Megaphon
Von Guido Diesing
Es gibt sie immer wieder, die bewegenden Momente mit diesem besonderen Zauber, wenn man betagte Musiker*innen auf der Bühne sieht, die auch im fortgeschrittenen Alter noch auf der Höhe ihres Könnens stehen, ungebrochene Kreativität ausstrahlen und im besten Fall ihr Spiel durch Erfahrung und Abgeklärtheit sogar noch auf ein neues Niveau heben. Ein beeindruckendes Beispiel war jüngst der Auftritt des 87-jährigen Charles Lloyd mit seinem Quartett in der Hamburger Elbphilharmonie – in der Mediathek des Konzerthauses steht er zum Nachsehen bereit. Die Vorstellung hat ja auch etwas Tröstliches, ja fast Romantisches, bis zuletzt im Kontakt mit Musikerkolleg*innen und Fans schöpferisch tätig zu sein und nach einem langen, erfüllten Leben verdientermaßen Anerkennung und Respekt zu ernten.
Die Wirklichkeit sieht leider häufig anders aus. Viele werden den bitteren Witz kennen, der vermutlich nicht nur unter Jazzern erzählt wird. Darin teilt ein Arzt einem Jazzmusiker voller Bedauern mit, dieser habe leider nur noch ein halbes Jahr zu leben. Worauf der Musiker antwortet: „Aber wovon?“ Dass das Durchschnittseinkommen von Jazzmusiker*innen in Deutschland kaum zum Leben reicht, wurde an dieser Stelle schon oft thematisiert. Zur traurigen Wahrheit gehört, dass ein niedriges Einkommen unweigerlich zu einer noch niedrigeren Rente führt. Das Weitermachen über den Eintritt ins Rentenalter hinaus hat dann weniger mit einem würdevollen Einfahren der Ernte zu tun, sondern wird zur schlichten Notwendigkeit zum Überleben. Hilfreich schien da die Idee der aktuellen Regierung, Rentnern im Rahmen der sogenannten Aktivrente immerhin zu ermöglichen, bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei hinzuzuverdienen. Doch tatsächlich haben freischaffende Musiker*innen nach den bisherigen Plänen gar nicht erst die Chance, von der neuen Regelung zu profitieren, wie die Deutsche Jazz Union (DJU) gemeinsam mit weiteren Musikverbänden beklagt. Die Vergünstigung soll nämlich ausschließlich für nichtselbstständige Arbeit gelten. Die Begründung im Gesetzentwurf, selbstständig Erwerbstätige bräuchten keine Anreize zur Weiterarbeit, bezeichnet die DJU treffend als „zynisch und fachlich unhaltbar“, schließlich sei die Selbstständigkeit ihrer Mitglieder „oft durch prekäres Einkommen und unsichere Perspektiven geprägt“. Die Forderung der DJU ist klar: „Viele unserer Mitglieder sind im Rentenalter weiterhin künstlerisch aktiv – aus finanzieller Notwendigkeit, gesellschaftlichem Engagement oder persönlicher Berufung. Sie leisten wertvolle kulturelle Arbeit und zahlen als Mitglieder der Künstlersozialkasse seit Jahrzehnten Beiträge in die gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Sie dürfen steuerlich auf keinen Fall gegenüber Angestellten benachteiligt werden.“
deutsche-jazzunion.de/2025/11/05/faire-regelung-aktivrente

© Nikola Milatovic
Ein Musiker, der für sich entschieden hat, nicht bis zum letzten Atemzug spielen zu wollen, ist Christian Muthspiel. Der österreichische Komponist und frühere Posaunist hat im Dezember mit einem abschließenden Auftritt des Orjazztra Vienna seinen Abschied von der Bühne gefeiert. Ausgezeichnet wurde er zu diesem Anlass mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Wenn andere klagen, wir hätten alle unser Kreuz zu tragen, kann er also ab sofort sagen: „Fragt mich mal!“ Zur Ruhe setzen will sich der 63-Jährige aber keineswegs: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass man bis zum Lebensende das machen muss, was man mal gut gemacht hat. Man muss einmal eine Türe zumachen, damit eine andere aufgehen kann.“
Gemeinsam mit dem Orjazztra Vienna und der Stimme von Ernst Jandl ist Christian Muthspiel auch unter den Ausgewählten auf der letzten Bestenliste des Jahres 2025 beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Auf dem Doppelalbum Vom Jandln zum Ernst bettet er Originalaufnahmen des Lautdichters in Big-Band-Arrangements ein. Unter den weiteren Geehrten: das Karl Ratzer Trio für Vienna Red und Mara Aranda für Sefarad en el corazón de Bulgaria.
