Mark Turner
Ein Meister der Erfindung
In Mark Turners Saxofonspiel werden immer wieder überraschende harmonische Beziehungen hörbar. Um den Raum dafür zu gewinnen, verzichtet der Amerikaner auf ein Klavier in seiner Band.
Von Hans-Jürgen Schaal
Mit 16 Jahren entdeckte er einst die Musik des Saxofonisten Warne Marsh. „Ich hatte sofort das Gefühl, dass dieser Stil mir die richtige Richtung vorgab“, sagt Mark Turner. „Bis ich 23 war, habe ich sehr ernsthaft an Marshs Melodielinien entlang geübt.“ Warne Marsh (1927-1987), der Cool-Tenorist aus der Tristano-Schule, war bekannt für seine mäandernden Läufe, seinen luftig-leichten Ton, seine blühende melodische Fantasie.
Das Luftig-Leichte, die harmonische Offenheit, das flexible Timing kennzeichnen auch Mark Turners Spiel am Tenor. Immer wieder schlägt er im Solo unerwartete Tonbögen durch gedachte Harmonien. Die beste Beschreibung seines Stils kommt von ihm selber – allerdings spricht Mark Turner dabei in Wirklichkeit über Warne Marsh: „Er ist ein Meister der Erfindung, der sich selten wiederholt. Er ist bereit, auf der Suche nach einer neuen Melodielinie auch musikalisch zu stolpern oder hinzufallen. Er improvisiert um jeden Preis. Er vertraut dabei vor allem auf Substanz, Platzierung, Antizipation und nicht so sehr auf Lautstärke, dynamischen Umfang und Tonfärbung. Er bringt eher eine innerliche Energie ein als eine äußerliche Spannweite. Er bleibt cool, was immer passiert.“
Seit geraumer Zeit bevorzugt Mark Turner Formationen ohne Klavier. Denn das Fehlen eines Harmonieinstruments gibt ihm mehr Raum für seine schwebende Chromatik, seine lyrischen Kapriolen, seine ganz unreißerische Abenteuerlust am Saxofon. Er sagt, der Verzicht auf Klavierakkorde bedeute einen „betörenden, erhöhten Sinn von Freiheit, Verantwortung und Nacktheit“.
Auch das neue Album Patternmaster kommt ohne Harmonieinstrument aus. Turners Band ist erneut ein Quartett mit zwei Bläsern, Bass und Schlagzeug – dasselbe Personal wie auf dem Vorgänger Return from the Stars von 2022. Auch Turners Bläserpartner, der wunderbare Trompeter Jason Palmer, liebt auf seinem Instrument das unaggressive, abstrakte Mäandern, die harmonische Offenheit, das Luftige und Verspielte. „Ein fantastischer Partner“, sagt Turner über ihn. „Er hat ein stilles Feuer in sich, dem ich mich verwandt fühle.“ Joe Martin (b) und Jonathan Pinson (dr) bilden das kräftig groovende Rhythmusgespann. Joe Martin weiß genau, welche Verantwortung er hat, wenn kein Klavier mit dabei ist: „Bei Mark wähle ich die Töne noch bewusster als sonst. Ein einziger Ton verändert alles, suggeriert Tonalität, Harmonie.“
Mark Turner liebt das klavierlose Format noch aus einem anderen Grund: Es fordert ihn als Komponisten heraus. „Man muss mit zwei bis drei Stimmen vieldeutige Harmonien schaffen, so dass ein Klavier nicht vermisst wird. Man arbeitet auch mit Intervallen und Kontrapunkt, so dass alle drei Stimmen eigenständig hörbar sind. Eine schwache Melodie funktioniert nicht ohne Akkordbegleitung – also stärkt es zudem deine melodische Erfindungskraft. Durch wechselnde Abschnitte schafft man Bewegung und Stimmungsumschwünge, für die sonst das Klavier zuständig wäre. Rhythmus, Taktart und Klangfarbe wirken ohne ein Harmonieinstrument stärker – also lege ich da ebenfalls mehr Gewicht darauf. Tonartenbeziehungen und Modulationen sind außerdem wichtig.“
Entsprechend interessant und komplex klingen die Kompositionen auf dem neuen Album. Die Themenköpfe bestehen aus gegensätzlichen Passagen und dauern häufig drei Minuten oder länger. Da wechseln die Rhythmen und Tempi, auf Legato-Teile folgen Stakkato-Teile, auf einen Walzer eine freie Time. Es gibt ausholende, abstrakte Motive oder lange, schnelle Linien. Es gibt pulsierende oder minimalistische Abschnitte. Es gibt imitierende oder gegenläufige Stimmen. Im Studio, sagt Mark Turner, stünden diese langen und komplexen Kompositionen oft mehr im Vordergrund als die Solisten. „Im Konzert ist das natürlich ganz anders. Da gibt es ausgiebige Improvisationen. Mich interessiert gerade, wie das geschriebene Material die Improvisation prägt. Die Musiker im Quartett haben das nötige Talent, die Klangfarben so zu verweben, zu formen, zu modulieren, dass solche langen und komplexen Formen Sinn ergeben. Einige der Stücke, etwa das Titelstück, haben sich durch die Konzerte aber schon ziemlich verändert.“
Ihren Namen verdankt die Titelnummer „Patternmaster“ übrigens wieder einem Stück Science-Fiction-Literatur – das hat bei Mark Turner schon Tradition. Diesmal ist es ein Roman von Octavia E. Butler, der als Inspiration diente. Turner bezieht den Titel „Patternmaster“ allerdings auch auf den großen, 2023 verstorbenen Kollegen Wayne Shorter: „Das Stück ist ein Kontrafakt zu Shorters ‚Pinocchio‘ und meine Hommage an sein Vermächtnis. Shorter war ein begeisterter Science-Fiction-Fan.“ Auch in anderen Stücken des Albums verbergen sich Respektbezeugungen an Kollegen. „Trece Ocho“ (13/8) bezieht sich auf Andrew Hills „Siete Ocho“ (7/8). Jason Palmers „It Very Well May Be So“ antwortet auf Duke Pearsons „Is That So“. Und das sehr kontrapunktische „Lehman’s Lair“ ehrt den Saxofonkollegen Steve Lehman.
Aktuelles Album:
Mark Turner: Patternmaster (ECM / Universal)



