ADHD
#10
enja / Edel
5 Sterne
Die isländischen Sonderlinge von ADHD sind bei ihrem zehnten Album angekommen. Auch auf #10, konsequent durchnummeriert wie die Vorgänger, präsentieren sich Óskar (sax) und Ómar Guðjónsson (b, g), Thómas Jónsson (keyb) und Magnús Trygvason Eliassen (dr, perc) als das merkwürdigste und seltsamste Quartett, das man sich nur vorstellen kann. In manchem dem ironischen Gestus der deutschen Band Bohren & der Club of Gore verwandt, tauchen die vier Isländer noch wesentlich tiefer ein in einen idiosynkratischen Kosmos aus Fusion, Filmscores, Funk- und Bluesrock, Jazz und unendlich viel mehr. „Ingi Skula“ entführt in eine surreale Dub-Welt unter dem Eis. „Evangelos Odysseas Papathanassiou“ ist eine tiefe Verbeugung vor Vangelis – mit Mundharmonika im Ennio-Morricone-Gedächtnis-Stil! „Dynamo“ lodert psychedelisch wie ein Hawkwind-Track. „Leðurvesti“ verschränkt Country mit Hammond-Sounds und Folklore. Geradezu hymnisch steigert sich „Sama Ekki Sama“. Alle Zeit der Welt haben sie in „Tempus Fugit“. Als „Grün-Erwartung“ oder „Hoffnung auf Grünes“ könnte man „Græntvænt“ übersetzen: Hier spitzen sie ihren atmosphärisch dichten Nordic Jazz noisig zu. „Ahm“ könnte man einen Pedal-Steel-Choral nennen, in dem harmonisch auch „We Shall Overcome“ in der klaren Luft des Studio Sýrland im Herzen von Reykjavík liegt. Ein Track überraschender, kreativer und konsistenter als der andere. ADHD bleiben ein Phänomen.
Harry Schmidt
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Bill Laurance & Michael League
Close to Home
ACT / Edel
5 Sterne
Was für eine Ruhe! Was für ein Spiel! Was für ein Genuss! Mit Close to Home haben die Snarky-Puppy-Vordenker Bill Laurance und Michael League, die schon seit einigen Jahren auch als Duo erfolgreich sind, ihr Meisterwerk geschaffen. Piano, Bass und Oud gehen auf ihrem insgesamt dritten Album eine schlichtweg magische Symbiose ein, die zum Teil auf der engen Verbindung von Laurance und League basiert – aber auch zweifelsfrei mit dem Ort zu tun haben dürfte, an dem die Aufnahmen stattfanden. Dabei handelt es sich um das Château Palmer, eines der berühmtesten Weingüter von Bordeaux, für das das Label ACT seit 2023 eine exklusive Reihe mit ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern aufgelegt hat. Die besondere Atmosphäre klingt in jedem Ton mit, und wenn sich etwa bei „Luray“ das Vogelgezwitscher aus dem Park zwischen die hypnotischen Anschläge der Akkorde mischt und der Musik eine berührende Sinnlichkeit verleiht, jauchzt das Herz. Das gilt übrigens nicht nur für Balladen („Tenant“), sakral anmutende Nummern („Tiny Little Flames“) und lockerflockig groovende Stücke („Wisdom“), sondern auch für pulsierende Kompositionen wie „Sol Do Sul“ oder „Trust in You“. Stilistisch ist die Bandbreite bemerkenswert, reicht sie doch vom maghrebinischen Mittelmeerraum über Folk bis hin zu Minimal Music, ohne dabei aufgesetzt oder gekünstelt zu wirken. Vielmehr werden die Hörerinnen und Hörer eingeladen in einen ganz intimen Rahmen, sind mit dem Ohr ganz nah am und im Château Palmer und erleben dort Musik, die wie guter Wein immer besser wird. Und zum Genießen einlädt.
Thomas Kölsch
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C.A.R.
Bäckerei 2000
Planet Akwa / Broken Silence
4 Sterne
Ausdauernd und konsistent wie kaum eine andere Band pflegt das kosmische Ensemble, das einst als Jazzformation gestartet war, die Tradition der einst abfällig Krautrock genannten Musik aus der BRD. Konzerte geben C.A.R. ebenso in Jazz- wie Technoclubs. Nachdem ihr sechstes Album Valonia im vergangenen Jahr mit prominenten Gastbeiträgen wuchern konnte, sind die vier für Bäckerei 2000 zu der selbstgenügsamen Arbeitsweise zurückgekehrt, die sie zuvor für das Album Befunde seit 1999 erprobt hatten: Vier Tage Studio ohne Absprachen oder vorbereitetes Material, einfach alles anschließen (auch den Gameboy), alles aufnehmen. Heraus kamen wunderliche, mäandernde, groovende Stücke mit teilweise unerklärlichen Soundquellen und durchgehend sibyllinischen Titeln – am lustigsten: „Für 4K RAW Video Editing Benötige Ich Mehr Power“. Nicht nur im Humor ist der Einfluss der Can-Musiker Jaki Liebezeit und Holger Czukay ohrenfällig, aber natürlich sind auch die besten Beats der neunziger Jahre nicht spurlos an dem Quartett vorbeigegangen. Ein weiterer vor spontanen Ideen, Farben und Formen überbordender kosmischer Trip.
Eric Mandel