www.schallplattenkritik.de/bestenlisten/2025/04

© Koho Mori
Dass Ernst Jandl auch zu den vielen künstlerischen Weggefährten zählte, mit denen Lauren Newton intensiv zusammengearbeitet hat, überrascht nicht, schließlich hatte die 1952 in Oregon geborene Stimmkünstlerin als langjähriges prägendes Mitglied im Vienna Art Orchestra enge Verbindungen in die österreichische Kulturszene und war als experimentierfreudige Virtuosin im Umgang mit Silben, Lauten und jeder Form stimmlichen Ausdrucks ein perfektes Gegenüber für den Dichter. Jetzt wurde Lauren Newton im Rahmen des Jazzfests Berlin mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet. Die Jury lobte, sie habe „einen künstlerischen Weg verfolgt, den keine vor ihr gegangen ist“. Das mache sie zu einem „Fixstern der Improvisierten Musik, eine (ideale) Gesamt-Musikerin, die alles zugleich ist: Komponistin und Interpretin, Schöpferin und Improvisatorin, Sängerin und Instrumentalistin ihrer Stimme, Abrissbagger abgestumpfter Klischees und Baumeisterin einer neuen Welt aus Klang und tiefer, menschlicher Kommunikation.“
Wer den Namensgeber des Preises besser kennenlernen möchte, dem oder der bietet Albert Mangelsdorffs Heimatstadt Frankfurt a.M. eine neuartige Möglichkeit an. Zum 20. Todestag wurde in der Frankfurt History App eine Audiotour eingerichtet, mit der man auf den Spuren des Posaunisten durch die Stadt geführt wird. Der multimediale Spaziergang sei ein künstlerisches Experiment, erklärt Dr. Doreen Mölders, Direktorin des Historischen Museums Frankfurt: „Mit O-Tönen, Musikausschnitten und einer Erzählerperspektive erinnert der Rundgang an ein Radio-Feature, das zu neun Lebensstationen und Orten des berühmten Frankfurter Jazzmusikers führt. Der Rundgang führt vom Hauptfriedhof bis zum Jazzkeller und informiert über das Leben und Werk des weltberühmten Posaunisten.“ Mal abwarten, was sich die Stadt zum nächsten Gedenktag einfallen lässt: 2028 jährt sich Albert Mangelsdorffs Geburtstag zum 100. Mal.
Was man als Posaunist noch so werden kann? Z.B. Künstlerischer Leiter des Bundesjazzorchesters (BuJazzO). Jörn Marcussen-Wulf, Komponist, Arrangeur, Posaunist und Dirigent, wird künftig als Doppelspitze gemeinsam mit Theresia Philipp die musikalische Ausrichtung des Nachwuchsensembles gestalten. Er ist bereits Dozent an der Hochschule Franz Liszt in Weimar und Künstlerischer Leiter der Big Band Fette Hupe und des Landesjugendjazzorchesters Hamburg.

(c) Sophia Spring
Eine besondere Anerkennung wurde ACT-Gründer und Produzent Siggi Loch zuteil. Im Rahmen der Feier seines 85. Geburtstags erhielt er in Berlin den Lifetime Achievement Award for Jazz Recordings vom führenden US-Jazzmagazin DOWNBEAT. Nach erfolgreichen Stationen im Musikgeschäft bei der EMI und als Europa-Chef von Warner Music hatte Loch 1992 sein Label ACT gegründet, mit dem er die Karrieren von Musikern wie Esbjörn Svensson, Nils Landgren, Michael Wollny und Nguyên Lê entscheidend prägte. Seit 2012 kuratiert er die Reihe Jazz at Berlin Philharmonic, die mittlerweile auch schon ihre fünfzigste Ausgabe erlebt hat. Nach Manfred Eicher ist Siggi Loch erst der zweite deutsche Preisträger, der vom DOWNBEAT für sein Lebenswerk geehrt wird.
