Internationales Jazzfestival – Shortcut
Münster

© Ansgar Bolle
Von Arne Schumacher. Ob kurz oder lang – für den Aufbau des Programms macht das beim Jazzfestival Münster keinen Unterschied. Leiter Fritz Schmücker überbrückt die Zeit zwischen den alle zwei Jahre ausgerichteten XL-Ausgaben mit einer eintägigen Shortcut-Version, die denselben Prinzipien folgt. Da das Theater der Stadt bereits vor Programm-Veröffentlichung verlässlich ausverkauft ist, erübrigt sich das Prinzip zugkräftiger Headliner, was Schmücker konsequent ausnutzt. Ganz oben steht für ihn ein handverlesenes, stilistisch vielfältiges und klug getaktetes Programm. Dass er nicht müde wird, dies auch an einem sehr langen Shortcut-Abend ausführlich zu erläutern, gehört zu den Ritualen der Veranstaltung.
Vier statt drei Acts – so sollte es diesmal funktionieren. Auf dem Papier eine verheißungsvolle Konstellation mit reizvollen Brüchen, Schlenkern und einem umarmenden Finale. Das Festival begann mit einer famosen Überraschung. Der brillante französische Posaunist Robinson Khoury stellte ein frisch formiertes Quartett vor: eine kammermusikalische Besetzung mit Klavier, Cello und Kontrabass. Auf die von Elementen Alter Musik geprägte Eröffnung, absolviert mit adretter Strenge, folgte ein Reigen an Stücken, in denen das fein abgestimmte Ensemble – am Klavier die etablierte Eve Risser – eine gute Balance zwischen attraktiven Themen und improvisatorischer Entfaltung fand. Aus einer tänzelnden Bourrée geriet man in eine ergreifende, von einem klagenden Vokalsatz gefärbte Gaza-Elegie. Eine nachklingende Deutschlandpremiere als rauschender Erfolg.
Mit Ruf der Heimat holte Fritz Schmücker als Verbeugung vor Münsteraner Tradition zwei gebürtige, lange schon „abtrünnige“ Söhne der Stadt auf die große Bühne. Die aktuelle Besetzung, der neben den Heimkehrern Thomas Borgmann (ts, as, fl, harm) und Willi Kellers (dr, perc) mit Christof Thewes (tb) und Jan Roder (b) zwei weitere langgediente Free-Kämpen angehören, hatte fast nichts von der Bissigkeit einstiger Impro-Attacken des Quartetts, in dem früher Peter Brötzmann und Ernst-Ludwig Petrowsky agierten. Man schien milde gestimmt, fand sich sogar mal zu beinahe lyrischen Momenten zusammen. Der transparente Spielfluss wirkte moderat und gesetzt statt auch nur ansatzweise aggressiv. Ein gut gelaunt absolviertes, eher harmloses Heimspiel samt Borgmanns Hund als munter herumlaufendem Maskottchen.
Eve Risser kehrte als Hälfte eines ungewöhnlichen Duos zurück. Vokalistin Naïny Diabaté, Griot-Frau aus Mali, ließ mit ihrer eindringlichen Stimme an Salif Keïta denken. Was dem Duo fehlte, offenbarte die Zugabe: Da wurde Cellistin Lina Belaïd aus der Khoury-Band zum Bindeglied, das beide Beteiligte merklich entspannte. Zuvor hatte sich Eve Risser selbst überfordert: als Pianistin, die das Rückgrat bildet und mit Klangzutaten hantiert, mit dem Einsatz von Bass-Drum und Perkussion und mit der Last erklärender Ansagen. Das ging auf Kosten der Strahlkraft.

© Ansgar Bolle
Zum Glück schlug die Berliner Gruppe Rays of Light um Richard Koch den Bogen zu einem erhebenden Ende. Mit Geige, Akkordeon, Kontrabass und Rahmentrommel fand der Trompeter eine ideale Instrumentierung für seine beherzten, melodiestarken Instrumentals, die allerlei Folkbezüge zwischen Balkan, Latin und Nahem Osten aufweisen. Solistisch kamen besonders Fabiana Striffler (viol) und Valentin Butt (acc) zum Zuge. Eine Band mit einem ansteckend positiven Geist und einer positiven emotionalen Kraft, die sich auch ohne große Gesten einstellt.



