Megaphon

Von Hans-Jürgen Linke

Neil Young weiß, für wen er seine Musik schreibt, spielt und singt – und für wen nicht. Trump zum Beispiel und die, die ihn unterstützen, sind schon mal keine bevorzugten Adressaten. Auch Jeff Bezos nicht, der gern teuer gekleidet um den US-Präsidenten herumscharwenzelt. Neil Young hat dessen Konzern Amazon darum verboten, seine Musik weiter zu vertreiben. Grönländer hingegen dürfen diese ab sofort umsonst hören. Und Bruce Springsteen hat sogar einen veritablen Protestsong gegen die „korrupte, inkompetente und verlogene“ Regierung in Washington geschrieben. Keep on rocking in the free world!

© Manfred Rinderspacher

Jazz-Gitarrist? Es ist nicht ganz falsch, kurz zu zögern, bevor man dem 1940 im US-Staat Washington geborenen Ralph Towner diesen Titel gibt – aber wo sonst sollte sich sein Gitarrenstil verorten lassen? Towners Gitarre war immer eine akustische, auf der er barocke Kontrapunktik mit Rhythmen und Melodien, die von brasilianischer Musik und der Jazztradition inspiriert waren, zu einem eigenen Ansatz vermittelte, den er selbst einmal als „pianistisch“ bezeichnete. Im 1970 gegründeten Quartett Oregon wirkte er als Komponist und spielte Keyboard und Gitarre. Die Band war nachhaltig bahnbrechend. Sie kreierte ein ausgeprägtes und unverkennbares Klangkonzept, legte sich aber stilistisch nicht fest. „Wir können alles spielen, von der Zwölfton-Tradition über atonal klingende Musik bis hin zu Polkas, Tangos und allem anderen, was einem so begegnet“, meinte Towner. Sein Werk umfasst neben der Präsenz bei Oregon u.a. Solo- und Duoalben sowie die Mitarbeit an Alben anderer Musiker. Er gehörte beim Label ECM über vier Jahrzehnte zu den festen Größen, komponierte daneben Orchesterwerke, Kammermusik und Filmmusik. Darüber hinaus war er Autor eines Buchs über Spieltechnik und Improvisation auf der Gitarre. Am 18.1. ist er mit 87 in Rom gestorben.

Miles Davis wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Gerade rechtzeitig also hat Stefan Hentz sein Buch Miles Davis – Sound eines Lebens fertig bekommen, das im Reclam Verlag erschienen ist. JAZZTHETIK verlost fünf Exemplare dieses lesenswerten Buches unter allen Neuabonnent*innen. Zuschriften unter

jazzthetik.de/premiumabo-2020

© Hans Kumpf

Rolf Riehm war Professor für Tonsatz an der Frankfurter Musikhochschule, als 1976 ein Student zu ihm kam, der eine Soziologie-Diplomarbeit über Hanns Eisler geschrieben hatte und den vierstimmigen Satz erlernen wollte. „Das war Heiner Goebbels“, erinnerte sich Riehm. „Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, in einem Blasorchester mitzuwirken, das er gerade mit dem Jazzer Alfred Harth aufzog.“ So kam Riehm zum Sogenannten Linksradikalen Blasorchester, das Einsätze im Umkreis der Frankfurter Sponti-Bewegung, in Gorleben oder bei Rock gegen Rechts hatte. Jazzer war er nie, obwohl das Blasorchester 1980, ein Jahr vor seiner Auflösung, beim Berliner Jazzfest auftrat. Riehm war Komponist kompromissloser Musik voll hochverdichteter historischer und politischer Reflexionen. Er fühlte sich keiner Schule zugehörig, verstand sich eher als kompositorischer Freibeuter, schrieb Musiktheater-, Solo- und Ensemblewerke, Orchesterkompositionen, Stücke für Solist*innen, oft mit elektronischen Zuspielen. Am 3.1. ist Rolf Riehm mit 88 Jahren gestorben.

© Hans Kumpf

Schon ziemlich lange her, aber einige erinnern sich vielleicht noch an den New Violin Summit, ein MPS-Album, auf dem 1972 lauter erlauchte Jazzgeiger zu hören waren. Michał Urbaniak war einer von ihnen. 1943 in Warschau geboren, spielte er von 1962 bis 1964 bei Krzysztof Komeda, zog 1969 nach Schweden und einige Jahre später mit seiner Frau, der Sängerin Urszula Dudziak, in die USA, wo er in der Fusionszene ein exponierter Musiker war. Am 20.12.2025 ist Michał Urbaniak gestorben. Sein Begräbnis am 7.1. war ein Staatsakt.