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@3 Tage Jazz Saalfelden
Im Januar – oder Jänner, wie man dort zu sagen pflegt –, genauer vom 23.-25., wird mit dem Festival „3 Tage Jazz Saalfelden“ das neue Jazzjahr im Salzburger Land begrüßt. Zu den Höhepunkten im Programm der kleinen Schwester des Jazzfestivals Saalfelden gehören das Duo von Vincent Courtois und Colin Vallon, das Trio MŸA um Robinson Khoury und das Soloprogramm von Jelena Popržan mit Viola, Stimme, Looper und Humor.
www.jazzsaalfelden.com/de/3-Tage-Jazz-2026
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© Sylvain Gripoix
Drei Tage Ende Januar? Das geht noch kürzer und auch früher, sagt man sich beim Internationalen Jazzfestival Münster. Bei der Shortcut-Ausgabe, die im jährlichen Wechsel mit dem kompletten dreitägigen Festival stattfindet, ist am 3.1. im Theater Münster neben den Lokalhelden des Quartetts Ruf der Heimat und dem Duo Anw Be Yonbolo auch hier Robinson Khoury mit von der Partie, allerdings in anderer Besetzung mit dem Quatuor Demi-Lune. Den Schlusspunkt setzt Rays of Light, das Quintett des Trompeters Richard Koch.
www.theater-muenster.com/produktionen/internationales-jazzfestival-muenster-2026-shortcut-465.html
Wer sagt eigentlich, dass ein E-Bass nur vier Saiten haben darf, fragte sich Anthony Jackson und beauftragte schon in den 1970er Jahren Instrumentenbauer mit der Entwicklung eines sechssaitigen Instruments. Das spielte er fortan in Aufnahmen mit Größen wie Roberta Flack, Al Di Meola, Paul Simon, Chick Corea und zahllosen anderen. Als er 2017 nach mehreren Schlaganfällen seine Karriere beendete, hatte er an Aufnahmen von über 500 Jazz-, Pop- und Soulalben mitgewirkt. Im Oktober 2025 starb Anthony Jackson mit 73 Jahren an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung.

© Michael Kunz
70. Geburtstag und 50-jähriges Bühnenjubiläum – für Christoph Spendel sollte 2025 eigentlich ein Jahr der feierlichen Rückschau werden, dem noch viele weitere hätten folgen sollen. Gerade hatte der in Frankfurt lebende Pianist und Komponist sein neues Album Piano Graffity veröffentlicht, als er am 7. November bei einem Konzert einen Herzinfarkt erlitt, in dessen Folge er starb. Spendel spielte in den 1970ern und 80ern mit der ersten Riege deutscher Jazzer wie Albert Mangelsdorff, Manfred Schoof, Gerd Dudek und Michael Sagmeister zusammen, wandte sich dann dem Fusion Jazz zu und lebte längere Zeit in den USA. Ab 1999 wirkte er als Professor für Jazzpiano an der Frankfurter Musikhochschule.
Doch es gibt auch gute Nachrichten: Der Schreck in der Schweizer Jazzszene war groß, als Peewee und Theres Windmüller, Herausgeber und Verleger des Magazins JAZZ’N’MORE, Anfang September zum Ende des Jahres das Aus ihres Hefts nach 29 Jahren bekanntgaben und als Gründe die finanzielle Belastung, den Arbeitsaufwand und die angeschlagene Gesundheit von PeeWee Windmüller nannten. Doch nun machte Letzterer den Lesern Hoffnung, denn nicht nur Anteilnahme und Dank seien die Reaktion auf die Ankündigung gewesen: „Es wurden auch spannende und konstruktive Lösungsvorschläge an uns herangetragen und dank Vermittlung eines großen Jazzfans konnte ein Kontakt zu einem renommierten Verlag geknüpft werden. Ein erstes Gespräch hat bereits stattgefunden, und wir sind sehr optimistisch, dass wir zusammen mit dem bestehenden Redaktionsteam JAZZ’N’MORE in eine positive Zukunft führen können.“ Seine Frau und er, so der Plan, könnten sich dann nach einer Übergangszeit nach und nach aus der Arbeit an der Zeitschrift zurückziehen. Wir wünschen viel Erfolg!
Eine vergleichbare überraschende Wendung zum Guten scheint es für die Konzertreihe Jazz in Essen nicht zu geben. Nach über 40 Jahren droht ihr das Ende.
