Ravi Ramsahye Prototype
Sunglint
Neuklang / Edel
4 Sterne
Ungerade Metren, Taktarten-Wechsel, verschachtelte Strukturen, gewagte Bögen – die Kompositionen von Gitarrist Ravi Ramsahye haben es in sich. Der gebürtige Schweizer mit familiären Wurzeln auf Mauritius im Indischen Ozean ist ein Tüftler mit hohen Ansprüchen. Was sich bedenklich verkopft liest, entfaltet auf dem zweiten kompletten Album seiner Prototype-Band einen erstaunlich organischen, intensiv schillernden und emotional gehaltvollen Fluss. Der Schlüssel: Ramsahyes Quartett ist eine gut abgestimmte, technisch exzellent gewappnete und bestens eingespielte Einheit; alles andere ließen die Stücke auch gar nicht zu. Sunglint hat einen thematischen Faden, der offenbar mit einem langen Aufenthalt des Gitarristen in der Heimat seiner Vorfahren zusammengeht: Sonnenglitzern auf dem Wasser, Wolken, Thermik, dazu Impressionen besonnter Inselorte. Das musikalische Spannungslevel ist hoch. Im Opener öffnet sich nach zwei Minuten plötzlich klanglich eine Tür, und man wird aus dem Ruhemoment heraus von einem harten Progrock-Riff erfasst, das ins Hymnische führt. Es gibt diverse andere Powertracks und -abschnitte („Cathartic Entropy“ hat klanglich und atmosphärisch Math-Metal-Kaliber), aber es überwiegt ein weit weniger aggressives, positives, farbenreiches Flair. Manchmal streift die Band – Tenorsax, Bass oder E-Bass, Schlagzeug plus Elektronik – gängige Jazzrock- und Fusion-Settings, beharrt aber auch da auf Komplexem. Soli stehen im Dienste der Stück-Entwicklung, Ramsahye produziert sich an keiner Stelle als exaltierter Saitenderwisch. Ein vielschichtiger, in mancher Hinsicht faszinierender Wurf.
Arne Schumacher
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Pierre Favre & Sergio Armaroli, Andrea Centazzo, Francesca Gemmo
The Art of Sound(s)
Hat Hut / NRW
4 Sterne
Wenn das Klavier – wie Cecil Taylor meinte – ein Instrument mit 88 gestimmten Trommeln ist und diese Charakterisierung auch für das Vibrafon gilt, könnte man die Gruppe, die Pierre Favre für diese Aufnahmesession um sich scharte, durchaus als Perkussionsensemble bezeichnen. Was nicht sein erstes wäre. Der Schlagwerker Andrea Centazzo, der Vibrafonist Sergio Armaroli und die Pianistin Francesca Gemmo bilden zusammen mit dem Schweizer Altmeister – er wird nächstes Jahr 90 – eine Formation, deren Musik für die sanftere Spielart der freien Improvisation in Europa steht. In einer Suite mit acht Sätzen werden fein ziselierte und pointilistische Improvisationen in Szene gesetzt, bei denen es manchmal vor Tönen nur so wuselt, die durcheinanderpurzeln und -prasseln und sich zu musikalischen Wimmelbildern verdichten. Hölzerne Tempelblocks und eine Vielzahl an Metallbecken, Gongs und Trommeln werden mit unterschiedlichen Stöcken, Klöppeln und Besen zum Klingen gebracht. Sie verbinden sich mit den Akkorden, Intervallen und kleinen Melodien von Piano und Vibrafon zu polymorphen Gebilden. Bei anderen Stücken geben die beiden Melodieinstrumente die Richtung vor und lassen subtile Klänge behutsam durch den Raum schweben, auf die die Schlagzeuger mit Fingerspitzengefühl antworten.
Christoph Wagner
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Jonas Sorgenfrei
Cracks in the Silence
Unit / Membran
5 Sterne
Does humor belong in music? Der Schlagzeuger und Komponist Jonas Sorgenfrei, Jahrgang 1993, schon früh mit renommierten Preisen bedacht und in Kritikerkreisen als eines der größten deutschen Jazztalente der vergangenen Jahre gehandelt, dürfte diese einst von Frank Zappa aufgeworfene Frage mit einem heftigen Kopfnicken beantworten – zumindest lassen Songtitel wie „Cool as a Cucumber“, „Dad’s Car“ oder „Jungle after Dusk“ vermuten, dass ihm gelegentlich der Schalk im Nacken sitzt. Auch der Albumtitel könnte mit einem mehrdeutigen Augenzwinkern gemeint sein: Cracks in the Silence verweist in der wörtlichen Übersetzung darauf, dass die „Risse in der Stille“ für ein facettenreich aufgesplittertes Werk stehen, bei dem die einzelnen Details mindestens so interessant sind wie das Ganze. In übertragenem Sinne sind aber vielleicht auch jene „Cracks“ gemeint, die sich da in der Stille (des Studios) versammelt haben – neben Sorgenfrei an Schlagzeug und Live-Electronics sind das Florian Trübsbach (sax), Rainer Böhm (p), Philipp Brämswig (g), Matthias Akeo Nowak (b) und Wanja Slavin (synth). Besonders erfreulich: die hörbar große Spielfreude dieser Band, der die ausgefeilt komplexen, gleichwohl eingängigen Kompositionen des Bandleaders viel Raum für solistischen Glanz und kommunikative Interaktion bieten.
Robert Fischer



