© Dirk Martins

Jazzfest

Gronau

Von Dirk Martins. Wer der Meinung ist, Jazz sei was für Menschen, die ihre Schals im Sommer tragen und Kaffee philosophisch analysieren, war noch nicht in Gronau. Eine Woche lang hat die Stadt gebebt. Zwischen TikTok-tauglichen Hooks und polyrhythmischen Göttern, die mal kurz den Boden aufgerissen haben.

© Dirk Martins

Alles begann in Epe beim „Jazzfest meets Frühlingsfest“, wo The Funkeys mit elf Leuten, knallharten Bassläufen und handgemachtem Sound zwischen Soul-Klassikern und Phil Collins’ legendärem Drum-Break das Bier im Becher zum Zittern brachten. In der Bürgerhalle trafen bayerische Eleganz und Saxofon-Power aufeinander. Alma Naidu inszenierte mit ihrer kristallklaren Stimme kleine Filme im Kopf, während Jakob Manz am Altsaxofon bewies, warum er mit Anfang zwanzig bereits zur Weltklasse gehört. Das Miteinander der beiden war ein echtes Gespräch, das alle Genregrenzen wegwischte.

© Dirk Martins

Mittwochabend, die Bürgerhalle voll und die große Frage: Was macht eine Synth-Pop-Ikone auf einem Jazzfest? Doch wer Alphaville als Fremdkörper sah, irrte. Marian Gold lebt seit Jahrzehnten den Jazz-Spirit der Freiheit und des Experiments. Bevor er mit „Forever Young“ einen Gänsehaut-Moment als Statement gegen Rechtspopulismus setzte, verzauberte MIU mit ihrem Modern-Retro-Soul und einer Prise Audrey-Hepburn-Charme.

Am Welttag des Jazz wurde es ehrfürchtig. Der 81-jährige Billy Cobham dekonstruierte mit seinem Quintett (u.a. Tastenzauberer Gary Husband) das Wort „Alter“. Als beim JugendJazzOrchester NRW kurz ein Bassverstärker kapitulierte, nutzte die Band die Zwangspause für eine sympathische Vorstellungsrunde – ein Moment purer Backstage-Magie auf offener Bühne. Das Finale „Stratus“ war schließlich ein Fusiongewitter in Perfektion. Freitag war der Tag der ehrlichen Gefühle. Gregor Hägele legte sein Herz so offen auf die Bühne, dass es fast wehtat, während Loi mit einer Stimme aus Samt und Stahl eine kollektive Therapiesitzung abhielt.

© Dirk Martins

Am Samstag in der Bürgerhalle rockte Pelemele für die Kids, bevor das Het Stroat Ensemble die Story des Abends lieferte: Die Jungs hingen im Stau fest, sprangen aber beim Eintreffen sofort aus ihrem Bus und bliesen den aufgestauten Frust direkt mit einer Ladung Blech in den Himmel. Monotape servierte Independent-Soul, während die Jimmy Reiter Band bewies, warum sie zur Blues-Elite gehört. Susan Albers verzauberte unplugged mit purer Stimmgewalt. Dann die Eskalation: Botticelli Baby lieferten eine musikalische Schlägerei aus Punk und Jazz, Betrayers of Babylon tanzten den Regen mit Global Grooves einfach weg und Jazzalike aus Hengelo machte mit einem wilden Mix von 80ern bis Rammstein den Sack zu.

Sonntag wurde es fein: Das North Sea String Quartet lieferte Kammermusik-Grooves, während Nina’s Rusty Horns mit ihrem Vintage-Sound die Innenstadt beim verkaufsoffenen Sonntag belebten. In der Stadtkirche nutzte Het Orgel Trio die Orgel als experimentelle Klangfabrik. Den edlen Abschluss bildete „Jazz & Dine“ mit Helen Music und Jaxman – ein Genuss für Ohren und Gaumen.

Warum das seit 38 Jahren funktioniert? Weil Gronau Musik atmet. Das Fest ist für die ganze Familie, von den Knirpsen bis zu den Großeltern. Ob durch den WhatsApp-Service, die barrierefreie Planung oder die kostenlosen Formate für alle – hier wird Teilhabe großgeschrieben. Diese herzliche Crew-Mentalität schaffte einen Vibe, der alle am Morgen nach dem Jazzfest in den „Monday Blues“ stürzen ließ.