beginn des Trails entfernt den Rucksack der beiden Frauen, in dem sich deren Handys, eine geringe Menge Geld und eine digitale Kamera befinden. Unweit des Rucksacks werden dann noch ein Schuh Froons mit einem abgetrennten skelettierten Fuß sowie später eine Jeansshorts und weitere Knochen gefunden. Mehr Indizien gibt es nicht – umso zahlreicher sind die Spekulationen darüber, was damals hier im Urwald geschah.

Unglück oder Verbrechen? Wer sich für den realen Fall interessiert, zu dem es eine über 2650 Seiten lange Ermittlungsakte gibt, der wird wohl eher zu dem von Christian Hardinghaus und Annette Nenner verfassten, 2024 erschienenen Buch „Verschollen in Panama“ greifen, in dem die Autoren ihre Recherchen zusammengetragen haben. Dorothee Elmiger interessiert der reale Fall eher weniger – oder nur einzelne Aspekte davon wie die auf der Digitalkamera gefundenen, rätselhaft unklar bleibenden Fotos. Und schon gar nicht beteiligt sie sich an irgendwelchen Spekulationen darüber, was damals im mittelamerikanischen Dschungel geschehen sein könnte.

Nicht von ihr erwarten sollte man auch eine stringente Handlung: Beschrieben wird in durchgehend indirekter Rede die Innenwelt einer Schriftstellerin, die in einer Poetikvorlesung Auskunft geben soll über ihr literarisches Handwerk. Obwohl sie das schon öfter getan hat und meint, auch eine entsprechende Theorie dazu entwickelt zu haben, sieht sie sich nun, da sich „ihr Schaffen in einem Prozess der Auflösung befinde“, dazu außerstande. Also habe sie zunächst überlegt, „eine Theorie der Auflösung, des Abbrechens, des Auseinanderfallens“ zum Gegenstand ihrer Vorlesung zu machen. Allerdings sei sie auch daran gescheitert, da dieser Prozess „in Wahrheit keinen Regeln“ folge, „kein System“ habe und sich folglich auch der Theorie verweigere. So dass sie sich letztlich, um ihre Zusage nicht im letzten Augenblick doch noch widerrufen zu müssen, dazu entschlossen habe, „über ihren letzten, nie zu Ende gebrachten Text zu sprechen – ein Wust an Notizen, Fragmenten, die Relikte einer Reise“. Jener Reise also, die mit dem Anruf des Theatermachers und seiner Einladung nach Panama begann.

Wer nun bei dieser Beschreibung den Eindruck bekommt, es handle sich um keine ganz einfache Lektüre: stimmt. Soll es vermutlich auch gar nicht sein. Dafür aber um eine umso lohnendere. Jedenfalls dann, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat und dann konzentriert dabeibleibt: Das eigentliche Ereignis dieses kurzen, aber gewichtigen Romans ist seine Sprache. Ist das, was sie in Andeutungen, Ahnungen, aufscheinen lässt – verteilt auf Binnenerzählungen einzelner Mitglieder der Theatergruppe.

Dorothee Elmiger hat lange Saxofon in verschiedenen Jazzbands gespielt, was gut zu ihrem musikalisch-rhythmischen Schreibstil passt. Sie reißt ein Thema an, nähert sich ihm, umkreist es, entfernt sich wieder, verwirft es, versucht es neu oder anders oder sucht sich ein weiteres Thema. Fragen interessieren sie mehr als Antworten, und auf welche Fragen sie beim Schreiben kommt, ist womöglich ein Hauptantrieb für ihr Schreiben. Dass diese Fragen im Kopf des Lesenden oder Hörenden weitergedacht werden können, auch um eigene neue Fragen erweitert: Das ist vermutlich der beste Grund, diesen Roman zu hören oder zu lesen. Denn ihre Fragen klingen lange nach – und inwieweit man dabei in einen Abgrund blickt oder blicken will, wird jeder für sich selbst feststellen müssen.

Robert Fischer