In jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Parvaresh / Raffel

Rising Red

Timezone Records

4 Sterne

Joachim Raffels Klavier ist der Meister, schafft Räume, Leitern zum Draufklettern, Teppiche zum Fliegen. Die Erzählerin ist Shabnam Parvareshs Bassklarinette, sie färbt, fabuliert und rezitiert nach Belieben. Manchmal verwendet Raffel Side Effects wie ein indisches Harmonium, oder er präpariert das Klavier, ganz kurz ist seine Stimme zu hören, irgendwo an der Grenze zwischen Dada und Konnakol. Insgesamt sechs Stücke sind vom Gitarristen Steve Gibbs, sein „Geranium Skeleton Cycle“ ist unterbrochen von Raffels Titelstück: eine Art Lied der Neuen Musik, das bei Astor Piazzolla haltmacht, traditionell rhythmisiert, Raffel improvisiert jazzmäßig. Dann wieder etwas aus dem Gibbs-Zyklus, und immer wieder unerwartete Verläufe, die zu kreieren scheint überhaupt ein Anliegen von Parvaresh/Raffel zu sein. Ich vermute, um zu zeigen, dass es nicht nur um das eine gehen kann, sondern darum, Traditionen zu umarmen, ohne sie zu dekonstruieren, Freiheit muss gepflegt, nicht erkämpft werden. Und – reine Neugier – spielt es eigentlich eine Rolle, dass da zwei Generationen und (vielleicht) zwei Kulturkreise zusammen musizieren? Ich würde die beiden das sicher fragen, falls ich sie mal zu einem Wohnzimmerkonzert einladen kann. Rising Red ist ein Lehrstück, aber eins, das Spaß macht. Für Fans von gehobener dialogischer Improvisationskunst, neutönender Melodik, kontemplativer Freiheit, auch zurückgelehntem Genuss.

Jan Kobrzinowski

Rasgueo

Eleven

Galileo

4 Sterne

Flamencogitarre trifft Jazztrompete: Was zunächst ein bisschen seltsam klingt, ist in Wahrheit eine hervorragende Idee. Zumindest wenn man auf Musiker zurückgreifen kann, die ihr Spiel punktgenau dosieren können und die zudem offen für alles sind. Bei Rasgueo kommt all das zusammen. Der griechische Gitarrist Nikos Tsiachris, der durch Aufnahmen von Vincente Amigo seine Liebe zum Flamenco entdeckte, hat die Formation zusammen mit dem Jazztrompeter Martin Auer von nunmehr elf Jahren ins Leben gerufen, um zusammenzubringen, was zusammengebracht werden kann. Mit dem dritten Album Eleven setzen Rasgueo (benannt nach einer im Flamenco geläufigen Finger-Technik) diesen Weg nun fort und öffnen sich stilistisch noch weiter. Tatsächlich gehen die Einflüsse auf Eleven weit über Flamenco und Modern Jazz hinaus. Mal finden sich pulsierende Spuren westafrikanischer Musik (Gute Laune“), mal die wilden Klangmuster des Balkan-Jazz (Eleven“). Perkussionist Josè Ruíz Motos und Bassist Martin Lillich bereiten Tsiachris und Auer dafür den Boden mit ebenso souveränem wie vielseitigem Spiel, das ebenso sehr wild wie entspannt daherkommen kann, letzteres etwa bei dem herrlichen Colombiana“, wo traditionelle Flamenco-Phrasen auf einen Groove treffen, der vor allem dann, wenn die Trompete im Mittelpunkt steht, an den Buena Vista Social Club erinnert. Anstrengender wird es etwa bei den gegeneinanderlaufenden und mitunter holprigen Passagen von Crossing Paths“, aber selbst da gelingt es Rasgueo, alles zusammenzuführen und daraus etwas ganz Besonderes zu destillieren, was mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Thomas Kölsch

Bálint Gyémánt

Vortex of Silence

Jazzhaus / In-Akustik

3,5 Sterne

Fast wie E-Piano-Linien perlen Bálint Gyémánts Gitarrentöne beim ersten Album-Track aus den Boxen. Ich habe den ungarischen Jazz-Musiker vor vielen Jahren über seine Duo- und Band-Aufnahmen mit der Sängerin Veronika Harcsa kennengelernt – als kreativen Begleiter und Solisten. Jetzt ist er mit einem eigenen Trio am Start – Vince Bartók an der Bassgitarre und Dániel Ferenc Szabó an den Drums – und schwebt zwischen Jazz und Folk, zwischen akustischen Klängen und auch elektronischen Sounds. Dabei sind seine teils stark verfremdeten E-Gitarrentöne und synthetischen Effekte mit ganz viel digitalem Raumanteil Geschmacksache – gelegentlich überdecken sie aber die filigrane Arbeit des sehr interessant agierenden Drummers und auch die tiefen Basslinien komplett, so im zweiten Album-Track „Waltz for Mr. Diamond“ oder auch bei „Dancing Dragon“. Da sind poppig-folkige Stücke wie „Finding the Way Back“, „Tavaszi Szél“ oder der Titel-Track des Albums dank transparenterer Arrangements mit Akustikgitarre sehr viel eingängiger. Bálint Gyémánt ist ein virtuoser Gitarrist, dessen Musik hier aber nur in den ruhigeren Momenten ihre Ausdruckskraft entfaltet.

Lothar Trampert