© Hans Kumpf

Der Schweizer Pianist, Produzent und Komponist Christoph Stiefel, geboren 1961, war unter anderem bei Andreas Vollenweider beschäftigt, bevor er nach 1990 mit seiner eigenen Band in ganz Europa aktiv war und sieben Alben produzierte. Ab 1995 verfolgte er vor allem in Soloprojekten die Entwicklung seines Konzepts der Isorhythmen. Er komponierte ein Konzert für Klavier, zwei Schlagzeuge und Streichorchester für das Zürcher Kammerorchester, schrieb Musik für Hörspiele, Filme und Werbung und war Dozent der Abteilung Jazz an der Hochschule Luzern. Christoph Stiefel ist am 26.1. gestorben.

© Marcus Bartelt

Der WDR Jazzpreis geht in diesem Jahr an den Gitarristen Hanno Busch. Die Jury hob seine gefühlvolle, frische und kreative Spielweise hervor, mit der er sich „mühelos zwischen Jazz, Rock, Blues, Pop und anderen Genres“ bewegt. Busch ist Dozent für Gitarre und Ensemble Jazz / Pop an der Kölner Musikhochschule. Der Nachwuchspreis des WDR geht an die Big Band der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, die von Marcus Bartelt geleitet wird. Die Band besteht aus Studierenden der Bereiche Musik, Ästhetische Erziehung und Musikvermittlung und hat sich im Laufe ihrer über 40-jährigen Geschichte ein breites Repertoire erarbeitet. Preisverleihung ist am 27.3. in Viersen, wo auch die WDR Big Band unter der Leitung von Jörg Achim Keller spielen wird.

Konzert am 21.07.2018 in Germersheim
Sly Dunbar drums, Robbie Shakespeare bass,
Nils Petter Molvær trumpet,el.
Eivind Aarset guitars,
Vladislav Delay electronics
© Manfred Rinderspacher

Lowell „Sly“ Dunbar aus Kingston, Jamaika, begann früh mit dem Schlagzeugspielen. Weil er als Jugendlicher ein Fan von Sly Stone war, blieb „Sly“ als Spitzname hängen. Er spielte in einigen erfolgreichen Reggae-Bands und bildete mit Robbie Shakespeare das Duo Sly & Robbie, das auch als Produzenten-Duo arbeitete. In den 1970er Jahren spielte er unter anderem mit Grace Jones, Joe Cocker, Bob Dylan und Herbie Hancock. 2015 waren Sly & Robbie mit Nils Petter Molvær auf Tournee. Im Januar starb Dunbar im Alter von 73 Jahren.

Gratulation! Die Internationale Jazzwoche Burghausen feiert in diesem Jahr ihren 55. Geburtstag. Für das Finale des 16. Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreises hat die Jury fünf Formationen nominiert: das Trio BÖE (Deutschland/ Belgien), das polnische Quartett Know Material, das Duo Percusiano (Deutschland), das britisch-iranisch-portugiesische Phemo Quartet sowie das deutsche Trio RENNER. Die Preisverleihung am 17.3. bildet zugleich den inoffiziellen Jazzwochen-Auftakt. Die Erstplatzierten erhalten neben einem Preisgeld von 5.000 € das Privileg, am Folgetag die 55. Internationale Jazzwoche Burghausen als Vorgruppe der Mike Stern Band zu eröffnen. Zwei Tage später folgt ein Auftritt im Münchner Bergson Kunstkraftwerk. Der zweite und dritte Platz des Wettbewerbs sind mit 3.000 bzw. 2.000 € dotiert.

© Hans Kumpf

Richard Allen „Richie“ Beirach, Jahrgang 1947, war Pianist und Komponist, spielte in den 1970er Jahren mit Stan Getz, Dave Holland, Jack DeJohnette und Dave Liebman, war Sideman bei John Abercrombie, Chet Baker und John Scofield und von 1981 bis 1991 unter anderem Pianist der Band Quest. Von 2000 bis 2014 hatte er eine Professur für Jazzklavier in Leipzig. Er schrieb Filmmusik und lebte ab 2015 in der Pfalz. Im Januar ist er in Worms gestorben.