Nicht nur, dass das Sponsoring durch die Krupp-Stiftung nach zehn Jahren verabredungsgemäß ausläuft und die Fördergelder aus dem städtischen Kulturamt nicht mehr fließen sollen – auch der bisherige Spielort im Essener Grillo-Theater, wo die Reihe seit 1992 zu Gast war, steht wegen Platzmangels des Theaters infrage. Im November wurde zwar noch The Dorf mit dem jährlich bei Jazz in Essen vergebenen Jazz Pott ausgezeichnet, doch es spricht vieles dafür, dass die Großformation um Jan Klare der letzte Preisträger bleiben wird.
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In Bremen geht der Blick dagegen in die Zukunft. Die Besetzung der Showcases für die kommende jazzahead! (23.-25.4.) steht fest, und die Zahlen lassen erahnen, dass die Jurys bei der Auswahl für die 30- bis 45-minütigen Kurzkonzerte ordentlich zu tun hatten. Allein für die acht Plätze der German Jazz Expo gab es satte 175 Bewerbungen. Entsprechend groß ist das stilistische Spektrum der insgesamt 38 Auftritte in vier Konzertreihen, die den Jazzbegriff in Richtung Latin, HipHop, Metal, Funk und Electronica erweitern. Wer schon jetzt beginnen will, sich einen individuellen Showcase-Fahrplan zwischen den unterschiedlichen Messehallen und dem Schlachthof zusammenzubasteln, findet alle Namen unter:
jazzahead.de/showcases/#final-selection
Wer sich im Westen ab den 1970er Jahren für die Verbindung von Jazz mit östlichen Musiktraditionen interessierte, stieß irgendwann unweigerlich auf die Sängerin R. A. Ramamani. In Bands wie Sangam und Jazz Yatra, häufig gemeinsam mit ihrem Mann, dem Perkussionisten T.A.S Mani, wurde sie zur Botschafterin der karnatischen Musik Südindiens. Sie spielte mit den Dissidenten und Charlie Mariano und war Leiterin des Karnataka College of Percussion. Im Oktober ist R. A. Ramamani im Alter von 75 Jahren gestorben.
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Auf dem langen Weg zum geplanten Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik in Berlin gibt es mal wieder einen Zwischenstopp. Unter dem Titel STOP OVER 4 – Perspectives bringen vom 8.-10.1. drei Mal drei Auftritte im Konzerthaus Berlin in Erinnerung, welches Potenzial in einem solchen Zentrum steckt. Mit Ingrid Laubrock, Julia Hülsmann und Christian Lillinger kuratieren drei renommierte Musiker*innen je einen Abend und erklären dem Publikum jeweils einleitend die Hintergründe ihrer Programmauswahl.
www.zentrum-under-construction.berlin/
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© Mike Højgaard
Was haben Osnabrück und New York gemeinsam? In beiden Städten gibt es einen Jazzclub namens Blue Note. Aber nur in einem der beiden (in welchem wohl?) findet vom 13.-15.3. das Jazzfestival Osnabrück statt. Top-Acts im Programm sind die Trios von Aaron Parks und Jakob Bro sowie das Quartett hilde. Tickets gibt es unter:
Der 1995 in Hamburg geborene Trompeter, Arrangeur und Komponist Michel Schroeder darf sich über den Werner Burkhardt Musikpreis der Hamburgischen Kulturstiftung und 7.500 € Preisgeld freuen. Die Jury beschreibt ihn als vorwärtsgewandten Musiker, der sich von Genregrenzen nicht einengen lässt, und lobt: „Mit fein moduliertem Trompetenton spielt er fesselnde Melodien, seine Kompositionen sind von dichten Texturen und langen Spannungsbögen geprägt, die viel Raum für Improvisation lassen.“ Die Preisverleihung findet am 19.1. in der JazzHall Hamburg statt.

© Frank Rumpenhors
Der wichtigste Preisträger fehlt allerdings noch. Instrument des Jahres 2026 ist – das Akkordeon! Die Landesmusikräte der deutschen Bundesländer kürten damit nach eigenen Worten einen „echten Alleskönner mit vielen Klangfarben für kleine intime Kammermusik, aber auch für die große Bühne“ und haben mit dieser Einschätzung natürlich völlig recht. Das Akkordeon steht damit für dieses Jahr auf einer Stufe mit dem Rebhuhn (Vogel des Jahres), dem Igelstachelbart (Pilz des Jahres), dem Blattkohl (Gemüse des Jahres) und dem Alpensalamander (Lurch des Jahres). Wir gratulieren und wünschen allen Leser*innen ein gutes neues Jahr mit reichlich anregender Musik – ganz gleich, ob mit oder ohne Akkordeon.



