© Henry Schulz

STOP OVER 4: Perspectives

Berlin

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Von Stefan Hentz. Berlin zeigte sich am zweiten Januarwochenende als sonnige Hauptstadt in Sachen Jazz. Das dreitägige Stop Over 4: Perspectives im Konzerthaus am Gendarmenmarkt präsentierte einen Vorgeschmack auf das geplante Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik, dessen Bedeutung weit über die Perspektive eines lokalen Veranstaltungshauses hinausgeht. Vor zehn Jahren hatte Till Brönner die Vision eines deutschen House of Jazz vorgestellt, dessen Verwirklichung nun eine Projektgruppe im Zusammenspiel der IG Jazz Berlin und der Deutschen Jazzunion beharrlich vorantreibt.

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In der Januarsonne herrschte nun ungewohnter Optimismus. Nachdem das ursprünglich angepeilte Zentrum in der Alten Münze im Gestrüpp der divergenten Interessen für die Jazz-Aktiven zerronnen war, scheint sich nun einige Kilometer nordwestlich im L’Aiglon, einem ehemaligen Kino der französischen Besatzungskräfte nahe des stillgelegten Flughafens Tegel, eine neue Perspektive aufzutun. Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson legt Kennerschaft und Leidenschaft für die Sache der Musik in die Waage, der Senat hat finanzielle Unterstützung für das Zentrum bereits zugesichert. Die Unterschrift des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer zur dauerhaften finanziellen Beteiligung des Bundes soll in Kürze erfolgen.

Nun stellte sich die Szene in hellem Licht dar: Drei Abende mit drei Kurator*innen (Ingrid Laubrock, Julia Hülsmann, Christian Lillinger) mit jeweils drei (bzw. vier) verschiedenen Projekten pro Abend, mit einem in sich stimmigen musikalischen Bogen, der Berlin mit den verschiedenen Kontinenten der Welt verknüpfte. Es ergab sich ein abstrakt pointilistisches Bild mit spannungsgeladener Diversität auf hohem Niveau und gut ausgestatteter Konzertbühne.

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Interessanterweise waren es zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Trios mit Vibrafon bzw. Marimba im Zentrum, die mit sehr unterschiedlichem Spiel die Glanzlichter des Festivals setzten. Das New York Trio um Yuhan Su Lin an Vibrafon und präpariertem Klavier breitete am ersten, von der Saxofonistin Ingrid Laubrock kuratierten Abend ein luftig pulsierendes Klangbild mit ostasiatischen Untertönen aus. Das Berliner KOKO Trio mit der aus Japan stammenden Taiko Saito, Niko Meinhold (p) und Moritz Baumgärtner (dr) schob einen Abend später die Regler ein gutes Stück in Richtung forcierte Körperlichkeit. Die tänzerischen Bewegungen, mit denen sie an ihrem übergroßen Instrument die Distanz zwischen oberem und unterem Register überbrückte, unterstrichen die physische, mitreißende Energie ihrer Musik, die ins Archaische und ins Hochmoderne, Abstrakte ausgriff und für sich allein ein weites Feld improvisierter Gegenwartsmusik umriss.

Den Anschluss an zeitgenössische komponierte Musik stellten schließlich am dritten Abend der Kölner Pianist Lorenzo Soulès mit der Aufführung je eines Stücks von Iannis Xenakis und Elliott Carter her. Das New Yorker Trio des aus Salzburg stammenden Berlin/New Yorker Pianisten Elias Stemeseder schloss die Vielfalt des dreitägigen Stop Over 4 mit einem hochintensiven Improvisationsset an die Lebensgeister des post-klassischen Jazz an. Wenn es dem House of Jazz in Berlin gelingen sollte, die Versprechen seiner Pilotveranstaltungen einzulösen, dann kann sich die europäische Musikszene auf einen Kristallisationsort freuen, an dem Musik im Geist des Jazz und der Improvisation lebendig bleibt.