© Michael Goldman

Terri Lyne Carrington begann mit sieben, Schlagzeug zu spielen, war schon als Kind mit Jazzlegenden wie Dizzy Gillespie, Rahsaan Roland Kirk oder Oscar Peterson zu hören und später, neben ihren Soloprojekten, als Schlagzeugerin und Produzentin für u.a. Diana Krall, Cassandra Wilson, Herbie Hancock, Wayne Shorter und Joni Mitchell tätig. Das von ihr produzierte Dianne-Reeves-Album That Day wurde für einen Grammy nominiert, und 1999 gab es einen Grammy für Herbie Hancocks Gershwin’s World. Im Oktober 2002 wurde am Berklee College erstmals das Terri Lyne Carrington Endowed Scholarship vergeben, das ausschließlich für weibliche Instrumentalistinnen bestimmt ist. Im Januar wurde Terri Lyne Carrington Spitzenprofessorin am Jazzinstitut der Münchner Hochschule für Musik und wird bis Ende 2028 in München lehren.

Ismail Mohamed-Jan, genannt Pops Mohamed, Jahrgang 1949, wuchs in der indischen Community von Johannesburg auf und gründete dort mit 14 seine erste Band. Er war ein erstaunlicher Multiinstrumentalist, spielte und produzierte eine vielfach inspirierte Musik zwischen Kwela, Pop und Soul. Außerdem gehörte er zu den Förderern der Johannesburg Youth Orchestra Company und erhielt 2023 einen Preis für sein Lebenswerk. Er starb im Dezember.

Günter ‚Baby‘ Sommer hat die schrittweise Übergabe seines künstlerischen Vorlasses an die Staats- und Universitätsbibliothek Dresden vertraglich geregelt. Bis 2028 sollen Materialien aus mehr als sechs Jahrzehnten seiner musikalischen Arbeit in den Bestand der Bibliothek übergehen. Der Vorlass umfasst Tonaufnahmen, Konzertmitschnitte, Projektunterlagen und Korrespondenzen, darunter Briefwechsel mit Schriftstellern und Künstlern wie Günter Grass, mit dem ihn eine lange Zusammenarbeit verbindet. Die Sammlung dokumentiert außer Sommers musikalischer Entwicklung als bedeutender Teil des Jazz in der DDR eine dichte Vernetzung von Jazz, Literatur, Theater und Bildender Kunst. Sommer, Jahrgang 1943, hat einen vielfältigen und unverwechselbaren Schlagzeugstil entwickelt und gehört zu den prägenden Figuren des aktuellen europäischen Jazz.

ERRATA: Das JOE Festival 2026 hatte keineswegs dasselbe Programm wie ein Jahr zuvor, obwohl der JAZZTHETIK-Veranstaltungskalender das so erwähnte. Am 19-21.2. spielten in der Essener Zeche Carl das Sheen Trio, Almost Natural und Pulse X, am zweiten Abend Carl Ludwig Hübsch / Phil Minton, die Leipziger Band Crutches, danach Ingrid Laubrock / Tom Rainey, am letzten Abend Elliott Sharp, Helicopter und Nik Bärtsch solo.

HI-Five Jazz Musikpreis: Der Rotary Club Hildesheim lobt bis zu zwei mit insgesamt 10.000 € dotierte Musikpreise für Bands und Formationen in der Kategorie Jazz aus und stellt das Preisgeld zur Verfügung. Die Jury bewertet vor allem das musikalische Wirken der vergangenen drei bis vier Jahre nach Kriterien wie Virtuosität, Kreativität, Zusammenspiel, Eigenständigkeit und Bühnenpräsenz. Die Bewerbungsfrist für den HI Five Jazz Award 2026 endet am 28.3. Preisverleihung und Preisträgerkonzert werden am 20.11. im Theater Hildesheim stattfinden. Bewerbungen per Mail an

kontakt@hi-five-rotary.de

www.hi-five-rotary.de

Ab März startet die Initiative Musik ihre neu ausgerichteten Förderprogramme unter dem Namen German Music Export. Unternehmen und Künstler*innen sollen mit niederschwelligen, wirksamen Förderangeboten bei ihrem internationalen Wachstum unterstützt werden. German Music Export schafft damit ein gebündeltes Angebot für Musikunternehmen und Professionals. Das Programm umfasst flexible Maßnahmenpakete zur internationalen Positionierung von Künstler*innen aus Deutschland. Die bisherige „Internationale Tourförderung“ wird durch das neue Programm „Internationale Live- und Showcaseförderung“ ersetzt. Es richtet sich gezielt an Künstler*innen mit internationalem Entwicklungspotenzial und unterstützt Auftritte im Ausland. Anträge können jederzeit digital gestellt, finanzielle Mittel flexibel abgerufen werden.

