Joe Jackson
„Wir alle sind Diebe“
Wer ist Joe Jackson? Der Musiker, der auf der Schaumkrone des New Wave einen Hit nach dem anderen in die Runde warf? Der Mann, der Sinfonien und ausgefeilte Jazz-Arrangements schreibt? Der Musikarchäologe, der vergessene Songwelten herauskramt und einem neuen Publikum zugänglich macht? Oder der Pragmatiker, der auf seinem neuen Album Hope And Fury ein für alle Mal deutlich macht, dass jedes Genre, jede Kategorie und jede stilistische Zuschreibung überflüssig ist?
Von Wolf Kampmann
Joe Jackson ist ein Künstler, der sich auf jedem Album neu erfindet und auch mit 71 Jahren noch nichts von seiner Neugier eingebüßt hat. Hope And Fury ist einer jener Glücksfälle, auf denen das Augenblickliche und das Ewige kulminieren. Gleich mit dem ersten Song fühlt man sich wie auf einem Jahrmarkt, dessen verwinkelte Gassen man wieder und wieder durchstreifen kann, um jedes Mal etwas Neues zu entdecken. „Am Anfang war es für mich der Mittelpunkt zwischen Brighton und Portsmouth“, erzählt Joe Jackson, „und am Ende wurde es ein Mikrokosmos von England. Das Album ist eine Zustandsbeschreibung von England. Man nähert sich ihm vom Meer aus, bis sich immer mehr Einzelheiten offenbaren.“
Der Opener des Albums klingt wie ein Shanty, doch von da aus nimmt Jackson den Hörer mit auf einen Landgang von Jazz über Musical-Melodien, klassischen Rock und Punk bis Folk. Der rote Faden durch das Album ist allein der immer erkennbare Joe Jackson. Dieser bricht in Gelächter aus. „Klar, denn niemand als ich selbst hat all diese Songs geschrieben. Aber die Einflüsse sind unbegrenzt. Es ist buchstäblich von absolut allem beeinflusst. Ich werde seit Jahrzehnten gefragt, welche Musik mich beeinflusst und was für Musik ich höre. Aber es ist wirklich alles. Selbst die Dinge, die ich nicht mag, nehmen einen Einfluss. Sehr oft höre ich Sachen, die ich absolut nicht mag, aber irgendeine kleine Idee finde ich dann doch interessant. Und dann denke ich, die hätten ja auch was ganz anderes mit dieser Idee machen können, vielleicht sollte ich das selbst versuchen. Wir alle sind Diebe. Ich habe damit kein Problem. Wir greifen Ideen auf, verändern sie, entwickeln sie weiter, bis man den ursprünglichen Besitzer nicht mehr erkennt.“
Von der Diskussion über kulturelle Aneignung hält Joe Jackson nicht viel. Jeder Künstler ist in einem stetigen Aneignungsprozess, denn niemand kann in einem luftleeren Raum agieren. Inspiration ist ein offenes Feld, Austausch die Crux. Doch je größer die Bezugsfläche, desto härter die Pein. Was ein Segen ist, kann auch zum Fluch werden. „In gewisser Weise beneide ich Leute, die in einem klar definierten Genre arbeiten können und damit glücklich werden. Würde ich das versuchen, wäre es aber plötzlich jemand anders als ich selbst. Ich wäre nicht mehr ehrlich, kann mich aber nur so akzeptieren, wie ich bin.“
Diese Erkenntnis beruht weniger auf einer konkreten Entscheidung als auf einer grundsätzlichen Lebenshaltung. Man kann entweder auf einmal Errungenem aufbauen oder aber jedes neue Projekt, das man in Angriff nimmt, als das erste Unterfangen überhaupt betrachten. Egal, was man bereits im Leben erreicht hat, bleibt man doch immer ein Anfänger.
Hope And Fury ist ein spätes Debüt, das ein Lebenswerk auf den Punkt bringt. „Ich brauche immer wieder neue Perspektiven. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit Ideen konfrontiere, die schon einmal formuliert wurden. Aber dann muss ich eben eine Entscheidung treffen, ob ich sie entweder verwerfe oder komplett auf den Kopf stelle. Ich will Klischees vermeiden, es sei denn, ich benutze sie absichtlich. Auch auf dem neuen Album setzen sich manche Songs ausschließlich aus Klischees zusammen. Das Vermeiden von Klischees ist ja auch nur ein Klischee. Es gibt dafür einfach keine Regeln. Iggy Pop sagte mal, es ist völlig egal, ob meine Musik Jazz, Punk oder Avantgarde genannt wird. Hauptsache, es ist niemals banal. Don’t be corny.“
Doch wo verläuft die Grenze zwischen dem permanenten Diebstahl und dem janusköpfigen Spiel vom Vermeiden und Benutzen von Klischees, die Joe Jackson so leichtfüßig beschreitet? Der Song „Fabulous People“ auf dem neuen Album klingt zum Beispiel wie der beste Song, den David Bowie nie geschrieben hat. „Für mich ist es eher der Pet-Shop-Boys-Song, den die Pet Shop Boys niemals spielen würden“, lacht Jackson und windet sich um eine Antwort. „Der Song handelt von einem Jungen, der sich nicht damit abfinden kann, dass er ein ganz normaler heterosexueller, weißer Boy ist. Als ich jung war, war ich mir sicher, mit Mode nichts am Hut zu haben. Erst Jahrzehnte später wurde mir bewusst, wie sehr ich mich geirrt habe. Aber die Bilder, die wir von uns selbst haben, ändern sich mit der Zeit. Sich das einzugestehen, macht es so spannend. Anti-Mode ist auch eine Mode. Wir kleiden uns schwarz und trotzen dem Trend. Eigentlich ist das langweilig. Gerade Künstler äußern sich oft zu Dingen, über die sie nicht genug wissen.“ Wenn es je eines Beweises bedurft hätte, dass überzeugter Nonkonformismus auch kommerziell zu Erfolg führen kann, wäre wohl niemand geeigneter als Joe Jackson.
Aktuelles Album:
Joe Jackson: Hope And Fury (e-a-r Music / Edel)


