Mammal Hands

Die Ästhetik der Kreise

© Tania Blanco

Ein kleines Motiv reicht. Eine winzige Melodie, die sich im Kreis dreht, die Pirouetten läuft und dabei ab und zu Figuren einfügt, Verzierungen und Muster, die ihrerseits ausstrahlen und aus der Schlichtheit erwachsen. Diese Ästhetik der Einfachheit beherrschen Mammal Hands meisterhaft.

Von Thomas Kölsch

Das Jazztrio aus dem britischen Norwich liebt es, aus minimalistischen Ideen ganze Universen des Klangs entstehen zu lassen, und hat sich damit einen Platz an der Spitze einer neuen Generation britischer Musikerinnen und Musiker gesetzt, die sich der Freiheit des Jazz und der Klangsprache von Rock, Pop und Elektronischer Musik gleichermaßen bedienen. Nun veröffentlichen Mammal Hands ihr sechstes Album Circadia – und stellen zugleich ihren neuen Drummer vor.

Im Grunde ist Circadia sowohl eine Fortsetzung als auch ein Neuanfang: Stilistisch setzen die beiden Smart-Brüder Nick und Jordan die Entwicklung der vergangenen 14 Jahre konsequent fort, klanglich hingegen haben sich Mammal Hands durch den Weggang von Jesse Barrett 2024 und den Einstieg von dessen Nachfolger Rob Turner deutlich verändert. Eine bewusste Entscheidung, wie Jordan Smart betont: „Als Jesse uns offenbarte, dass er aus privaten Gründen aussteigen würde, war uns sofort klar, dass wir am besten das Kapitel ganz abschließen und neu anfangen sollten. Er ist ein unglaublicher, einzigartiger Drummer mit einem ganz eigenen Stil, der den Sound von Mammal Hands nachhaltig geprägt hat. Wir wussten, dass es mit einem neuen Drummer ganz anders werden würde.“

Auch wenn anders keinesfalls schlechter bedeutet. Ganz im Gegenteil: Turner, der bis 2021 bei GoGo Penguin getrommelt hat und schon lange mit den Smarts befreundet ist, bringt einen bemerkenswerten Groove ein, der die neuen Stücke ganz schön unter Spannung setzt. Für die Smarts war er daher die erste Wahl. „Wir wussten, dass er gerade in einer Übergangsphase war, und haben daher die Chance genutzt und ihn gefragt“, so Jordan. „Er war sofort interessiert, und so haben wir angefangen, uns auszuprobieren und mit ihm zu touren. Das hat sich richtig gut angefühlt.“ Ein Lob, das Turner nur erwidern kann, während er gleichzeitig großen Respekt vor seiner neuen Rolle hat. „Jesse ist zumindest in Großbritannien eine Größe für sich“, sagt er bescheiden, „und es gibt einiges, was ich nie so spielen könnte wie er. Was ich aber liebe und brauche, sind das Spiel im Moment und der Balanceakt zwischen dem, was die Musik erfordert, und dem, was ich beisteuern kann. Und das ist etwas, was ich bei Mammal Hands jeden Tag habe.“

Tatsächlich sind die Stücke auf Circadia das Ergebnis permanenten Ausprobierens. „Normalerweise gibt es ein Thema, oft von Nick, sowie ein ungefähres Narrativ, und dann probieren wir einfach alle möglichen Dinge aus“, erklärt Jordan. Eine Arbeitsweise, die Rob sehr zu schätzen weiß. „Eine meiner Schwächen ist, dass ich mir mitunter selbst nicht vertraue“, gesteht er. „Aber in dieser Konstellation mit Jordan und Nick kann ich einfach irgendwelche Ideen in den Raum geben und darauf vertrauen, dass wir sie mindestens einmal anspielen.“ Die Inspiration kommt dabei aus einem breiten Spektrum an Einflüssen. Barock, Romantik und zeitgenössische Musik à la Steve Reich, Folk, Rock, Elektronik. Zudem ist die Nähe zum skandinavischen Jazz spürbar, vor allem zum Esbjörn Svensson Trio, das nicht nur für Rob prägend war – umso mehr passt es, dass Mammal Hands jetzt bei ACT veröffentlichen.

„Wir mögen durchaus Minimalismus, allerdings nicht im eigentlichen Sinn“, sagt Jordan. „Wir halten uns nicht zurück, sondern bauen erst etwas auf, um dann nach und nach alles herauszunehmen, was uns nicht notwendig erscheint.“ Und was immer wieder kommen kann. „Wenn du etwas einhundert Mal wiederholst, fängst du an, es auch wertzuschätzen“, kommentiert Jordan lachend. „Außerdem ist dieser Ansatz wahrscheinlich deshalb gerade so präsent bei uns, weil ein Wechsel automatisch an Kreisläufe und Veränderungen denken lässt. Außerdem versuchen wir durchaus auch mal, das Publikum in eine Art Trance zu versetzen, in der es alle Sorgen für eine kurze Zeit vergessen kann.“

Mit Circadia kann dies durchaus gelingen, ohne dass die Musik dadurch eintönig wirkt. Die in ihrer Schlichtheit eleganten, hypnotischen Melodien werden durch verschiedene Schattierungen, ein exzellentes Gespür für Dynamik und die komplexen Rhythmen Turners unterfüttert und transzendieren damit das leicht despektierliche Label von Ambient Jazz. Wer genauer hinhört, entdeckt immer wieder andere Muster, dreidimensional pulsierende Körper inmitten von Kreisen, eine verschnörkelte Ästhetik der Wiederholungen. Bei „Four Flowers“ erhebt sich ein selbstbewusster Saxofon-Sound über tänzerischen Arpeggios und druckvollen Drums, bei „Alia’s Abandon“ zieht sich zwischendurch auch mal Nick Smart zurück, beim wabernden „Fallow Tide“ spielen ein paar Vögel mit und bei „Submerge“ ein elektronisches Nebelhorn. Warum? Weil es ging. „Wir fühlten uns frei, Grenzen zu verschieben und stärker mit elektronischen, Beat-orientierten Texturen zu arbeiten – als würden all unsere bisherigen Erfahrungen in Mammal Hands zusammenfinden“, betont Jordan. Und ein neues Kapitel einleiten, auf das man sich freuen kann.

Aktuelles Album:

Mammal Hands: Circadia (ACT / Edel)