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Jazzfest

Berlin

Von Angela Ballhorn. „Wohin wendest du dich, wenn die Welt in Flammen steht?“ –

das Zitat des Gitarristen Marc Ribot passt zur momentanen Lage der Welt. Das spiegelte sich im 62. Jahrgang des Jazzfests Berlin wider. 120 internationale Musiker*innen aus 20 Ländern spielten vor fast 6.000 Besucher*innen in 27 Acts. Viele verteilten sich auf Großformationen, neu gegründet oder alteingesessen.

Stakkato-Salven waren vorherrschend bei vielen Acts, die Nadin Deventer kuratiert hatte, Wohlklang und Melodien musste der Zuhörer eher suchen. Schönheit in Abstraktion brachte Saxofonistin Angelika Niescier mit der Cellistin Tomeka Reid und der Drummerin Eliza Salem im Eröffnungskonzert auf die Bühne, vor allem Niesciers Komposition „Risse“, in Corona-Zeiten entstanden in der Hoffnung auf ein besseres Danach, präsentierte in der Dringlichkeit die neue Realität. Der Berliner Bassist Felix Henkelhausen brachte mit seinem Septett organisiertes Chaos auf die Bühne, in seinen Deranged Particles löste sich der Nebel spät auf, Solospots von Evi Filippou (vib) und vom Bandleader am Kontrabass brachten etwas Ruhe in die vielschichtigen Klänge.

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Runderneuert zeigte sich das London Jazz Composers Orchestra unter Leitung von Barry Guy, vor dem „Double-Trouble-III“-Konzert wurde Marilyn Crispell für ihr Solokonzert des vergangenen Jahres mit dem Instant Award for Improvised Music ausgezeichnet. Saxofonistin Signe Emmeluth präsentierte ihre weiblich besetzte Band BANSHEE, die keinerlei Grenzen zwischen Noise, Improvisation oder Experimentellem scheute. Die Kakophonie an Geräuschen löste sich in gesungenem Wohlklang auf.

Leichtere Kost versprachen kleinere Formationen: David Murray verband in seinem Gig Tradition und Moderne, ließ seine Rhythmusgruppe mit Pianistin Marta Sánchez durch seine „Birdly Serenade“ swingen und grollte auf dem Tenorsaxofon dazu. Drummer Makaya McCraven brachte die Bühne zum Brennen, seine Mischung aus komplexen Beats, klaren Strukturen und einer fantastischen Band begeisterte, vor allem Gitarrist Matt Gold ließ Energiewellen über den Bühnenrand schwappen. Sperriger und trotzdem zugänglich war Mary Halvorsons Amaryllis Sextett. Mit Patricia Brennan (vib) und den beiden Bläsern Adam O’Farrill (tp) und Jacob Garchik (tb) baute die Gitarristin interessante Soundscapes.

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Versöhnlich war das Konzert mit strahlendem Trompetenton von Wadada Leo Smith, kongenial begleitet von Vijay Iyer, mit dem der mittlerweile 83-Jährige seit über 20 Jahren zusammenspielt. Eine wunderbare Symbiose im „Defiant Life“ (trotziges Leben) überschriebenen Programm ließ das Publikum den Atem anhalten. Pat Thomas zeigte in einem viel zu kurzen Klaviersolokonzert, wie ein Flügel klingen kann – Schönklang tauchte nur am Rande auf, scharfkantig und brüchig war die Musik. Solche Gewalt forderte Zugaben – hier forcierte Pat Thomas eine brillante Version von Monks „Evidence“. Auch Sakina Abdou spielte solo – die französische Saxofonistin erforschte die Klangmöglichkeiten der Gedächtniskirche. Das Spektrum war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Solo war auch die diesjährige Preisträgerin des Albert-Mangelsdorff-Preises zu hören: Die Vokalkünstlerin Lauren Newton zeigte, wozu die menschliche Stimme fähig ist.