Thomas Wunsch – Wunsch-Bilder

Für das visuelle Erscheinungsbild von ECM Records wurden schon zahlreiche Bilder des Fotokünstlers Thomas Wunsch verwendet. Ein Einblick in die Zusammenarbeit.

Von Arne Reimer

Der Wiesbadener Thomas Wunsch ist viel unterwegs, sei es zum Fotografieren oder um seine Ausstellungen aufzubauen. Anfänglich arbeitete er in seinem Hamburger Studio noch als Mode- und Porträtfotograf und lichtete auch Musiker wie Sting, Yoko Ono, Frank Zappa, Joachim Kühn, Daniel Barenboim und Georg Solti ab. Schon damals bevorzugte er das quadratische Format, weil er es als optimal erachtet. Während seines Studiums der Kunstgeschichte hatte ihn die abstrakte Malerei begeistert, die er auf sein Medium, die Fotografie, übertragen wollte. Seine ersten analogen Experimente, im Jahr 2000 noch auf Diafilm, erinnerten ihn an die Cover seiner bevorzugten Plattenfirma ECM.

Arne Reimer: Wie und wo finden Sie ihre Motive? Kann das vor der eigenen Haustür sein oder reisen Sie lieber durch die Welt?

Thomas Wunsch: In Wiesbaden komme ich mir fast ein wenig blind vor. Besser ist sicherlich eine neue, ungewohnte Umgebung. Ich gehe mit einem selektiven Blick durch Städte, denn ich finde meine Motive im urbanen Raum, nicht in der Natur. Eine Baumrinde zum Beispiel funktioniert da nicht, es muss schon etwas sein, das von Menschen gemacht wurde. Dann fotografiere ich das. Zunächst waren meine Fotografien abstrakt. Landschaften oder verwischte Umrisse von Menschen waren zu erkennen, später wurden meine Bilder dann informell, da ging es ganz reduziert nur noch um Form und Farbe. Ich mag Störungen wie Kratzer auf Metall, also Gegenstände mit sichtbarem, zeitlichem Verfall, etwas, das verrostet oder verrottet. Diese Fotografien verändere ich dann noch extrem in der digitalen Nachbearbeitung am Computer, setze farbliche und graphische Akzente. Das bedeutet, meine aufgenommenen Fotos sind nur mein Quellmaterial.

Arne Reimer: Wie begann Ihre Zusammenarbeit mit der Plattenfirma ECM?

Thomas Wunsch: 2000 habe ich eine Mappe mit meinen Bildern an Manfred Eicher nach München geschickt. Zwei Tage später hat er mich angerufen, denn die Bilder gefielen ihm sehr gut. Ich bin daraufhin nach München gereist, und wir haben die Zusammenarbeit beschlossen. Seitdem läuft das. ECM hatte damals 800 Veröffentlichungen und ich konnte Manfred Eicher sagen, dass sich davon 400 in meinem Musikarchiv befinden. Dadurch verstand er, dass ich ihm nicht einfach nur ein Produkt verkaufen wollte, sondern die Musik seines Labels sehr gut kenne und schätze. Meine erste Schallplatte von ECM habe ich mir 1976 gekauft. Das war Cloud Dance von Collin Walcott. Damals habe ich nicht nach Labeln gekauft. Erst nach fünf Jahren fiel mir auf, dass all die tolle Musik meiner Sammlung ja bei ECM erschienen ist.

Arne Reimer: Wie kommen Bild und Musik zusammen? Wer trifft die Auswahl für das Cover?

Thomas Wunsch: Den Auswahlprozess übernimmt ECM, damit habe ich nichts zu tun. Ich gebe kein Feedback und will auch nicht gefragt werden. Manfred Eicher hört sich nach einer Aufnahme die Musik im Büro an, schaut dabei meine Bilder durch und entscheidet, welches passen könnte. Er hat ein sehr feines Gespür dafür. Ich habe jetzt 80 ECM-Veröffentlichungen, und bei keiner davon musste ich mich wundern, warum dieses oder jenes Bild ausgewählt wurde. Es passt immer wie die Faust aufs Auge zur Musik. Oft werde ich gefragt, ob ich beim Fotografieren die Musik schon kenne, was nicht der Fall ist. Ich bekomme von ECM auch keine Vorgaben. Meine Fotografien entstehen als freie künstlerische Arbeit. Wenn sie später von ECM zusätzlich als Cover genutzt werden, freue ich mich natürlich sehr.

Arne Reimer: Mich interessiert das Verhältnis zwischen Fotografie und Musik. Wenn Ihre Bilder für Cover genutzt werden, visualisieren sie Musik. Wann kann man sagen, dass es perfekt zusammenpasst? Wie wird eine Stimmung erzeugt?

Thomas Wunsch: Musik und Fotografie sind Kunstformen, die miteinander verwandt sind. Im Zusammenspiel geht es um synergetische Effekte. Beide sprechen Sensoren von uns an, die im gleichen Gehirnbereich zusammenkommen. Insofern überlagert sich das. Wenn jemand sich die Cover von ECM ansieht und bereits da schon assoziieren kann, welche Musik ihn erwartet, hat es funktioniert. ECM ist die Plattenfirma, die dieses Zusammenspiel am besten beherrscht.

Arne Reimer: Wonach suchen Sie, wenn Sie fotografieren? Wie würden Sie Ihre Bilder umschreiben?

.

.

Thomas Wunsch: Am besten gefallen mir meine Bilder, wenn ganz unterschiedliche Strukturen abgebildet sind: kleine Punkte, Linien, Flächen. All diese Einzelteile überlagern sich, und gleichzeitig gibt es so viele Details und Feinstrukturen zu entdecken. Dabei bevorzuge ich bläuliche oder grünliche Farben. Aber einige meiner Bilder haben auch einen weißen Hintergrund und eine schlichte Struktur, die nur von einem Strich unterbrochen wird. So ein Bild bekommt erst dann die richtige Balance, wenn Sascha Kleis, der Grafiker von ECM, Typografie dazusetzt. ECM macht das sowieso alles richtig. Wenn dann das fertige Produkt bei mir ankommt, ist das immer ein schönes Erlebnis.