JOE-Festival

© Stefan Pieper

Essen

Von Stefan Pieper. Es gibt Momente, die die Geschichte eines Festivals weiterschreiben. Beim Solorecital von Nik Bärtsch hört man irgendwann auf, den Raum wahrzunehmen. Die Zeche Carl, die Stuhlreihen, die anderen Leute – alles fällt weg. Es gibt nur noch diesen Flügel und diesen Mann, der darauf spielt, als würde er Flüssigkeiten modellieren. Repetitive Figuren verdichten sich, mutieren, lösen sich auf. Das Spiel des Schweizer Pianisten formt aus Tönen Kraftfelder, die keine Kategorie dulden. Am Ende sagt Bärtsch ein paar Worte darüber, wie wichtig es sei, junge Menschen mit dem Wunder der Musik in Berührung zu bringen. Dann spielt er weiter. Und das Wunder ist da.

Dieser Moment ereignete sich beim JOE Festival, das vom 19. bis 21.2. in der Zeche Carl in Essen-Altenessen stattfand. Es schafft seit 1995 einen Raum, in dem Musik passieren kann, die anderswo keinen Ort findet. Patrick Hengst und Simon Camatta stemmen das neben ihren Hauptjobs, mit stagnierender Förderung, ohne Apparat. In einer Kulturlandschaft, die sich zunehmend über Eventgröße und Sponsorentauglichkeit definiert, ist das eine stille Verweigerung – und zugleich ein Bekenntnis zur improvisierten Musik, die kein Nischenphänomen ist, sondern eine der lebendigsten Kunstformen der Gegenwart.

© Stefan Pieper

Das Programm belegte dies auf Schritt und Tritt in allen denkbaren Varianten. Die Klarinettistin Shabnam Parvaresh setzte mit dem Sheen Trio die Bassklarinette an und öffnete einen Raum zwischen progressivem Jazz und persischen Klangspuren, die tiefer saßen als jedes Zitat. Danach blieb ein Satz hängen: „Würde ich dort diese Musik spielen, landete ich sofort im Gefängnis.“ Dort, das ist der Iran, wo die Künstlerin herstammt. Dass diese Musik hier so frei atmen darf, ist anscheinend keine Selbstverständlichkeit – auch das macht ein Festival wie JOE so kostbar. Mit musikalischer Freiheit Ernst machte danach auch die Band Almost Natural, die den Raum mit hypnotischen Texturen und roher Energie auflud. Ähnlich agierte einen Abend später Simon Camattas neues Trio Helicopter, das in ein eruptives Kraftfeld hineinzog. Ludwig Wandinger zeigte mit dem Streichquartett PULS, wie sich Gegenwart anhört, wenn sie sich von Genregrenzen befreit hat. Dann trafen Phil Minton und Carl Ludwig Hübsch aufeinander, Stimme und Tuba gerieten in offenen Dialog jenseits jeder Metrik. Ingrid Laubrock und Tom Rainey musizierten auf einem Niveau, das man fast – auf höchstem empathischem Niveau – routiniert nennen könnte, bis Laubrocks Soundsheets auf dem Saxofon einen wieder in alle Nervenzellen trafen.

Den Samstag eröffnete Elliott Sharps ReGenerate mit elf Musikern, die zu projizierten grafischen Strukturen improvisierten. Darunter agierten lokale Größen wie Gunda Gottschalk an der Geige und Patrick Hengst am Schlagzeug. Ein symbolträchtiges Bild: Die freie Szene Nordrhein-Westfalens und ein New Yorker Downtown-Veteran teilen anscheinend dieselbe ästhetische DNA – und in der Zeche Carl wuchert daraus ein Klangbiotop auf natürlich gewachsenem Nährboden.