www.initiative-musik.de/german-music-export

Die Stadt Köln vergibt auch im Jahr 2026 zur Förderung junger Künstler*innen u.a. zwei Förderstipendien im Bereich Musik (Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendium für Komponist*innen Neuer Musik sowie Horst-und-Gretl-Will-Stipendium für Jazz/Improvisierte Musik). Die Stipendien sind mit jeweils 12.000 € dotiert. Zur Teilnahme am Auswahlverfahren sind junge Kunstschaffende berechtigt, die im Verleihungsjahr nicht älter als 35 Jahre werden. Für das Horst-und-Gretl-Will-Stipendium liegt die Altersgrenze bei 30 Jahren. Voraussetzung ist, dass die Bewerber*innen in Nordrhein-Westfalen leben. Preisträger*innen, die nicht aus Köln kommen, sollen während der Dauer der Förderung ihren Lebensmittelpunkt in Köln haben. Dafür wird ihnen ein städtisches Gastatelier zur Verfügung gestellt. Alle Informationen unter

www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/kultur/kulturfoerderung/foerderstipendien-fuer-junge-kunst

Seit vielen Jahren zeigt der Record Store Day (RSD), wie vielfältig und offen die Kultur der unabhängigen Plattenläden ist. Botschafters des RSD in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist in diesem Jahr Till Brönner, über den RSD-Koordinator Jan Köpke sagt: Er verleiht den unabhängigen Plattenläden eine starke, authentische und weit hörbare Stimme.“ Zum RSD 2026, der am 18.4. gefeiert wird, steuert Brönner eine exklusive Veröffentlichung für die teilnehmenden Plattenläden bei.

© Hans Kumpf

Vom 13.-15.3. wird das Osnabrücker Blue Note zur Bühne für das Jazz Festival Osnabrück, das die Stadt als Spielort für zeitgenössischen Jazz etablieren will. Wer neben Größen wie Aaron Parks und Jakob Bro (im Trio mit Joey Baron und Thomas Morgan) auf dem Programm steht, findet sich in einem Live-Tipp in diesem Heft und unter

jazz49.com

Im Dezember 25 fand die vorletzte Jahreshauptversammlung der Jazzinitiative Würzburg statt, auf der sich kein Kandidat für einen der Vorstandsposten zur Verfügung stellte. So war die Vollversammlung Anfang 2026 die letzte. Zum Glück hat sich der Verein mainJAZZ Würzburg bereit erklärt, alle Arbeitsbereiche der Jazzinitiative zu übernehmen. Das ermöglicht einen Übergang ohne Reibungsverluste und mit viel Erfahrung im Rücken. Die Auflösung der Jazzinitiative markiert somit den Anfang eines neuen Kapitels. Der Jazz in Würzburg stirbt nicht, er findet zukünftig nur unter einem anderen Dach statt.

mainjazz.de

Das waren jetzt 36 Jahre, in denen Philippe Ochem, Pianist, den kulturellen Austausch im Fach Jazz zwischen Deutschland und Frankreich sowie Frankreich und Ungarn befördert hat. Jazz d’Or, Jazz aus Gold – das war über Jahrzehnte ein rühriges Festivalkonzept, das immer wieder Neugier über Grenzen hinaus geweckt hat. Philippe Ochem findet, dass er ein legitimes Ruhestandsalter erreicht hat. Ein Nachfolger wird gesucht, was nicht leicht sein wird. An ihn selbst aber gehen die allergrößten Glückwünsche für seine bedeutende kulturelle Lebensleistung.

© Hans Kumpf

Die Jury für den

© Deutscher Jazzpreis / Fynn Freund

Deutschen Jazzpreis 2026 steht fest. Aber Moment, es ist nicht nur eine Jury, es sind drei. Sie teilen sich in eine Hauptjury, eine Fachjury und eine Sonderjury. Und ab da wird’s kompliziert: Zunächst werden aus allen Bewerbungen und Vorschlägen der Jurymitglieder auszeichnungswürdige Künstler*innen oder Leistungen nominiert. Dies geschieht, sofern für die jeweilige Preiskategorie nicht gesondert bestimmt, durch eine Fachjury. In einem zweiten Schritt wählt die Hauptjury für jede Preiskategorie aus je vier Nominierten eine*n Preisträger*in. Die Hauptjury setzt sich aus zehn entsandten Vertreter*innen der fünf Fachjurys sowie aus sieben weiteren Mitgliedern zusammen, die herausragende und anerkannte Persönlichkeiten des kulturellen öffentlichen Lebens mit Jazzaffinität sind. Aber bevor wir jetzt noch die nicht ganz kurzen Namenslisten der Jurys herunterbeten, nennen wir lieber die Website, wo Interessierte sich informieren und sogar Fotos der Juror*innen zu sehen bekommen können:

https://www.deutscher-jazzpreis.de/jury/