Dhafer Youssef
Shiraz
ACT / Edel
4 Sterne
Youssefs erste Produktion für ACT stellt rein optisch eine der seltenen Ausnahmen in der jüngeren Geschichte des Labels dar. Anstelle der Abbildung eines Kunstwerks hat ACT-Mann Siggi Loch ein stimmungsvolles Foto mit einem sehr persönlichen Motiv des Künstlers für die Frontseite übernommen: eines von vier Motiven, die den Oud-Spieler und Sänger gemeinsam mit seiner Frau Shiraz Fradi zeigen. Dass ihr Vorname zum Albumtitel wurde, sagt schon Vieles. Die Musik hat der Tunesier, der in Frankreich lebt, aus einer Palette tiefer Emotionen gewonnen, allen voran seiner Liebe und einer demütigen Dankbarkeit, hatte seine Frau doch eine schwere Erkrankung zu überstehen. Mit Themen voller Sehnsucht beginnt und endet Shiraz. Im Verlauf des Albums gibt es mehrfach sanfte, andächtige Tracks. Erhebt Youssef seine Stimme, verbreitet das eine spirituell anmutende Kraft, gefärbt von seiner kulturellen und religiösen Prägung durch die islamische Welt. Andererseits entfaltet die neue, international besetzte Gruppe eine beträchtliche Spielfreude, wenn auch nicht so überbordend wie live, wo sie sich zeitweise gar in Reminiszenzen an Jazzrock-Acts Marke Weather Report ergeht. Mit Trompeter Mario Rom (Österreich, Youssefs vorübergehende Heimat) und Pianist Daniel Garcia (Spanien) holte Youssef erneut Cracks an seine Seite, deren instrumentale Stimmen Gewicht haben und sich wunderbar mit seinem Oud-Spiel verbinden. Swaeli Mbappe (b), Sproß von Zawinul/McLaughlin-Bassist Etienne, und Tao Ehrlich (dr) sorgen für ein schlagkräftiges Groove-Fundament auf dieser an Stimmungen reichen Reise.
Arne Schumacher
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Paul Bernewitz
Between the Years
Neuklang / in-akustik
4 Sterne

Der Winter hat in den hiesigen Breitengraden meteorologisch längst Einzug erhalten – Paul Bernewitz zieht mit seinem neuen Soloalbum „Between the Years“ akustisch mit. Insgesamt zwölf Stücke hat der Leipziger Pianist auf diesem Werk versammelt, die sich allesamt in zerbrechlichen Klangfarben präsentieren. Die künstlerische Reife des noch jungen Musikers spiegelt sich nicht zuletzt in der Reduktion musikalischer Themen: Statt auf eine Fülle an Ideen zu setzen, vertraut Bernewitz der poetischen Kraft seines Spiels. Der Einstieg ist mit der Interpretation von „Over the Rainbow“ durchaus gewagt, gehört das Stück doch mutmaßlich zu den am häufigsten gespielten Songs der Welt. Doch statt an der melodischen Oberfläche des Stückes zu kratzen, gelingt es Bernewitz, sich in die kompositorischen Tiefen des Standards zu begeben und diesen mit zarten Anschlägen im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben und Charakter zu füllen – eben ganz so, als wären die bekannten Akkordfolgen ihm selbst entsprungen. Gleiches gilt für die rührende Interpretation von „On the Street Where You Live“ aus dem Musical My Fair Lady, mit dem der Pianist das Album beschließt. Stücke wie diese schließen nahtlos an Eigenkompositionen wie „The Angels of Weed Seeds“ oder „Justification“ an. In seiner Gesamtheit wohnt Between the Years dabei ein durchaus radikales Moment inne: stellt es doch mitsamt seinem konsequenten Minimalismus inmitten einer bis zum Anschlag lauten Welt eine akustische Antithese dar. Ob sie gehört werden wird, bleibt abzuwarten. Verdient hätte sie es.
Luca Glenzer
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Finding Ways
Finding Ways
Edition
2 Sterne

Ist das „Garage Jazz“? Von der rockigen Variante hat das auf jeden Fall eine (t)rotzige Unbekümmertheit, die rohe Kraft und Energie. Aber auch das manchmal Ungelenke, sich in simplen Song-Strukturen bald Erschöpfende. Vom Jazz hat es leider nur sehr wenig. Nun ist Projekt-Kopf Sebastian Rochford ein versierter Musiker, Komponist und Produzent, der nicht nur an seinem Instrument, dem Schlagzeug, weiß, was er tut. Zudem kann der Engländer auf eine eindrucksvolle Diskografie zurückblicken: vom Duo-Album mit Kit Downes (2024 bei ECM erschienen) zurück zu seinen wohl größten Erfolgen mit der Band Polar Bear. Hinzu kommen genreübergreifende Kollaborationen mit Musikerinnen und Musikern wie Patti Smith, Brian Eno, Grace Jones und Adele. Handwerklich gibt es auch am aktuellen Album, mit dem Rochford, so die Plattenfirma, neue Wege gehen möchte, wenig auszusetzen. Außer dass es halt doch recht schlicht geraten ist. Acht Gitarristen werden in den Liner Notes genannt, darunter prominente Namen wie John Parish, Simon Tong (Gorillaz) und Adrian Utley (Portishead) – keiner hinterlässt einen nachhaltigeren Eindruck. Bassisten waren es nur zwei – mit dem gleichen Ergebnis. Macht in Summe: viel Akkord-Geschrammel, unambitionierter Grundton-Bass und nur selten diffizileres Power-Drumming. Da glaubt man gern, was am Ende des nur 33 Minuten langen Albums über dem letzten Stück geschrieben steht: „Don’t Know Where It’s All Leading To“.
Robert Fischer



